Berühmte Grooves – „You Really Got Me“

Mehrere Monate irrte Musikproduzent Shel Talmy im Jahre 1964 mit dem Sänger und Komponisten Ray Davies und seiner Band durch verschiedene Londoner Studios. Der Titel „You Really Got Me“ wollte einfach nicht so klingen, wie Ray Davies es sich vorgestellt hatte.

Am 12. Juli 1964 entstand endlich in den IBC Studios auf einer 3-Spur-Ampex Bandmaschine  eine temporeich gespielte Fassung des Songs. Der Rest wurde Musikgeschichte.

Et voilà! „You Really Got Me“ und die Kinks!

But the record company said „look, we don’t believe in it. We’re very sorry, we don’t believe in it. If you want to make the record, fine, but you have to pay for the recording yourselves.“

Aus dem Album The StorytellerThe Third Single (Dialogue) – Ray Davies erzählt die Geschichte des Songs „You Really Got Me“

„Denn alles, so wird’s erzählt, fing an mit einem ruppig-ungebärdigen Riff. Überhaupt ist der Song als ein, wenn nicht als der Schlüsselmoment der Popgeschichte beschrieben worden, wobei der Pop ja nichts auslässt, keinen Superlativ. Aber es war wohl wirklich so, dass die Händchen haltenden Beatmusikjahrgänge den gierigen Rock entdeckten. Die Metamorphose vom Netten zum Bösen war eingeleitet, und wenn das einigen Bands nachgesagt wird, dann war es ohne Frage so, dass die Kinks den neuen Ton im August 1964 einführten.“  Christian Thomas – Frankfurter Rundschau vom 12.06.2015

Der Groove

Nun funktioniert ein Groove meist nicht aus dem musikalischen Kontext herausgerissen für sich alleine. Ein Faktor für die Spannung des Drumparts von You Really Got Me ist der Kontrast eines bisher nie so gehörten harten und nach vorne gemischten Beats mit dem melacholisch zerbrechlichen und bluesartigen Gesang von Ray Davies.

Ausgangspunkt der 4/4 Takte sind Achtelschläge auf dem Ride-Becken und den inzwischen üblichen kräftigen Snare-Backbeats auf der „2“ und der „4“. Also, nichts Aufregendes.

Bemerkenswert ist, dass die Becken-Achtel nicht so wie bisher in der „Beatmusik“ zumindest gleichberechtigt laut hörbar sind oder ein unüberhörbares Grundrauschen verursachen. Ein tief klingendes angecrashtes Becken ist jedoch unregelmäßig auf den Backbeats der Zählzeit Vier zu hören. Mehr oder weniger gleichzeitig zum Gitarren-Riff („dam da da dam dad“) wird ein Schellenkranz (von Kinks Drummer Mick Avory) geschlagen.

Interessant und neu für einen Beat aus dem London der 60er Jahre sind die Bass Drum Schläge  auf der „2-Und“ sowie der „4-Und“, synchron zum Gitarren-Riff. Wird der Beat mit Autorität und dem moderaten Tempo getrommelt, entsteht die für You Really Got Me typische Spannung aus Schwere und Luftigkeit des Grooves.

Ein derartig harter und dennoch musikalischer Beat hatte es zuvor nicht auf das Vinyl einer Hit-Single geschafft.

Groove „You Really Got Me

Das folgende Hörbeispiel basiert auf den oben gezeigten Noten.

Basis Groove „You Really Got Me“

Der Drummer – Bobby Graham

Wie so oft: Auf Debüt-Hit-Singles berühmter Bands sind aus den unterschiedlichsten Gründen die Drummer durch Studiomusiker ersetzt. So spielte nicht Mick Avory die Drums, sondern der englische Studiomusiker Bobby Graham.

The Sessionman

Das Werk von Graham ist beeindruckend. Er ist auf über 15.000 Titeln als Studio-Drummer zu hören. „With this recording (You Really Got Me) and many others, Bobby Graham offers the example of a musician many have heard, but too few have heard of. (You Really Got Me, Bobby Graham: In Memory; Gordon Thompson; Oxford University Press’s)

Graham war ein Session- und Studiomusiker aus Überzeugung. So hat er sich auch nie über den Ruhm, den er den auf Schallplatten-Covern ausgewiesenen Band-Drummern verschaffte, beklagt oder damit geprahlt. Ganz im Gegenteil.

Nur auf sehr wenigen Plattencovern ist der Name Bobby Graham zu lesen.

Die Kinks setzten Nicky Hopkins und wohl auch Bobby Graham mit dem Song Session Man ein Denkmal. Der Titel der Bobby Graham Biografie lautet so auch The Session Man ( Patrick Harrington: Broom House Publishing Ltd., 12 Nov 2004 – ISBN 0-9549142-0-1.)

1997 nahm Ray Davies den Song You Really Got Me für sein Album The Storyteller in einer langsameren Version mit Graham am Schlagzeug erneut auf.

Ein sehr interessantes Interview mit Bobby Graham über seine Zusammenarbeit u. a. mit Ray Davies und den Kinks hat Mike Dolbear für seinen Drummer-Blog geführt. Auf http://mikedolbear.com/interviews/drummer-bobby-graham/ ist es nachzulesen.

Christian W. Eggers – 4. April 2021 (letzte Aktualisierung am 10. April 2021) – christian@stompology.org

Berühmte Grooves – The Jazz Waltz

Walzer? Das ist doch einfach „Wum-ta-ta“ und fertig. Von wegen! Dieser Artikel aus der Reihe „Berühmte Grooves“ beschreibt die Besonderheiten der Jazzwalzers am Beispiel der Grooves der Komposition „Blues Waltz“. Sie ist auf dem Max Roach Album „Jazz in 3/4 Time“ von 1956 verewigt.

Max Roach – JAZZ IN 3/4 TIME –

Swingende Achtel scheinen geradezu darauf gewartet zu haben, für den Walzer entdeckt zu werden.

Bebop und Chansons

Jazz im 3/4 Takt war bis in die 50er Jahre eine Seltenheit. Die Swing-Ära mit ihren durchgehenden und tanzbaren 4/4 Drum-Grooves neigte sich 1945 langsam dem Ende zu. Eine neue Generation von Jazzmusikern begann mit sehr schnellen Rhythmen in verschiedenen Taktarten zu experimentieren. Snaredrum und Bassdrum benutzte man jetzt „hauptsächlich zur Akzentuierung von markanten Melodiestellen.“ (1) Die Bassdrum wird oftmals sparsam aber laut gespielt („Bomben“). Swing-Pattern auf den Becken sind meist rasend schnell und weniger wuchtig als sie in den Big Bands der 40er Jahre gespielt wurden.

Die neue Jazzrichtung wurde Bebop genannt. Der Jazzwalzer in verschiedenen Spielweisen wurde ein Bestandteil der Bebop Kompositionen. In Europa fand der Jazzwalzer ebenfalls in den 50er Jahren Eingang in französische Chansons.

Der 3/4 Swing Groove

Max Roach erzeugte auch in den weniger aufwendig komponierten Grooves eine „Stimmung und Atmosphäre, die nicht so leicht nachzuahmen ist, wie es zunächst scheint.“ (2)

Basis-Groove „Blues Waltz“ von Max Roach – Bass Drum („Eins“) und Hi-Hat („Zwei“ und „Drei“) markieren das Metrum.
Hier eine Variante mit einem Pressschlag auf der „3-Und“
In dieser Variante wird im ersten Takt der Basis-Groove gespielt. In zweiten Takt folgt auf der „3“ eine Achtel-Triole. Diese Figur kommt dir vielleicht bekannt vor. Sie ist ein Bestandteil des Songs „Take Five„.
Hier ein Jazzwaltz zum obigen Notenbeispiel zum Anhören. Für die Stimmung dieses Grooves ist es bedeutsam, die Triolen möglichst zart zu spielen.

Zum Einüben des Grooves kannst du auch die Melodie der Schlagfolge singen: „Ding Din de ding – Ding Din de Tri-oh-la“. Der erste Schlag der Triole sitzt auf dem Becken als „Drei“ und die beiden folgenden Triolen-Achtel werden auf der Snare gespielt.


Walzer und Swing – Schwankende Viertel und swingende Achtel

Inwieweit im Jazzwalzer das Metrum mit dem trickreichen Wiener Nachschlag gespielt wird, ist wohl eine Geschmackssache und vor allem eine Frage des Könnens.

Die Fachliteratur zum „schwebenden Effekt“ des Walzers, hervorgerufen durch den „Wiener Nachschlag“, ist umfangreich. Einen interessanten und verständlichen Aufsatz hierzu findest du hier: Musikterminologie erklärt: Walzer und 3/4-Takt

„Ein Wiener Walzer wird schlicht und ergreifend nicht gerade gespielt. Das heißt, die Zählzeiten sind nicht gleich lang, denn die „2“ wird oft vorgezogen, die „3“ leicht verzögert. Dadurch ergibt sich ein besonderes Feeling. Man spricht auch vom Wiener Nachschlag.“ (3)

Ob nun mit geradem oder ungeradem 3/4 Metrum gespielt: Swingende Achtel passen ganz prima in den europäischen Walzertakt. So als hätte er nur darauf gewartet, dafür entdeckt zu werden.

Foto: Das Keystone Korner war ein Lokal und Jazzclub in San Francisco, das von 1972 bis 1983 bestand. Es zählte während dieser Zeit zu den herausragenden Veranstaltungsorten des Modern Jazz in der Bay Area. Das Keystone Korner lag im Erdgeschoss eines Hauses in der Vallejo Street, Ecke Columbus Avenue. Photo: Brian McMillen via wikipedia Lizenz CC BY-SA 3.0

Der Drummer – Max Roach

Max Roach begann 1933 mit acht Jahren in Marschkapellen zu spielen. Seine Mutter, eine Gospelsängerin, erkannte das Talent ihres Sohnes und ermöglichte Roach das Studium der Kompositions- und Perkussionstechnik an der Manhattan School of Music. Max Roach experimentierte im Laufe seiner Karriere immer wieder mit Duo-Besetzungen und übertrug die Bögen der Melodieinstrumente auf das Schlagzeug. Insbesondere nahm er sich die Freiheit, in anderen Rhythmen zu improvisieren als dem gängigen Vierviertelrhythmus.

Max Roach ca. 1947- Foto: William P. Gottlieb

Das Ausprobieren von 3/4 Swing Figuren lohnt sich! Es bereichert das Repertoire und was noch wichtiger ist, es macht Spaß im 3/4 Takt zu swingen; so dass man geradezu in einen Swing-Walzer-Rausch gerät.

Christian W. Eggers – Kiel, 31. März 2021 (letzte Aktualisierung dieses Artikels: 2. April 2021 – christian@stompology.org – Du kannst diesen Artikel über das Formular ganz unten auf dieser Seite kommentieren. Der Autor freut sich über Anregungen und Ergänzungen.

Literatur

Bildnachweise

  • Kystone Korner Titel- und Beitragsbild: Exterior view of Keystone Korner, San Francisco jazz club at 750 Vallejo in North Beach. Saxophonist Odean Pope of the Max Roach Quartet poses in front (11/16/82). Photo: Brian McMillen / brianmcmillen@hotmail.com – CC BY-SA 3.0 via wikipedia
  • Max Roach: Max Roach ca. 1947 This work is from the William P. Gottlieb collection at the Library of Congress. In accordance with the wishes of William Gottlieb, the photographs in this collection entered into the public domain on February 16, 2010. Via wikipedia

Berühmte Grooves – Der Mitch Mitchell Beat

„Kannst Du mal einen Mitch Mitchell Beat dazu spielen?“ Wer sich Ende der 60er Jahre an den Trommeln verschiedener Bands abgemüht hat, wird diese Frage der Gitarristen vielleicht noch kennen. Meistens bahnten sich damit ausschweifende Gittarrensolos an.

Manchmal ist es inspirierend ein wenig von dem Ursprünglichen der Schlagzeug-Pioniere in das inzwischen Gewohnte zurückzuholen. Grund also, den Mitch Mitchell Beat genauer zu betrachten und anzuhören. Am Ende dieses Artikels findest du eine Anregung zur Herangehensweise deine eigenen Grooves im Mitch Mitchell Stil zu komponieren.

Um einem Missverständnis vorzubeugen: Es geht in diesem Artikel um den besonderen Groove aus 8tel und 16tel Bestandteilen als Gerüst und die Inspiration zu eigenen Variationen der 8tel und 16tel Figuren. Zum Studium der zahlreichen elegant „explodierenden“ Mitchell Fills, herausragendes Markenzeichen Mitchells,  findest du auf YouTube recht ausführliche Beispiele.

Aus Beatmusik wurde Rockmusik

Der Schlagzeuger Mitch Mitchell war in der Periode des Überganges von der Beatmusik zur Rockmusik eine treibende Kraft weit über das Werk der Band Jimmy Hendrix Experience hinaus. Denn mit der am 23. Oktober 1966 in London aufgenommenen Single Hey Joe wurde nicht nur eine neue Dimension des Gitarrenspiels eröffnet.

Cover der Single „Hey Joe“ – Am 5. Januar 1967 gelangte die Single in die britischen Charts, wo sie als höchste Platzierung Rang sechs erreichte.

Den Basis-Groove des ursprünglich aus der Folkmusik stammenden Songs Hey Joe prägt eine Kombination aus 8tel und 16tel Schlägen. Kombinationen von 8tel-Figuren und 16tel-Figuren auf den Pulsschlägen zu einem Basis-Groove gehören heute in das Standardrepertoire der Rockschlagzeugerinnen und Rockschlagzeuger auf der ganzen Welt.

Die 16tel-Figuren (im Wechsel mit 8tel-Figuren) sind damit keine improvisatorische Verzierung, sondern jetzt ein Merkmal des Grooves. Das gab es bis 1967 in den Hits der englischen Produktionen nicht so konsequent und einprägsam zu hören.

The Jimi Hendrix Experience Live in London, 1967
Der Mitch Mitchell Beat

Zum Erkennungssong von Jimmy Hendrix wurde seine erste Single Hey Joe. In dieser ersten Aufnahme der „Experience”  ist das Fundament der später in Fachzeitschriften und von Musikerinnen und Musikern als Mitch Mitchell Beat bezeichnete Spielweise schon gelegt.

Basis-Groove „Hey Joe“ – Die zweitaktige 4/4-Figur enthält jeweils auf der Zählzeit Zwei Sechzehntel-Schläge, gespielt auf dem Becken und der Snare. Weiter ist charakteristisch die leicht swingende Spielweise, die Mitchell auch in schnelleren Grooves beibehielt.
Diese 8tel-16tel-Kombination ist ein wenig bewegter als der „Hey Joe“ Basis-Groove. Die Sechzehntel-Figur wird hier auf den Zählzeiten Zwei und Drei gespielt. Der Groove eignet sich, leicht „angeswingt“, für langsame Songs.
Hier kannst du eine weitere Variation eines Mitch Mitchell Beats mit Presschlägen auf der Snare auf den „Und-Zeiten“ hören.
„Von wegen Vierviertelknecht“

Über Mitch Mitchell ist viel geschrieben worden. Einen informativen Nachruf hat die Süddeutsche Zeitung zum Tode von Mitch Mitchell am 14. November 2008 veröffentlicht.

Mitch Mitchell during a Jimi Hendrix Experience’s performance for Dutch television show Hoepla in 1967. Quelle: A. Vente – Beeld en Geluidwiki – Gallery: Hoepla Archief Beeld en Geluid, catalogusnummer 67455081, fotonummer 17 (cropped). Via wikibedia Lizenz CC BY-SA 3.0 N

Grooves im Mitch Mitchell Stil komponieren

Mit der Möglichkeit 8tel und 16tel Figuren in einem Takt entsprechend des Könnens und des Empfindens zu mischen, besteht die Option, Grooves in zahlreichen Variationen zu komponieren. So können Schlagzeugerinnen und Schlagzeuger ihre eigenen Grooves finden und erfinden.

Hier kannst du sehen, wie du an das Komponieren eines Grooves herangehen kannst. Es bestehen unzählig viele Variationsmöglichkeiten die Reihenfolge der Figuren zu verändern und so eigene Grooves zu „erfinden“. Das macht viel Spaß.

Ich wünsche viele gute Ideen bei dem Ausprobieren der Kombinationsmöglichkeiten und Freude beim Nachspielen der Beats im Mitch Mitchell Stil.

Christian W. Eggers, 24. März 2021 (Letzte Aktualisierung dieses Artikels am 28. März 2021) christian@stompology.org

Berühmte Grooves – The Surf Beat

Das unberechnbare Showgeschäft produziert seltsame Geschichten und Wunder. One-Hit-Wonder! Eine kaum an Skurrilität zu übertreffende Geschichte ist die des Songs Surfin‘ Bird und der Surf-Band The Trashmen (Die Müllmänner) aus Minneapolis. Vielleicht hatten die Beach Boys recht: „…everybody had an ocean“. Minneapolis liegt im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten am Mississippi River.

Wie ein einfacher Beat der regionalen Modeerscheinung  „Surf Sound“ zu einem DNA Baustein des modernen Rockschlagzeugs wurde und wie du diesen Beat spielen kannst, davon handelt dieser Artikel.

Der Song „Surfin‘ Bird“

Den Prototyp des puren Surf Beat beinhaltet der spektakuläre Songs Surfin’ Bird. Dazu gleich mehr.

Großes Kino ab Minute 1:20:Der Schlagzeuger der Trashmen Steve Wahrer tanzt den Surfin‘ Bird. Noch heute wird gerätselt, ob der Song als Parodie entstanden ist oder ob grandiose Selbstüberschätzung zu einer der verrücktesten Aufnahme der Popmusik führte.

Well, everybody knows

Surfin’ Bird ist eine Kombination der Stücke The Bird’s the Word und Papa-Oom-Mow-Mow der Doo-Wop-Gesangsgruppe The Rivingtons. Aber was soll’s. 58 Jahre weiter, also heute, ist das Klauen unter der Bezeichnung Sampling gefeierte Errungenschaft der Technik zur Verwirklichung künstlerischer Freiheiten. Man muss noch nicht mal mehr selber ein Instrument spielen können.

Es bleibt die Frage, ob Surfin’ Bird ein gekonntes Klauen war und ob diese, in den Kay Bank Studios in Minneapolis übersteuert aufgenommene und entfesselte Dröhnung eine Wegmarkierung der Musikgeschichte darstellt. Mehr oder weniger schmeichelhafte Superlative sprechen dafür.

 „Surfin‘ Bird“ is one of the silliest records ever made, but guaranteed to make you laugh and stomp- a your feet“.

Gary Peterson, Discographical Annotation, “Cowabunga! The Surf Box“, Rhino Records

Der Song, veröffentlicht im November 1963, erreichte 1964 Platz vier der Billboard Hot 100 (!) und konkurrierte mit einem Song einer noch wenig bekannten Band aus England um die Spitzenplatzierungen: I Want To Hold Your Hand von The Beatles. Die Trashmen waren sozusagen das letzte Bollwerk gegen die „British Invasion„.

Der Surf-Beat ballerte aus tausenden Garagen

In einer Konzertkritik aus dem Jahr 2008 wurden die verbliebenen Musiker der Trashmen als Ikonen des Surf-Trash-Garagenbeats bezeichnet (taz). Das ist mehr eine Ehre als eine Beleidigung und auch nicht falsch:  Mit der hohen Verbreitung der erfrischenden Laienhaftigkeit, weit über den Empfangsradius des kalifornischen Surf-Senders KFWB hinaus, ermutigte er eine ganze High School Generation zur Gründung von Bands. Schon bald ballerte der Surf-Beat (Boom, Duh-Duh, Boom, Duh) im ganzen Land aus tausenden Garagen der Elternhäuser des weißen Mittelstandes.

„A-well, a bird, bird, b-bird’s the word

A-well-a don’t you know about the bird?

Well, everybody knows that the bird is the word“

Song-Text Zeile Surfin‘ Bird

Der Surf Beat am Schlagzeug

Der Surf Beat wurde zum Innbegriff der Spielweise des frühen Rockschlagzeugs. Treffender als der Buchautor und Schlagzeuger Daniel Glass es getan hat, ist der Surf-Beat nicht zu beschreiben:

„Was auch immer die Ursprünge sein mögen, hier ist der Surf-Beat in all seiner einfachen Pracht. Im Wesentlichen ist der Groove nur ein Standard-Rock’n’Roll-Pattern mit einem zusätzlichen Snare-Schlag, der an das „und“ der 2 angeheftet ist. Das resultierende Kick / Snare-Pattern (Boom, Duh-Duh, Boom, Duh) wird für immer mit der Musik der 60er Jahre verbunden sein.“

Der Basis Beat
Der Tom-Tom Part zum Anhören: Du spielst statt auf dem Becken einfach auf dem Tom die Achtel-Schläge. Das klingt schon ein wenig nach Punk. 🙂

Der Drummer – “It was pure rock ‘n’ roll”

Im Nachruf der ameikanischen Nachrichtenagentur AP ist über Steve Wahrer zu lesen: “Dal Winslow, a founder of the group and now a computer systems analyst, said `Wahrer was one of the first drummers to use a heavy, heavy, foot-pedal beat. A driving, real danceable style. It was pure rock ‘n’ roll.´“

Album Cover „Surfin‘ Bird“

Wie die Party endete

Die Surf-Wellen brandeten immerhin fast sieben Jahre. Kaum eine der Bands mit den seltsamen Namen und den bis zum Anschlag aufgedrehten Hall-Potis ihrer Fender Verstärker überlebte. Die Beatles und die Rolling Stones setzten andere Maßstäbe. Und die einheimischen Party-Surfer wurden Fans amerikanischer Folk-Musiker und Psychedelic-Rock Bands der Hippie-Bewegung.

Einige Kompositionen im Surf-Sound klingen auch heute noch nach Sonne, Strand und Meer. Spektakuläre und bis in das letzte Detail ausgefeilte Drum-Cover des erfolgreichen Titels Wipe Out tauchen in den YouTube Kanälen junger Schlagzeugerinnen auf.

Andere zeitlose Songs der Surf-Sound Ära werden heute gerne zur Untermalung von Filmszenen verwendet. So etwa The Lonely Surfer von Jack Nitzsche. Den Beach Boys gelang mit Pet Sounds 1966 der Befreiungsschlag aus der „Surf-Ecke“ und die Meisterwerke „eines der ersten Alben, die aus der Überzeugung entstanden, dass diese Musik auch noch Generationen später gehört und geschätzt werden würde.“ (wikipedia)

Und was wurde aus den Garagen-Trommlern mit dem Boom, Duh-Duh, Boom, Duh und ihren Bands? Das ist eine andere spannende und wahrscheinlich sehr lange Geschichte.  

In diesem Sinne: COWABUNGA!

(Cowabunga = freudiger Ausruf in der Surfer-Szene über ein positives Ereignis)

Christian W. Eggers, 17. März 2021 (letzte Aktualisierung dieses Artikels am 20. März 2021) (christian@stompology.org)

Quellen:

Über das analoge Aufnehmen

Gibt es einen vernünftigen Grund im Jahre 2021 Schlagzeug-Grooves mit einem  uralten Kassettenrekorder aufzunehmen?  Ich kann keinen vernüftigen Grund dafür finden.

Aus „stompologischer“ Hör- und Sichtweise lässt sich nur sagen: es macht Spaß! Zudem erspare ich mir die Arbeit, die Unzulänglichkeiten und Eigenheiten der analogen Technik nachträglich digital zu erzeugen. Schließlich geht es ja auf stompology.org um die „alten“ Grooves. Diese wurden nun einmal analog aufgezeichnet!

Sound Beispiel: analoge Aufnahme des Grooves „My Girl Josephine“ (Fats Domino)

Ich hatte das Glück, einen professionellen Rekorder aktivieren zu können. Das Radioreporter-Gerät lag über 20 Jahre in einer Kiste mit längst vergessenem anderen Elektroschrott eines stillgelegten Rundfunkstudios.

Pflegeaufwand zur Inbetriebnahme

Der Zustand der Ledertasche ließ Schlimmes befürchten. Tatsächlich aber lief der Rekorder nach Anschluss eines Netzgerätes sofort ohne „Kreislaufstörungen“.  Das Rückwärtsspulen klemmte anfangs etwas. Die Testaufnahmen klangen jedoch ermattet, so dass ich den Rekorder wieder in den wohlverdienten Ruhestand versetzen wollte. Mit den bewährten Pflegetechniken längst vergangener Tage lässt sich zum Glück eine Menge ausrichten. Die Tonkopf-Reinigung und das Entmagnetisieren (siehe Fotogalerie) haben ihre Wirkung getan. Ich meine, der Aufwand hat sich gelohnt.

Passende Mikros

Der Rekorder mag wohl alte Mikros gerne. Für die Aufnahme Sound-Beispiel „Do It Again“ wurde ein Shure 16A über der Snare platziert und dicht vor der Bassdrum ein Electro Voice RE 20 aufgebaut.  

Sound Beispiel: analoge Aufnahme des Intros „Do It Again“ (Beach Boys). Der Effekt wurde nachträglich mit Audacity digital erzeugt
Bedienungsanleitung zur Entmagnetisierung des Tonkopfes

Bedienung des Rekorders

Das Schöne ist die Gutmütigkeit. Anders als bei digitalen Aufnahmen darf  zur Bandsättigung die Peak-Anzeige auch mal rot leuchten. Wenn man sich auf das Trommeln konzentrieren will und nicht auf den Monitor eines Rechners schauen möchte, ist so ein Bandgerät tatsächlich sehr bequem.

Umständlich wird die Sache erst, wenn man die Aufnahmen editiert und digitalisiert. Es ist ein anderes Arbeiten. Vergleichbar mit der Langsamkeit der Verarbeitung einer analogen Fotoaufnahme.

Fazit

Für die Hobby-Produktion der kurzen Demonstrationen der Grooves der Hits vergangener Tage auf meiner Website passt die alte Technik mit ihrem speziellen nostalgischen Bedienungsgefühl. Wenn ich mir aber vorstelle, dass ich beruflich Aufnahmen erstellen müsste, würde ich den Rekorder doch lieber einem Museum für Radiotechnik schenken.    

Dank an die Userinnen und User des Drummerforums für die Tipps zur Digitalisierung analoger Tonaufnahmen!

Christian W. Eggers, 18. März 2021

christian@stompology.org