Berühmte Grooves – What’d I Say – Ray Charles

Zunächst nur eine ausgedehnte Improvisation zur Erfüllung der vertraglichen Spielzeit in einem Club und kurz darauf auf dem Weg zu einem R&B Klassiker: What’d I Say von Ray Charles, aufgenommen im Jahre 1959, gehört laut Rolling Stone Magazin zu den 10 größten Songs aller Zeiten. (1)

Aufgrund seiner kulturellen und historischen Bedeutung für die Vereinigten Staaten wurde der Song am 27. Januar 2003 in die National Recording Registry der Library of Congress aufgenommen. (2)

Hier kannst du auf YouTube den Song in der Studio-Version anhören.

Charles in the 1960s – William Morris Agency (management)/Photo by Maurice Seymour, New York – Quelle Wikipedia

Verbindung von Gospel und R&B

Musikgeschichtlich kommt dem Song gleich zweifach Bedeutung zu. Zum einen ist da die Stil-Fusion von Gospel und New Orleans R&B und darüber hinaus enthält der Song erotische Anspielungen, die Empörung auslösten, weil der Song in seiner Form als Bestandteil eines Gottedienstes verfasst wurde. In dem Song „tritt die Verbindung von R’n’B und Gospel sehr deutlich hervor. Das Stück übernimmt mit seinem Call-and-Response direkt die Kommunikationsform zwischen Prediger und Kirchengemeinde.“ (3)

Der Groove

Daniel Glass, Autor des Lehrbuches „The Commandments of Early Rhythm and Blues Drumming“ bezeichnet diesen Groove als Faux Rhumba: „One of the best-known faux rhumbas of all time is Ray Charles’s 1959 smash ‚What’d I Say‘ .“ (4) Mehr über „Faux Latin Grooves“ kannst du hier erfahren: „Boogie meets Latin“

Der Groove zum Song What’d I Say

Die Groove Melodie und Vorübung

  1. Takt: „Ding-die-die – Tack-die – Ding-die-die – Bam-Bam“
  2. Takt: „Ding-die-die – Tack-die – Ding Bam BAM Bam“
Die langsam gesungene Groove Melodie

Beim Einüben des Grooves hilft es wie immer zunächst ein langsameres Tempo zu wählen, so dass die Bewegungsabläufe sich nach und nach einprägen. Insbesondere die drei Tom- Anschläge hintereinander im zweiten Takt hakeln vielleicht zunächst etwas.

Besonderes Augenmerk ist auf die 16-tel Ride-Becken Figur zu legen. Da das Tempo der Original-Aufnahme mit fast 180 bpm sehr flott ist, bedarf es einer lockeren Stickhaltung, die viel Rückschlagenergie zulässt. Dabei hilft die harte Kuppe des Ride Beckens gut mit.

Notation des Grooves

Das Becken wird im Rumba Pattern auf der Kuppe gespielt. Auf der Zwei erfolgt ein Side Stick Anschlag auf der Snare. Abgerundet wird der Groove auf der Vier im ersten Takt mit zwei Tom-Tom Anschlägen und im zweiten Takt auf der 3-Und, der Vier sowie der Vier-Und. Die Bassdrum wird leise auf den Vierteln „durchgespielt“.

Der Drummer – Milt Turner

Milt Turner (1930 – 1993) war ein Jazz-Drummer, der sich als Pionier des frühen R&B in amerikanischen Musikerkreisen einen großen Namen machte. Seine produktivste Zeit hat er wohl in der 60er Jahren als Studiomusiker bei Atlantic Records.

Turner’s soulful drumming and light grooves, as on “What I Say,” helped make the song a huge crossover hit.

Drummagazine.com (5)

Wie so oft bei den Schlagzeugern dieser frühen Zeit der Musikproduktionen ist nicht viel über die Beteiligten und meist hervorragenden Musiker und Musikerinnen zu erfahren. Milt Turner ist in der Live-Aufnahme „Ray Charles live in Sao Paulo – Brazil 1963“ zu sehen und zu hören. Beeindruckend ist die Leichtigkeit gepaart mit Drive, mit der Turner diesen einzigartigen Groove trommelt.

Christian W. Eggers – 28. August 2021 (letzte Aktualisierung am 28. August 2021) christian@stompology.org

Quellen

Berühmte Grooves – Get Off of My Cloud – Rolling Stones

In der Vorbemerkung der Autoren des Songbook The Rolling Stones („Die Bibel“) des ehemaligen Verlages der 68er-Generation Zweitausendeins aus dem Jahre 1977 heißt es: „It’s only Rock ’n‘ Roll, but we like it…, dennoch: Leicht isses nich…“.

Dieser Eindruck mag sich bei dem genaueren Anhören des Songs Get Off of My Cloud der Rolling Stones bestätigen. (Link zum Song)

Deutsches Cover der 1965 erschienenen Single. Pressung der TELDEC „Telefunken-Decca Schallplatten GmbH“. Der Song war nach Satisfaction der zweite weltweite Nummer-Eins-Hit der Rolling Stones.

Intro und Groove

„Die zweite Nummer-1-Single der Stones nach (I Can’t get No) Satisfaction überrascht und begeistert mit einem fordernden, monotonen Schlagzeug-Muster, das man in einem derart erfolgreichen Song dieser Art so nicht noch mal zu hören bekommt. Strikt dem 4/4-Takt ergeben, reichert er (gemeint ist Charlie Watts; Anmerkung des Autors) den griffigen Song mit jeder Menge Fills an und lässt sich den gesamten Song über nicht mal ansatzweise aus der Ruhe bringen.“ (1)

Basis Groove der Strophen

Im ersten Takt der Basis Figur der Strohen spielt Charlie Watts eine Schlagfolge, die sehr typisch für die englische „Beatmusik“ der 60er Jahre ist. Auf der „Vier-Und“ wird einfach ein Snare-Schlag den üblichen 4/4-Takt Backbeats hinzugefügt. Auf der Zählzeit „Drei“ folgt dann der markante 16-tel Roll, den Charly Watts auch in vielen anderen Songs spielt.

Track 1: Basis Groove der Strophen

Variation des ersten Taktes des Basis Grooves mit einer 16-tel Figur

Die Zählzeit Vier im zweiten Takt des Intros

Das eingängige Intro beinhaltet auch gleich den Basis Groove der Strophen; mit einer kleinen Veränderung gegenüber dem Basis Groove auf der Zählzeit „Vier“ im zweiten Takt (siehe nachfolgende Notation, Zeile 2).

Ob die 32-tel Bassdrum-Snare-Figur gewollt oder als ungewollter Fehler zu hören ist, wird unterschiedlich beurteilt. Siehe Diskussion im drummerforum.de ab Beitrag #7. (2)

Zur Verdeutlichung ist die nachfolgende Aufnahme des Originals in der Wiedergabe stark verlangsamt. (3)

Track 2: Takt Zwei der Original-Aufnahme stark verlangsamt zur Darstellung der 32-tel Figur im Intro zweiter Takt Zählzeit „Vier“. Die Figur ist hier zweimal zu hören. Notenzeile unter Punkt 2 (Notationsvorschlag von „Chuck Boom“ http://www.drummerforum.de)

Für die Annahme, dass die Snare Bassdrum 32-tel Spielweise gewollt und kein Spielfehler ist, spricht, dass sie auch im vierten Takt des Songs auftaucht. In dem Original-Tempo mit 126 bpm ist es mir nicht gelungen die Figur zufriedenstellend zu reproduzieren.

Basis Groove des Refrains

Der in der Notation sehr einfach aussehende Groove des Refrains (in der Grafik unter Punkt 3) ist identisch mit dem des Songs Satisfaction. Wirkungsvoll ist in der Studio-Aufnahme das Händeklatschen auf den Grundschlägen hinzugefügt. Im Übergang zur Strophe wird die Intensität zusätzlich durch die Bassdrum im Achtel-Beat gesteigert.

Track 3: Groove im Refrain

Der Beat darf leicht „flamen“, damit die Schlagfolge nicht zu steril klingt.

Der Drummer – Charlie Watts

„Nach dem Ausstieg Chapmans umwarb die Band (gemeint sind die Rolling Stones; Anmerkung des Autors) den Jazz-Schlagzeuger Charlie Watts, der kurz zuvor Blues Incorporated verlassen hatte, da er sich als nicht gut genug empfand, um mit solch ausgezeichneten Künstlern zusammenzuspielen. Trotz seiner musikalischen Vorbehalte gelang es, den zögernden Watts, der zunächst hauptberuflich als Grafiker weiterarbeitete, vom Einstieg in die Band zu überzeugen. Am 12. Januar 1963 traten sie erstmals mit ihrem neuen Drummer im Ealing Jazz Club auf.“ (4)

Charlie Watts drums for his second band besides The Rolling Stones, The ABC&D of Boogie Woogie, in the Casino in Herisau, Switzerland on January 13th, 2010. Kaum ein Schlagzeuger verkörpert mehr den exzentrischen englischen Gentleman als Charlie Watts. Seine Angewohnheit mit Zylinder und im Frack auf Pferderennbahnen zu erscheinen, mag nicht allen Fans der Rolling Stones gefallen. Charlie Watts wird vom Publikum für seine freundliche Bescheidenheit, gepaart mit einem gesunden Misstrauen gegenüber Superlativen und Lob, geschätzt. Und natürlich als ein nicht wegzudenkendes Urgestein des Rock mit einer individuellen Spielweise im unverkennbaren Klang. Foto: siehe unter (5) „Bildnachweis Charlie Watts“.

„Und wenn er auf der Hi-Hat die Ride-Pattern spielt, dann arbeitet er gerade schlampig genug, damit sein eigener Sound vollkommen mit den schmutzigen Gitarrenklängen verschmilzt. Alles was Charlie Watts spielt ist durchtränkt von seinem Swing-Feeling … viele Typen haben gute Hände, aber es ist, als würde alles was sie spielen den Bach runter gehen, als würde es niemals abheben. Bei Charlie Watts stellst du plötzlich fest, dass du ein paar Zentimeter über dem Boden schwebst!“

Keith Richards über Charlie Watts (6)
Typisch Charlie Watts – Die „fehlenden“ Hi-Hat Backbeats

Eine Eigenart von Charlie Watts ist es, in einigen Songs in den 4/4-Takten die Hi-Hat auf den Zeiten „Zwei“ und „Vier“ pausieren zu lassen. Wo kommt das her? Verbreitet ist diese Spielweise im traditionellen Boogie Woogie. Ausgangspunkt ist der Boogie-Groove (RRLR) auf der Snare. Wird nun der Boogie-Groove in der Variation auf der Hi-Hat und auf der Snare gespielt, haben Pioniere des frühen R&B Drummings gerne den Anschlag der „Zwei“ und der „Vier“ auf den Hi-Hat Becken ausgelassen. (7)

Mit dem Weglassen der Backbeats auf der Hi-Hat entsteht Raum für einen klaren und scharfen Snare-Sound. Das klingt druckvoll und erfreut Tontechniker bei der Abnahme der Snare.

Aktualisierung vom 25. August 2021: Charlie Watts ist am 24. August 2021 im Alter von 80 Jahren verstorben.

Dank für die hilfreichen Hinweise und Diskussionen aus dem drummerforum.de und viel Freude beim Ausprobieren und Experimentieren!

Christian W. Eggers – 18. August 2021 (letzte Aktualisierung am 25. August 2021) christian@stompology.org

Quellen und Bildnachweis

„Take Five“ – Prelude to a great drum groove – Part 2

Im ersten Teil dieses Artikels über den berühmten Schlagzeugpart des Jazz-Hits Take Five ging es um den Basis-Groove. Dieser besteht in der gefühlten Abfolge eines 3/4-Taktes und eines 2/4-Taktes.

Hier nochmals der Basis Groove, so wie er im ersten Teil dieses Artikels auf einem 3/4 zu 2/4 Gefühl nachempfunden ist.

In diesem zweiten und letzten Teil zur Spielweise von Take Five geht es um das Erfassen der Groove-Melodie und deren Umsetzung mit den Besen auf der Snare. Abschließend folgt die Darstelleung einer Möglichkeit zur Improvisation und damit zum Einstieg in ein Solo im 5/4 Take Five Gefühl.

Annäherung über die Schlagmelodie

Eine Möglichkeit den Groove zu erfassen, besteht in der Übertragung der charakteristischen Schläge in eine Hand-to-hand Spielweise (RLRL) auf der Snare. Auch hier kann das Nachsingen der Schlagmelodie sehr hilfreich beim Einüben sein.

Der Besen-Groove auf der Snare eignet sich besonders gut für leise Spielweisen und als Vorübung zur individuellen Variation des 5/4-Taktes.
Schlagfolge auf der Snare mit den Besen gespielt

Dave Brubeck Quartet. Von links: Dave Brubeck, Paul Desmond, Joe Morello und Gene Wright. (1) Take Five wurde die meist verkaufte Jazz-Single aller Zeiten.

Fills als Einstieg in ein Solo im 5/4-Takt

Auch wenn in diesem Leben die Zeit nicht für jeden ausreicht, die Virtuosität und das Feingefühl eines Joe Morello für das unglaubliche Solo des Songs zu erreichen, ist es möglich sich von der verinnerlichten Schlagfolge auf dem Ride-Becken zu lösen und individuelle Variationen auf den Trommeln im Take Five Gefühl einzubauen.

Die Notation zeigt einen Fill zur „Eins“

Die in der Schlagmelodie gezeigte Figur wird auf den ersten drei Grundschlägen geöffnet. Die Akzentuierung des Grooves bleibt erhalten. Sie wird jetzt über die Trommeln verteilt. Auf der „Fünf“ erfolgt eine „Ug-ge-da“-Triole. Effektvoll ist danach das „Landen“ auf der „Eins“ mit einem unerwarteten Akzent.

Die Ausschmückung über das Set verteilt zur „Eins“ des zweiten Taktes. Hier im Audio ist der Fill zweimal hintereinander zu hören.
Weiterführende Literatur

Wer sich für das vollständige Solo von Joe Morello interessiert, kann das Original hier in einer Übertragung von Schlagzeuglehrer Timo Ickenroth auf der Website der Fachzeitschrift Sticks finden. Der Beitrag enthält zudem Hinweise zur Spielweise des Solos.

Der Drummer – Joe Morello

Was soll noch berichtet werden über einen „Meister der Meister“ Joe Morello, was nicht jeder Trommlerin und jedem Trommler lange bekannt ist? Seine Lebensgeschichte ist auf Drummerworld hervorragend mit Videos, Fotos und Texten dokumentiert. Daher an dieser Stelle nur ein Zitat der Pianistin Marian McPartland über den jungen Joe Morello:

„Mit seinen dicken Augengläsern sah er weniger aus wie ein Drummer als ein Student der Nuklearphysik. Ich kann mich nicht erinnern, welches Stück wir spielten, aber das spielt auch keine Rolle, denn innerhalb von Sekunden erkannte jeder im Raum, dass der zurückhaltend auftretende Bursche ein phänomenaler Drummer war. Jeder hörte zu. Es war eine Freude, seiner präzisen Mischung aus Anschlag, Geschmack und fast unglaublicher Technik zuzuhören.“ (3)

Christian W. Eggers – 15. August 2021 (letzte Aktualisierung am 15. August 2021) christian@stompology.org

Dieser Artikel erschien erstmals 2020 auf stompology und wurde vollständig überarbeitet.

Quellen und Material

„Take Five“ – Prelude to a great drum groove – Part 1

Was ungewohnt ist, fällt zunächst schwer. Unter den ungeraden Takten ist ein Walzer auf Grund seiner Vertrautheit schnell als 3/4-Takt zu bergreifen. Aus der Hörgewohneit fühlen beispielsweise Tänzer und Tänzerinnen die Zählzeiten, insbesondere die „Eins“.

Schwieriger wird es, wenn eine vertraute Schlagfolge eines 4/4-Taktes in einer Komposition mit einer 5/4-Aufteilung erweitert werden soll. So verhält es sich mit dem sogenannten Swing Pattern in dem Instrumental-Hit Take Five (Link zum Anhören auf YouTube).

Aus der Hörgewohnheit des Swing als 4/4-Takt gehen schnell die „Zwei“ und die „Vier“ verloren und man trommelt im Blindflug auf der Suche nach einem konstanten Bezugspunkt.   

„Take Five ist der Titel eines erfolgreichen Jazz-Musikstücks des Dave-BrubeckQuartetts. Es wurde 1959 von Paul Desmond für das im selben Jahr erschienene Album Time Out im CBS 30th Street Studio in New York City aufgenommen. Toningenieur des für damalige Verhältnisse überaus brillanten – und bereits in Stereo produzierten – Albums war der aus München stammende Fred Plaut. Erst nach der Veröffentlichung als Single im Jahr 1961 avancierte es weltweit zum Evergreen. Die Single ist die meistverkaufte Jazz-Single aller Zeiten.“

wikipedia über Take Five

Wie geht man nun an das Einüben eines swingenden 5/4-Taktes heran? Und wie lässt sich eine Swing-Schlagfolge passend zur Einteilung der Komposition in 5/4-Takte aufteilen?

Die Sache mit dem Bier: Das Lehrangebot zum Üben von ungeraden Takten ist umfangreich. Zunächst gibt es Ratschläge, die helfen sollen nicht “vierkantig” aus einer 5/4 Kurve zu fliegen. Denkbar ist es eine Vorstellung zu entwickeln, nach der einfach an ein bestehendes 4/4 Pattern ein Grundschlag herangehängt wird. So etwa könnte der Puls eines 5/4-Taktes gezählt werden: “Noch ein Bier für mich – Noch zwei Bier für mich…”. Solche Merkhilfen funktionieren auch recht gut, wenn die Schlagfolge in der Unterteilung des Pulses nicht sonderlich komplex ist und die Betonungen (z. B. die Backbeats) mit der Band unisono gespielt werden.

Eine Herangehensweise an Kompositionen mit ungeraden Takteinteilungen ist es, den Groove der Rhythmusinstrumente auf sich wirken zu lassen und sich an deren Betonungen zu orientieren.

Rhythmik der Band erfassen

Was ist genau in Take Five zu hören? Der zarte und triolische Groove am Piano startet tatsächlich auf der Zählzeit „Eins“: “Dudib – du – bib – dam – dam“. Anschläge des Pianos bzw. einer Gitarre fallen auf die „Eins“, die „Eins-Und“, auf die „Zwei-Und“, auf die „Drei“ und auf die „Vier“ und „Fünf“. Die im Swing so bedeutsame „Zwei“ pausiert.

Anschläge Piano oder Gitarre
Basis: Anschläge der Gitarre und die Melodie – Gitarre Lutz Jentsch aus Kiel. Dank!

Gewöhnungsbedürftig ist auch die „1-Und“ als Achtelnote in einem Swing-Groove. Die „Vier“ und die „Fünf“ werden beim ersten Hören der Komposition schnell als die „Eins“ und die „Zwei“ aufgefasst, was zu einem rhythmischen Missverständnis führt.

Umsetzung am Drum Set

Eine 1:1 Übertragung der Anschlagfolge des Pianos oder der Gitarre (siehe obige Grafik) auf die Schlagzeugschlagfolge bietet sich für Take Five nicht an. Der schwebende Drive der Swing-Komposition würde verloren gehen.

Swing-Pattern

Basis ist zunächst das bekannte und übliche Swing-Pattern auf dem Ride-Becken. So im Notenbild bertrachtet, wird die „Fünf“ einfach als Schlag auf dem Ride-Becken angefügt.

5/4-Takt Swing nach Notation gespielt

Damit lässt sich jedoch der Drive des Take Five Grooves nicht so ohne Weiteres nachempfinden. Die „Fünf“ kling als „angehängter“ Schlag wie das „fünfte Rad am Wagen“ und wirkt ein wenig unorganisch im Fluss. Mehr dem Charakter der Komposition entspricht es, in einer 3/4 und 2/4 Aufteilung zu fühlen und zu spielen.

Drei Viertel und zwei Viertel = fünf Viertel

Hilfreich kann es sein, einen 5/4-Takt am Schlagzeug als seine Kombination aus 3/4-Takten und 2/4 Takten aufzufassen. Das kommt dem Take Five Gefühl schon sehr viel näher. Auch wenn Take Five nicht so notiert wird, erschließt sich die Musikalität des Grooves näher an der Komposition aus der Lesart der Abfolge eines 3/4-Taktes und eines 2/4-Taktes.

Wird das 5/4 Metrum in einen 3/4-Takt und einen 2/4-Takt gedanklich Unterteilt, ändert sich das Gefühl für das Mikrotiming. Die Swing-Schlagfolge bleibt unverändert, dennoch ensteht mit den Bezugspunkten in einer 3/4 und 2/4 Aufteilung ein leicht veränderter Drive im Mikrotiming.
Zähweise für den Swing-Groove auf dem Ride-Becken

Beinarbeit – Bass Drum und Hi-Hat

In Lehrvideos wird öfter empfohlen die ersten vier Viertel im „Two Beat“ (Wechsel von Bass Drum und Hi-Hat auf den Vierteln) zu spielen und die „Fünf“ mit der Bass Drum zu markieren. Das gibt eine gute Orientierung, hat aber den Nachteil, dass der Groove an Leichtigkeit verliert. Es fällt dann schwer, sich von einer „angehängten“ Fünf zu lösen (siehe oben) und im 3/4 zu 2/4 Gefühl zu spielen.

In der Basis ist die „Beinarbeit“ der Bass Drum auf der „Eins“ beschränkt. (1) So bleibt der Groove sanft und luftig. In der Steigerung des Grooves und in dem berühmten Solo spielt Joe Morello ganz im Stil des Jazz der späten 50er Jahre kräftige Akzente auf der Bass Drum („Bomben“). Wenn auch im Intro der Originalaufnahme keine Hi-Hat zu hören ist, kann in den Videos beobachtet werden, dass Joe Morello einzelne Viertel mit der getretenen Hi-Hat markiert.

Ein Vorschlag zur Spielweise: Die ersten drei Grundschläge: Bass Drum – Hi-Hat – Hi-Hat; die „Vier“ und die „Fünf“ werden leise mit der Bass Drum gespielt.

„Auffüllen“ der Swing Schlagfolge

Die Swing-Figur auf dem Ride-Becken wird jetzt durch Schläge auf der Snare ergänzt. Die Noten zeigen den Basis-Groove von Take Five.

Die in Klammern gesetzten Noten werden als sogenannte „Ghostnotes“ sehr leise gespielt. Auf der Zählzeit „Fünf“ erfolgt eine Achtelriole. Das erste Triolenachtel ergibt sich aus der Swing-Schlagfolge auf dem Becken. Das zweite und dritte Triolenachtel werden leise auf der Snare gespielt.
Der Basis-Groove ist schon eine Herausforderung. Damit er weich und swingend klingt, bedarf es viel Feingefühl der linken Hand sowie einer starken Unabhängigkeit zwischen rechts und links. Durch das „Auffüllen“ des Swing-Patterns mit einem Offbeat-Akzent (auf der 2-Und) und einem Onbeat-Akzent (auf der 4) auf der Snare ensteht die für Take Five typische Groove-Melodie. Auf der „Fünf“ wird eine Triole gespielt. Die „Und“-Ghostnotes der „Eins“ und der „Drei“ erfordern zunächst enorme Konzentration. Es passiert also viel innerhalb eines 5/4-Taktes. Auch bei Fortgeschrittenen dauert es, bis der Groove selbstverständlich und leicht klingt. Das Hörbeispiel nähert sich dem Original-Groove an, ohne jedoch die Feinheiten zu erfassen.

Im zweiten Teil dieses Artikels geht es um die Annäherung an den Take Five Groove über die Schlagmelodie, eine Spielweise mit den Besen auf der Snare und den Einstieg in ein 5/4-Takt Solo.

Ich wünsche gute Inspiration und Freude am Ausprobieren dieses wirklich einzigartigen Grooves!

Christian W. Eggers – 7. August 2021 (letzte Aktualisierung am 15. August 2021) christian@stompology.org

Dieser Artikel erschien erstmals 2020 auf stompology und wurde vollständig überarbeitet.

Quellen und Material

Berühmte Grooves – The Train Beat

Dass Rhythmen durch wiederkehrende Geräusche aus der Umwelt inspiriert werden, ist wohl so alt wie die Menschheit. Das passiert heute nicht nur in der klassischen Musik. Barry Gibb von den Bee Gees soll in einem Interview berichtet haben, dass der Rhythmus des großen Hits Jive Talkin‘ durch das Geräusch eines über eine Brücke mit Holzbohlen fahrenden Autos angeregt wurde. (1)

Komponist Dampflokomotive – Hörbeispiel mit einer Lok

Eine verbreitete Schlagzeugspielweise in der Country-Musik und auch im Rockabilly sind die sogenannten Train Beats. Sie bestehen in der Nachahmung der Geräusche einer Dampflokomotive mit ihren Waggons in voller Fahrt.

Das hier gezeigte und sehr spezielle Beispiel imitiert das sogenannte Andampfen mit dem Besen in einer Achtel-Wischbewegung (linke Hand) und das Rattern der Räder der Waggons mit „angewischten“ 16-tel-Besen-Schlägen (rechte Hand).

Das Soundbeispiel einer Dampflok zu Beginn dieses Audios stammt von einer Lok der deutschen Baureihe 01 und wurde freundlicherweise aus der Datenbank der Modelleisenbahn-Website über den Einbau von digitalen Sounds in Lokomotiven www.gleis10.com zur Verfügung gestellt. Vielen Dank! (2)

Nach dem Sound der Dampflok folgt im Audio die Nachahmung am Drum Set.

Dampflok und Nachahmung ab 0:15
Train Beat im Dampflok-Sound: Mit dem Besen wird das „Andampfen“ nachempfunden; die Linke spielt das Rattern der Waggons

Train Beats einüben

Inzwischen gibt es zu den Train Beats und seinen Spielweisen zahlreiche sehr informative Videos auf YouTube. (3)

Zum Hintergrund des Schlagzeugs in den verschiedenen Spielarten der Country-Musik kannst Du den Stompology Artikel über den Song „The Breeze“ lesen.

Konventioneller Train Beat „Hand to Hand“ RlRL – Der erste Akzent wird meist lauter als der zweite Akzent gespielt

Train Beat Variante – Akzente im Wechsel auf „di und „un“

Train Beat Melodie: „Dab be dap ba dab be da pa“. Es ensteht ein sehr bewegter Beat, der sich auf der 1 und der 3 in einer „Gegenrhythmik“ zur Band befindet.
Vorschlag zur Zählweise und zur Notation der Variante
Handsatz RLRL auf der Snare gespielt. Akzente auf „di“ und „un“: die „di“-Akzente sind im Beispiel lauter gespielt als die „un“-Akzente
Beispiel der Variante im Zusammenspiel

Hier ist der obige Groove mit Gitarre und Gesang zu hören:

Beispiel für die obige Variante im Zusammenspiel: die ersten Takte von „A Boy Named Sue“ von Johnny Cash (Cover)

Der Unterschied zum Second-Line Drumming

Öfter taucht die Frage auf, was denn an einem Train Beat anders ist als an einem Second Line Groove, der auf der Snare Drum  gespielt wird.

Second-Line Drumming liegt eine Achtel-Aufteilung mit den Bezugspunkten der „Zwei“ und der „Vier“ zu Grunde. So wie im frühen Jazz üblich.

Nicht zu verwechseln ist die „Hand to Hand“-Spielweise des New Orleans R&B (untere Notenzeile) mit dem „Country Train Beat“

Train Beats der Country- und Rockabilly Bands basieren mehr auf einem 2/4-Takt alla breve-Gefühl. In 4/4 Takt Kompositionen sind die „Eins“ und die „Drei“ meist durch den Bass (Wechselbass) besonders hervorgehoben. Die 16-tel Zählweise am Schlagzeug „Eine-Und-Die-Zweie-Und-Die-Dreie-Und-Die-Viere-Und-Die“ mit den Basis-Betonungen auf „Und“ und „Die“ erzeugt im Zusammenspiel mit der Band einen bewegteren und im Mikrotiming etwas feineren Groove gegenüber dem ebenso spannenden marschartigen „Parade-Stil“ des frühen Jazz und des New Orleans R&B.

Viel Spaß beim Ausprobieren und Experimentieren und Yee-haw!

Christian W. Eggers – 17. Juli 2021 (letzte Aktualisierung am 22. Juli 2021) – christian@stompology.org

Quellen: