Bandsalat Teil 3 – Uher Report Praxistest

Zunächst: Was soll der Quatsch? Gibt es einen vernünftigen Grund im Jahre 2021 Schlagzeug Grooves mit einem 45 Jahre alten Reporter-Tonbandgerät aufzunehmen? 

Aus „stompologischer“ Hör- und Sichtweise lässt sich nur sagen: es macht riesigen Spaß! Und schließlich geht es ja hier um die akustische Dokumentation der „alten“ Grooves. Diese konnten nur analog aufgezeichnet werden und der Klang mit allen seinen Unzulänglichkeiten und Besonderheiten hört sich vertraut an, meine ich.

Das Uher Report Stereo 4400 IC wurde von 1971 bis 1979 produziert. Der nicht gerade designpreisverdächtige Metallwürfel aus den Uher Werken München erfreute sich – bis zur Ablösung durch portable Kassettenrekorder Anfang der 80er Jahre – bei Radioreportern und Sendern weltweit großer Beliebtheit. Bei meinem aus einem Privathaushalt erworbenen Gerät funktionierte zunächst der rechte Kanal nicht. Das Mehrfache betätigen der Spurwahltasten hat den Fehler vollständig behoben. Zudem waren die Antriebsriemen ausgeleiert, so dass diese ersetzt werden mussten.

Der Charme des Analogen

Ein Vergleich der analogen Bandaufnahme mit analogen Fotografien drängt sich auf. Das analoge Foto setzt sich – sehr vereinfacht – aus Silberkörnern zusammen. Werden Negative und/oder Abzüge des Negativs digitalisiert, wird der optische Eindruck der Kornstruktur des Films miteingefangen. Je nach Auflösung des Films stärker oder weniger deutlich. Die akustischen Eigenheiten der analogen Bandaufnahme bleiben zum Teil, ähnlich wie die Besonderheiten der Filmemulsion, bei einer Umwandlung in Dateien erhalten. Das macht den Charme aus.

Ohne Zubehör geht es nicht. Adapterkabel zur Digitalisierung, Entmagnetisierungsspule, Wattestäbchen, Alkohol und (eher selten) ein ganz klein wenig Uhrmacher-Öl halten das Gerät funktionsfähig.

Zum Testen der Funktionsfähigkeit der inzwischen häufig über 50 Jahre alten Uher Geräte, ist die Nutzung von Originalzubehör sinnvoll. Damit lassen sich Fehler ausschließen, die in der fehlenden Kompatibilität zwischen veralteter deutscher Audio Din Norm und modernen Zubehör und neueren Mikrofon- und Audio-Anschlüssen bestehen können.

Zwei Original-Mikrofone von Uher mit der Bezeichnung M534. Zum Testen des Uher Report ideal, da die Mikros auf das Report abgestimmt sind. Das Paar der wenig benutzten Mikros war über eBay Kleinanzeigen für Euro 65,00 zu erwerben.

Ein erster Test mit Bandgerät und Schlagzeug

Nachdem nun alle notwendigen Komponenten zur Aufnahme und zur Digitalisierung zusammen sind, hier zunächst ein kurzer Aufnahmetest mit meinem Schlagzeug und dem Uher Report 4400 Stereo IC.

Ein Bo Diddley Groove aufgenommen mit dem Uher Report und zwei Uher M534 Mikrofonen. Wiedergegeben über den eingebauten Lautsprecher des Bandgerätes.

Je weiter man in der Zeit bei der Wahl der analogen Technik zurückgeht, umso aufwendiger wird es, die Brücke zur digitalen Musik-Publikation zu schlagen. Abgesehen von den ständig notwendigen Wartungsarbeiten und den eventuellen Reparaturen (siehe Bandsalat Teil 1 und Teil 2), muss man für die speziellen Adapter für Mikrofonanschlüsse, Kabelverlängerungen und Audioanschlüsse ein kleines Vermögen aufbringen.

Digitalisierung der Tonbandaufnahme

Die Umwandlung der Tonbandaufnahmen in digitale Formate ist hier mit einem Minimum an Technik zu sehen. Das niedrigpreisige Interface von Behringer und die freie Software Audacity reichen für die Erstellung von MP3 Dateien völlig aus.

Digitalisierung: Ein Interface kann über die Din-Audio-Buchse des Uher Report angeschlossen werden. Im Bildbeispiel wird die Stereo-Aufnahme zur digitalen Mono-Aufnahme. Auf einen in Auftrag gegebenen passenden Adapter mit 2 x Klinke (Stereo) sowie mit einer guten Abschirmung warte ich derzeit noch.

Der mit Audacity bearbeitete Groove, hier als MP3 Datei hochgeladen. Die Mikros standen für den Test ganz einfach vor dem Schlagzeug. In der Bearbeitung sind die Bässe (Bassdrum) etwas hervorgehoben und natürlich darf die Simulation eines 50er Jahre Raumhalls nicht fehlen. Ansonsten wurde die analoge Aufnahme unverändert übernommen.

Das waren spannende und lehrreiche Wochen! Jetzt aber freue ich mich, demnächst die Aufnahmen der alten Grooves für dieses Archiv mit der „Uher-Kiste“ fortsetzen zu können.

Dank an Herrn Klaus Diemer, der mit seiner kompetenten und großzügigen Hilfe sowie mit seinen verständlichen Artikeln den fehlerfreien Betrieb des alten Tonbandgerätes ermöglicht hat. Für jeden, der sich mit den Uher Report Tonbandgeräten befasst, lohnt sich der Besuch der Website www.tonbandservice.de von Klaus Diemer.

Christian W. Eggers (2. Oktober 2021) christian@stompology.org

(Letzte Aktualisierung dieses Beitrags: 2. November2021)

Bandsalat Teil 2 – Plug and Pray

Nachdem das 70er Jahre Uher Report Tonbandgerät nun endlich eingetroffen war und einer gründlichen Reinigung unterzogen wurde (siehe Teil 1), sollte es eigentlich losgehen. Zu früh gefreut!

Das Uher Report 4400 IC mit der berühmten „Reporter Bereitschaftstasche“ aus Leder. Kritiker meinten, die Tasche sei sehr nützlich: Endlich sei der Spulenlärm eines Report in den Griff bekommen.

Antriebsriemen wechseln

Nach einem ersten Testlauf lösten sich die wahrscheinlich uralten Antriebsriemen in Bruchstücke auf. Ein Crash-Kurs über YouTube, in dem ein etwas unkonzentrierter Dozent mit schlechter Beleuchtung den Wechsel gerissener und loser Riemen beschreibt, machte Mut zum selber Hand anlegen. Neue Gummiriemen gibt es natürlich über das Internet zu bestellen. Da Uher 1, 5 Millionen Bandgeräte des Typs Rekord verkauft haben soll, scheint sich ein reger Ersatzteilhandel wohl noch zu lohnen.

Bandgeräte der Report Serie sind so gebaut, dass auch ein Laie die notwendigsten Wartungsarbeiten durchführen kann. Der Riemenwechsel ist zwar fummelig, aber ohne das Entfernen von Platinen und Trennen von Verlötungen zu bewerkstelligen.

Die robuste Technik der Reports wurde nicht nur von Rundfunkreportern der ARD, sondern auch im „Kalten Krieg“ sowohl von West- wie auch von Ost-Geheimdiensten zur Aufzeichnung von Telefongesprächen eingesetzt. Überraschend für die Geschäftsleitung der Uher Werke soll gewesen sein, dass weltweit auch Hobby-Nutzer Gefallen an dem seltsamen Metallwürfel fanden.

Nach dem Ersatz eines gerissenen Antriebriemens und dem Austausch eines ausgeleierten Riemens läuft die Kiste wieder. Die Spulengeräusche halten sich in Grenzen. Die Uher Report Bandgeräte sind so gebaut, dass Verschleißteile gut zugänglich sind. Alle 2 bis 4 Jahre sollen laut Bedienungsanleitung die Antriebsriemen gewechselt werden. Insgesamt hat das Uher Report drei Riemen. Einer davon ist lediglich für das sehr genau arbeitende Zählwerk zuständig. Bricht einer der beiden Laufwerk-Antriebsriemen, geht nichts mehr.

Wiedergabe und Aufnahme

Die Wiedergabe von Musikaufnahmen über den internen Lautsprecher klingt sauber und ohne hörbare Gleichlaufschwankungen. Mono-Aufnahmen mit einer Bandgeschwindigkeit von 19 cm/s klingen (nach Entmagnetisierung und Tonkopfreinigungen) mit dem mitgelieferten einfachen Uher Mikrofon M 514 überraschend frisch und so warm, wie ich es mir erhofft hatte.

Mikrofone mit XLR Stecker an die Din-Buchsen des Uher Report anschließen

Nicht ganz einfach war es, Mikrofone mit XLR Anschlüßen mit den Mikrofon Din-Buchsen des Uher Report kopatibel zu verbinden. Nötig ist natürlich ein Adapter. Hier wird viel von Händlern versprochen und meist funktioniert die Verbindung entweder gar nicht oder nur mit einem sehr geringen Pegelausschlag. Erst mit der Hilfe eines Kenners wurde es nach vielen Irrungen und Wirrungen endlich gut. Hier ist die Belegung der Pole beschrieben:

„Zur Info, auch für den Rest der Leserschaft: Da Krischan die zweiadrigen Kabel mitgeliefert hatte, habe ich die Sache so realisiert, dass ich die XLR-Weibchen wie üblich verlötet habe: 1 = Masse/Schirm, 2 = hot, 3 = cold. Am DIN-Ende musste ich dann nur den kalten Draht mit dem Schirm zusammen an Pin 2 löten und den heißen an Pin 3. That’s ist.“ tonbandforum.de

Der Mann mit der Ledertasche

Statt am Schlagzeug zu sitzen, verbrachte ich ein Wochenende (insgesamt 20 Stunden) mit der Sanierung des unrettbar zerbröselten 70er-Jahre-Velours-Innenlebens der 1978 von Uher als Designer Tasche angepriesenen Verpackung aus Rindsleder.

Wie bekloppt muss man eigentlich sein?

Alles in allem: Es ist wohl etwas naiv zu glauben, dass man – egal was Verkäufer versprechen – ohne weitere Mühen und Kosten ein 45 Jahre altes Bandgerät einfach so nutzen kann. Ein Rückbau auf funktionierende analoge Technik in Verbindung mit Digitalisierungen ist richtig teuer. Es sei denn, man kann die beim Kauf einzuplanenden notwendigen Reparaturen an der Elektronik selber ausführen und hat sehr viel Zeit. Das ist mir leider nicht so sehr vergönnt.

„Plug and Pray“ statt „Plug and Play“.

Im 3. Teil dieses Artikels geht es um die Digitalisierung von Schlagzeugaufnahmen über ein Interface.

Christian W. Eggers – 28. September 2021 (letzte Aktualisierung dieses Artikels am 22. Dezember 2021) christian@stompology.org

Bandsalat Teil 1– Kauf und Erweckung eines 45 Jahre alten Tonbandgerätes

„Von Musikaufnehmen verstehe ich nichts. Aber bedenken Sie, junger Mann: Ihre Frau brauchen Sie länger als ein Tonbandgerät!“, sagte Adelheid B. (Name geändert) am Telefon. Ich hatte auf Adelheids Kleinanzeige zum Verkauf eines Tonbandgerätes mit der Bitte um eine Reservierung geantwortet. Schließlich wollte ich nicht den Hausseegen durch einen Spontankauf ohne die Zustimmung meiner Frau riskieren.

Das gereinigte Uher Report 4400 Stereo IC. Etwas verdünnter Essig für das Gehäuse und medizinischer Alkohol helfen gut. Die abnehmbaren roten Punkte sind zum Auffinden der Aufnahme-Tasten angebracht.

„Nun kostet das Tonband aber 5 Euro mehr!“

Sowohl meine Frau wie auch Adelheid zeigten sich gnädig. Fast wäre der Kauf am Versand gescheitert. Adelheid teilte mir grußlos per Mail mit, dass sie nun mal 83 Jahre alt sei, kein geeignetes Verpackungsmaterial finden könne und im Übrigen sei das Paket zu schwer für sie. Dank eines Services des Paketdienstes wurde das Gerät aus dem tiefsten bayrischen Wald  direkt bei Adelheid abgeholt („Jetzt kostet das Gerät aber 5 Euro mehr.“)   Einige Tage später war ich für 255 Euro der neue Besitzer eines  45 Jahre alten Gerätes der Marke Uher Report.

Die sich schleppend drehende Spule, begleitet durch den Lärm einer Großbaustelle, ließ Böses ahnen.

Wie ich erfahren hatte, verbrachte das Gerät schon vor dem Ableben des Ehemannes einige Jahre (Jahrzehnte?) im Keller. Nur kurz vor dem Verkauf hatte Oma Adelheids Enkel die Maschine an das Netz angeschlossen („alles funktionsfähig“) und tatsächlich: Das Ding lief! Und Geräusche kamen auch heraus. Die sich schleppend drehende Spule, begleitet durch den Lärm einer Großbaustelle, ließ Böses ahnen. Und dann war da dieser Geruch: abgestandener Keller, fein untermalt mit Nikotin; wahrscheinlich der Marke „Juno“.

So sehen Wattestäbchen nach der Reinigung eines verschmutzten Tonkopfes aus. Hier der Kopf eines Uher Report 4000 IC.

Die Freizeit der kommenden Tage verbrachte ich damit, das ehemalige Rundfunk-Reporter Gerät zu untersuchen und zu reinigen. Nachdem sich sogar der alte Nickel-Cadmium Akku aufladen ließ und das Gerät einige Stunden Vor- und Rücklauf hinter sich hatte ohne Protestgeräusche zu produzieren, bin ich wieder optimistischer.

 „Auwacka, wieder so ein Verrückter!“

Das alte mitgelieferte Band erschien mir zu verschmutzt um damit weitere Tests durchzuführen. Zum Glück gibt es ein Musikinstrumente-Versandhaus, welches Bandmaterial auf 13 cm Spulen liefert.

Nicht ganz einfach ist es, moderne Mikros und ältere amerikanische Mikros mit XLR-Verbindung mit den alten deutschen Din-Buchsen störungsfrei zu betreiben. Das Gerät hat vier verschiedene Geschwindigkeiten und muss manuell ausgesteuert werden.

Dann war da noch die Sache mit den Anschlüssen für die Mikrophone. Amerikanische Mikrophone mit einer deutschen 5-poligen Din-Buchse zu verbinden ist eine Wissenschaft für sich. Über das Internet wurde ich auf ein Hifi-Adapter Geschäft aufmerksam. „Auwacka, wieder so ein Verrückter!“, erklärte mir der Inhaber im besten Berliner Jargon. Nach einem etwa zweistündigen Gespräch, auch über „Mucke machen und so“, war dann geklärt, wie diese Kabel für die vorhandenen Mikros gelötet werden müssten.

Der Test von Aufnahme und Wiedergabe muss noch ein wenig warten. Davon werde ich im zweiten Teil dieses Artikels berichten.

Christian W. Eggers – 16. Oktober 2021 – christian@stompology.org

Berühmte Grooves – What’d I Say – Ray Charles

Zunächst nur eine ausgedehnte Improvisation zur Erfüllung der vertraglichen Spielzeit in einem Club und kurz darauf auf dem Weg zu einem R&B Klassiker: What’d I Say von Ray Charles, aufgenommen im Jahre 1959, gehört laut Rolling Stone Magazin zu den 10 größten Songs aller Zeiten. (1)

Aufgrund seiner kulturellen und historischen Bedeutung für die Vereinigten Staaten wurde der Song am 27. Januar 2003 in die National Recording Registry der Library of Congress aufgenommen. (2)

Hier kannst du auf YouTube den Song in der Studio-Version anhören.

Charles in the 1960s – William Morris Agency (management)/Photo by Maurice Seymour, New York – Quelle Wikipedia

Verbindung von Gospel und R&B

Musikgeschichtlich kommt dem Song gleich zweifach Bedeutung zu. Zum einen ist da die Stil-Fusion von Gospel und New Orleans R&B und darüber hinaus enthält der Song erotische Anspielungen, die Empörung auslösten, weil der Song in seiner Form als Bestandteil eines Gottedienstes verfasst wurde. In dem Song „tritt die Verbindung von R’n’B und Gospel sehr deutlich hervor. Das Stück übernimmt mit seinem Call-and-Response direkt die Kommunikationsform zwischen Prediger und Kirchengemeinde.“ (3)

Der Groove

Daniel Glass, Autor des Lehrbuches „The Commandments of Early Rhythm and Blues Drumming“ bezeichnet diesen Groove als Faux Rhumba: „One of the best-known faux rhumbas of all time is Ray Charles’s 1959 smash ‚What’d I Say‘ .“ (4) Mehr über „Faux Latin Grooves“ kannst du hier erfahren: „Boogie meets Latin“

Der Groove zum Song What’d I Say

Die Groove Melodie und Vorübung

  1. Takt: „Ding-die-die – Tack-die – Ding-die-die – Bam-Bam“
  2. Takt: „Ding-die-die – Tack-die – Ding Bam BAM Bam“
Die langsam gesungene Groove Melodie

Beim Einüben des Grooves hilft es wie immer zunächst ein langsameres Tempo zu wählen, so dass die Bewegungsabläufe sich nach und nach einprägen. Insbesondere die drei Tom- Anschläge hintereinander im zweiten Takt hakeln vielleicht zunächst etwas.

Besonderes Augenmerk ist auf die 16-tel Ride-Becken Figur zu legen. Da das Tempo der Original-Aufnahme mit fast 180 bpm sehr flott ist, bedarf es einer lockeren Stickhaltung, die viel Rückschlagenergie zulässt. Dabei hilft die harte Kuppe des Ride Beckens gut mit.

Notation des Grooves

Das Becken wird im Rumba Pattern auf der Kuppe gespielt. Auf der Zwei erfolgt ein Side Stick Anschlag auf der Snare. Abgerundet wird der Groove auf der Vier im ersten Takt mit zwei Tom-Tom Anschlägen und im zweiten Takt auf der 3-Und, der Vier sowie der Vier-Und. Die Bassdrum wird leise auf den Vierteln „durchgespielt“.

Der Drummer – Milt Turner

Milt Turner (1930 – 1993) war ein Jazz-Drummer, der sich als Pionier des frühen R&B in amerikanischen Musikerkreisen einen großen Namen machte. Seine produktivste Zeit hat er wohl in der 60er Jahren als Studiomusiker bei Atlantic Records.

Turner’s soulful drumming and light grooves, as on “What I Say,” helped make the song a huge crossover hit.

Drummagazine.com (5)

Wie so oft bei den Schlagzeugern dieser frühen Zeit der Musikproduktionen ist nicht viel über die Beteiligten und meist hervorragenden Musiker und Musikerinnen zu erfahren. Milt Turner ist in der Live-Aufnahme „Ray Charles live in Sao Paulo – Brazil 1963“ zu sehen und zu hören. Beeindruckend ist die Leichtigkeit gepaart mit Drive, mit der Turner diesen einzigartigen Groove trommelt.

Christian W. Eggers – 28. August 2021 (letzte Aktualisierung am 28. August 2021) christian@stompology.org

Quellen

Berühmte Grooves – Get Off of My Cloud – Rolling Stones

In der Vorbemerkung der Autoren des Songbook The Rolling Stones („Die Bibel“) des ehemaligen Verlages der 68er-Generation Zweitausendeins aus dem Jahre 1977 heißt es: „It’s only Rock ’n‘ Roll, but we like it…, dennoch: Leicht isses nich…“.

Dieser Eindruck mag sich bei dem genaueren Anhören des Songs Get Off of My Cloud der Rolling Stones bestätigen. (Link zum Song)

Deutsches Cover der 1965 erschienenen Single. Pressung der TELDEC „Telefunken-Decca Schallplatten GmbH“. Der Song war nach Satisfaction der zweite weltweite Nummer-Eins-Hit der Rolling Stones.

Intro und Groove

„Die zweite Nummer-1-Single der Stones nach (I Can’t get No) Satisfaction überrascht und begeistert mit einem fordernden, monotonen Schlagzeug-Muster, das man in einem derart erfolgreichen Song dieser Art so nicht noch mal zu hören bekommt. Strikt dem 4/4-Takt ergeben, reichert er (gemeint ist Charlie Watts; Anmerkung des Autors) den griffigen Song mit jeder Menge Fills an und lässt sich den gesamten Song über nicht mal ansatzweise aus der Ruhe bringen.“ (1)

Basis Groove der Strophen

Im ersten Takt der Basis Figur der Strohen spielt Charlie Watts eine Schlagfolge, die sehr typisch für die englische „Beatmusik“ der 60er Jahre ist. Auf der „Vier-Und“ wird einfach ein Snare-Schlag den üblichen 4/4-Takt Backbeats hinzugefügt. Auf der Zählzeit „Drei“ folgt dann der markante 16-tel Roll, den Charly Watts auch in vielen anderen Songs spielt.

Track 1: Basis Groove der Strophen

Variation des ersten Taktes des Basis Grooves mit einer 16-tel Figur

Die Zählzeit Vier im zweiten Takt des Intros

Das eingängige Intro beinhaltet auch gleich den Basis Groove der Strophen; mit einer kleinen Veränderung gegenüber dem Basis Groove auf der Zählzeit „Vier“ im zweiten Takt (siehe nachfolgende Notation, Zeile 2).

Ob die 32-tel Bassdrum-Snare-Figur gewollt oder als ungewollter Fehler zu hören ist, wird unterschiedlich beurteilt. Siehe Diskussion im drummerforum.de ab Beitrag #7. (2)

Zur Verdeutlichung ist die nachfolgende Aufnahme des Originals in der Wiedergabe stark verlangsamt. (3)

Track 2: Takt Zwei der Original-Aufnahme stark verlangsamt zur Darstellung der 32-tel Figur im Intro zweiter Takt Zählzeit „Vier“. Die Figur ist hier zweimal zu hören. Notenzeile unter Punkt 2 (Notationsvorschlag von „Chuck Boom“ http://www.drummerforum.de)

Für die Annahme, dass die Snare Bassdrum 32-tel Spielweise gewollt und kein Spielfehler ist, spricht, dass sie auch im vierten Takt des Songs auftaucht. In dem Original-Tempo mit 126 bpm ist es mir nicht gelungen die Figur zufriedenstellend zu reproduzieren.

Basis Groove des Refrains

Der in der Notation sehr einfach aussehende Groove des Refrains (in der Grafik unter Punkt 3) ist identisch mit dem des Songs Satisfaction. Wirkungsvoll ist in der Studio-Aufnahme das Händeklatschen auf den Grundschlägen hinzugefügt. Im Übergang zur Strophe wird die Intensität zusätzlich durch die Bassdrum im Achtel-Beat gesteigert.

Track 3: Groove im Refrain

Der Beat darf leicht „flamen“, damit die Schlagfolge nicht zu steril klingt.

Der Drummer – Charlie Watts

„Nach dem Ausstieg Chapmans umwarb die Band (gemeint sind die Rolling Stones; Anmerkung des Autors) den Jazz-Schlagzeuger Charlie Watts, der kurz zuvor Blues Incorporated verlassen hatte, da er sich als nicht gut genug empfand, um mit solch ausgezeichneten Künstlern zusammenzuspielen. Trotz seiner musikalischen Vorbehalte gelang es, den zögernden Watts, der zunächst hauptberuflich als Grafiker weiterarbeitete, vom Einstieg in die Band zu überzeugen. Am 12. Januar 1963 traten sie erstmals mit ihrem neuen Drummer im Ealing Jazz Club auf.“ (4)

Charlie Watts drums for his second band besides The Rolling Stones, The ABC&D of Boogie Woogie, in the Casino in Herisau, Switzerland on January 13th, 2010. Kaum ein Schlagzeuger verkörpert mehr den exzentrischen englischen Gentleman als Charlie Watts. Seine Angewohnheit mit Zylinder und im Frack auf Pferderennbahnen zu erscheinen, mag nicht allen Fans der Rolling Stones gefallen. Charlie Watts wird vom Publikum für seine freundliche Bescheidenheit, gepaart mit einem gesunden Misstrauen gegenüber Superlativen und Lob, geschätzt. Und natürlich als ein nicht wegzudenkendes Urgestein des Rock mit einer individuellen Spielweise im unverkennbaren Klang. Foto: siehe unter (5) „Bildnachweis Charlie Watts“.

„Und wenn er auf der Hi-Hat die Ride-Pattern spielt, dann arbeitet er gerade schlampig genug, damit sein eigener Sound vollkommen mit den schmutzigen Gitarrenklängen verschmilzt. Alles was Charlie Watts spielt ist durchtränkt von seinem Swing-Feeling … viele Typen haben gute Hände, aber es ist, als würde alles was sie spielen den Bach runter gehen, als würde es niemals abheben. Bei Charlie Watts stellst du plötzlich fest, dass du ein paar Zentimeter über dem Boden schwebst!“

Keith Richards über Charlie Watts (6)
Typisch Charlie Watts – Die „fehlenden“ Hi-Hat Backbeats

Eine Eigenart von Charlie Watts ist es, in einigen Songs in den 4/4-Takten die Hi-Hat auf den Zeiten „Zwei“ und „Vier“ pausieren zu lassen. Wo kommt das her? Verbreitet ist diese Spielweise im traditionellen Boogie Woogie. Ausgangspunkt ist der Boogie-Groove (RRLR) auf der Snare. Wird nun der Boogie-Groove in der Variation auf der Hi-Hat und auf der Snare gespielt, haben Pioniere des frühen R&B Drummings gerne den Anschlag der „Zwei“ und der „Vier“ auf den Hi-Hat Becken ausgelassen. (7)

Mit dem Weglassen der Backbeats auf der Hi-Hat entsteht Raum für einen klaren und scharfen Snare-Sound. Das klingt druckvoll und erfreut Tontechniker bei der Abnahme der Snare.

Aktualisierung vom 25. August 2021: Charlie Watts ist am 24. August 2021 im Alter von 80 Jahren verstorben.

Dank für die hilfreichen Hinweise und Diskussionen aus dem drummerforum.de und viel Freude beim Ausprobieren und Experimentieren!

Christian W. Eggers – 18. August 2021 (letzte Aktualisierung am 25. August 2021) christian@stompology.org

Quellen und Bildnachweis