Train Beat à la Johnny Cash

Nach langem Suchen und Anhören historischer Aufnahmen gehört es zu den ganz besonderen Glücksmomenten unerwartet auf eine Quelle der Erkenntnis zu stoßen. Wenn diese Quelle dann noch über jeden Zweifel erhaben ist, dann gibt es kein Halten mehr. Das eben noch gemütliche Sofa wird augenblicklich mit Sticks und Jazz-Besen traktiert.

In einem seiner letzten großen Konzerte mit kleiner Besetzung zeigt Johnny Cash ohne Sentimentalität seine Verbundenheit mit Schlagzeuger W. S. Holland und beschreibt, wie sehr er eine bestimmte Spielweise der Snaredrum schätzt und davon früh inspiriert wurde.

Und damit nicht genug: Johnny Cash steckt ein Stück Papier zwischen die Saiten seiner Western-Gitarre, greift zum Plektrum und schon ertönt das berühmte „bom-tschicke-bom“ im Klang der Snaredrum des Songs I Walk the Line. Zum Glück ist diese kurze Szene auf Film gebannt und hier anzuschauen.

Ein eigener Beat, der typisch für die Rhythmik von Johnny Cash sein soll? Sein hervorragender Schlagzeuger spielte doch die inzwischen bekannten Train Beats „rauf und runter“. Jein! Wie oft haben sich Schlagzeuger und Schlagzeugerinnen wohl mit dem besonderen Fluss von I Walk the Line oder dem Folsom Prison Blues abgemüht, ohne dass sich dieses „Johnny Cash and The Tennessee Three Gefühl“ einstellte? Link zum Concert: https://www.youtube.com/watch?v=3RJehnopgR0 
Die Trainbeat-Figur für das Schlagzeug im Notenbild. Gelegentlich wird diese Schlagfolge als Galopp-Rhythmus bezeichnet. Interessant ist, dass Ringo Starr in dem Beatles Song Get Back mit den Sticks auf der Snare eine gleiche Firgur trommelt.
Die oben gezeigte Schlagfolge am Set gespielt
Wie immer lässt sich das Besenspiel auf einer Zeitung gut üben. Die rechte Hand „wischt“ die Achtel und mit der linken Hand werden die 16tel Noten hinzugefügt.

Wenn dich Train Beats interessieren, dann kannst du in einem früheren stompology.org Artikel mehr über die Spielweisen erfahren.

Ich wünsche viel Spaß beim Ausprobieren, Variieren und Experimentieren!

Christian W. Eggers – 28. Mai 2022 – Letzte Aktualisierung diese Artikels am 28. Mai 2022 – christian@stompology.org

Mit den Jazz Besen kreisen und shuffeln

Kaum mehr Vereinigung von ruhigem Fluss und überraschenden Akzenten ist mit dem Spiel der Jazz Besen auf der Snare vorstellbar. Der hier gezeigte Groove liegt so oder sehr ähnlich in Abwandlungen unzähligen Jazz Titeln zu Grunde.

Hier die grafische Darstellung der Kreisbewegungen im 4/4 Takt. Wenn es für dich einfacher ist, dann kannst du natürlich auch von innen nach außen kreisen. Wichtig ist nur der Fluss ohne bei den mit der anderen Hand hinzuzufügeden Akzenten zu stocken

Das Kreisen (meist mit der linken Hand) erzeugt den gleichmäßigen Fluss, vergleichbar dem Rauschen einer alten Schallplatte. Das Schlagen und mehr noch das Wischen der Akzente mit dem Besen (meist mit der rechten Hand) erzeugt ein schlurfendes Geräusch. Und genau daher stammt auch die Bezeichnung Shuffle: sie umschrieb schleifende Fußbewegungen beim Tanzen auf einem rauen Boden. Das Wort mit der Schreibweise shuffeln hat es übrigens in den Duden geschafft.

Heute kein langes Gerede und keine Geschichten. Hier ist der Groove! Dargestellt im Audio, in Noten sowie mit einem Video zum Einüben der Figuren.

Kreisen und „schlurfen“ auf der Snare. Die Bassdrum wurde auf dem Puls durchgehend gespielt

Kreisen und „schlurfen“ kann man ganz ohne viel Krach gut auf einer alten Zeitung einüben. Das Video zeigt dir die zwei Übungsschritte. Bis sich ein gleichmäßiges Kreisen einstellt, braucht es etwas Ehrgeiz.


Und nun wünsche ich viel Spaß, eine Zeitung zum Kreisen und eine gute Zeit bei der Beschäftigung mit den Jazz Besen.

Christian W. Eggers – christian@stompology.org – 26. April 2022 (letzte Aktualisierung am 24. April 2022)

Famous Grooves – With a Girl Like You – The Troggs

Für Boomer gibt es spezielle „Oldie-Programme“. In denen werden von sehr jungen Musik- Redakteurinnen und -Redakteuren gerne die abgehangenen Kamellen aus dem „Abspiel-Zufallsgenerator 60er Hits“ aufgelegt.

„Bab ba ba bam baaammm! with a girl like you!“ Von wem ist das noch mal?

„Was blieb den Jungs der englischen Klassengesellschaft der 60er Jahre ohne den Besuch einer Eliteschule anderes übrig, als Pop- oder Fußballstar zu werden?“

Foto aus dem Heimatort Andover der Bandmitglieder der einstigen Schülerband The Troggs; Bildtitel: Andover – Colin Jackson Cars; Autor: Chris Talbot; Quelle: wikimedia; Lizenz: CC BY-SA 2.0

Mit der englischen Beat Band The Troggs wird vor allem der Brachialsong  Wild Thing verbunden. Zwischen eingängigen und melodiösen Titeln finden sich seltsam rudimentäre Musikwerke, die unter dem Bandnamen „Die Höhlenmenschen“ alle Befürchtungen zu erfüllen scheinen. Aber da ist auch dieses schwungvolle  „Bab ba ba bam baaammm with a girl like you!“. Das groovt doch; irgendetwas ist hier anders als im 4/4-Garagenbeat der 60er Jahre Beatwelle.

Anhören, Nachempfinden, Üben und Aufnehmen

Den Song With a Girl Like You kannst du auf YouTube anhörnen: https://www.youtube.com/watch?v=Fqo63avlNvk

Der britischer Rock- und Pop-Sänger Sir Rod Stewart soll einmal sinngemäß gefragt haben: „Was blieb den Jungs der englischen Klassengesellschaft der 60er Jahre ohne den Besuch einer Eliteschule anderes übrig, als Pop- oder Fußballstar zu werden?“ Den Mitgliedern einer Schülerband aus dem südenglischen Andover in Hampshire gelang unter dem Bandnamen The Troggs 1965 mit dem Song Wild Thing ein Nummer 1 Hit in den USA

Der Groove

Als die englische Beat Musik zur Rock Musik mutierte, waren da plötzlich die 16tel Schläge. Das klang so wie bei Mitch Mitchell, Trommler bei Jimi Hendrix, neu und aufregend. Einige Musikerinnen (damals sehr wenige wohl nur) und Musiker sprachen vom Mitch Mitchell Beat.

Auf den Back Beat der „Zwei“ folgt ein 16tel Schlag auf der Snare, der die „Drei“ anschiebt. Auf der „Vier“ wird abschließend der zu erwartende Back Beat auf der Snare gespielt. Das Ride Becken wird auf der Kuppe gespielt, was dem Groove einen hellen und leichten Klang verleiht
Die Variation mit einem Tom-Schlag auf der Drei
Variation mit zwei Sechszehntel-Figuren

Ronnie Bond (eigentlich Ronald Bullis), Schlagzeuger der Band The Troggs spielte diesen Beat 1966 auf seine Art: Mit dem genaueren Anhören und Nachspielen kommt ein lockerer Groove zu Tage, der diesem sehr harmlosen und optimistischen Song einen leicht lateinamerikanischen Schwung verleiht.

Viel Spaß beim Ausprobieren, Nachspielen und Experimentieren!

Christian W. Eggers – 10. April 2022 – christian@stompology.org (letzte Aktualisierung dieses Artikels am 13. April 2022)

Quellen, Bildnachweise und Lizenzen

  • Foto aus dem Heimatort Andover der Bandmitglieder der einstigen Schülerband The Troggs; Bildtitel: Andover – Colin Jackson Cars; Autor: Chris Talbot; Quelle: wikimedia; Lizenz: CC BY-SA 2.0
  • Band-Foto The Troggs: Quelle: Fontana Records, wikemedia, Public Domain
  • Artikel: „Groovers and Shakers: Ronnie ‘Split Your ‘Ands!’ Bond – The Troggs“ von Bob Henrit auf MikeDolbear.com

Paradiddle Jungle Groove

Ein Groove, dominiert durch Paradiddle Schlagfolgen? Kann das gut klingen? Eigentlich bezeichnet die lautmalerische Wortschöpfung Paradiddle eine einst in der Militärmusik festgelegte Schlagfolge („Rudiment„), die gerne als technische Übung gespielt wird.

Charakteristisch ist die Kombination aus Einzel- und Doppelschlägen, so wie etwa der verbreiteten 16tel-Schlagfolge RLRR LRll.

Der Autor des Nachschlagewerks Reclams Jazzlexikon Ekkehard Jost nimmt an, dass die „unregelmäßig auf beide Hände verteilte Schlagfolge“ eine Asymetrie darstellt und diese zu „einer bewusst angestrebten rhythmischen Desorientierung führt“. Das alles klingt nicht nach der Idealvorstellung zur Gestaltung eines markanten Drum Grooves.

Zum Glück kann man die „Figur“ Paradiddle etwas „answingen“ auf den Toms spielen, Akzente einbauen und sie mit einfachen Schlagfolgen kombinieren. Es entsteht ein schöner „Jungle Groove“.

Basis für den hier im Audio zu hörenden Groove. Zu einem kleinen Solo wird das Ding, wenn man noch Becken-Schläge hinzufügt und die Schlagfolge über das ganze Set inklusive Snare verteilt

Das Notenbild zeigt so eine Kombination aus wiederkehrenden Paraddidle-Figuren und Einzelschlägen mit Off-Beat Akzenten. Da ist heftige Bewegung drin, so dass Mitmusikerinnen und Mitmusiker schnell genervt werden können, wenn der hier gezeigte exzessive Gebrauch von Paradiddles nicht auf kurze Passagen begrenzt wird. Viel Luft für andere musikalische Ereignisse bleibt sonst nicht übrig.

Paradiddle Jungle Groove im Retro-Sound

Ein Schlagzeuger, der mit Paradiddle-Figuren überaus erfolgreich war und damit Hits komponierte, war der am 14. Februar 2022 verstorbene „Mr. Let There Be Drums“ Sandy Nelson. Einen Artikel über diesen ungewöhnlichen Jazz- und „Beatmusik“-Drummer findest du hier.

Sandy Nelson

Das war es auch schon und ich wünsche viel Spaß beim Ausprobieren und Experimentieren!

Christian W. Eggers – 27. März 2022 – christian@stompology.org – (letzte Aktualisierung am 27. März 2022)

Berühmte Grooves – Rock Around the Clock

»Ich saß neben den beiden Toningenieuren und bedeutete ihnen mit meiner Zigarre die Regler weiter nach oben zu schieben. Das war das erste Mal, dass eine Schallplatte bis in den roten Bereich ausgesteuert wurde.« Gemeint ist die Aufnahme Rock Around the Clock von Bill Haley & His Comets. Manager James E. („Jim“) Myers beschrieb diese Szene, wie sie sich Hollywood nicht besser hätte ausdenken können. (1)

Rock Around The Clock · Bill Haley & His Comets – Provided to YouTube by Universal Music Group

Welche Entfesselungskräfte in seiner Musik schlummern, können Bill Haley und Jazz-Produzent Milt Gabler nicht ahnen, als sie Rock Around the Clock am 20. Mai 1954 veröffentlichen. Sonst wäre das zwei Minuten und acht Sekunden lange Stück, mit über 200 Millionen verkauften Einheiten einschließlich aller Cover-Versionen der bis heute meistverkaufte Rock-Song aller Zeiten, nicht zunächst auf der B-Seite einer Vinyl-Single versteckt worden. (2)

Bill Haleys Version von Rock Around the Clock gerät zu einem Moment puren Genies, der das Feuer und das Drama dieser Musik für alle Zeiten konserviert.

Haley-Biograf John Swenson

Bill Haley selbst muss ein bescheidener Mann gewesen sein. „Wenn ich eine Dixieland-Melodie nehme und den ersten und dritten Rhythmus-Schlag weglasse, dafür aber den zweiten und vierten betone und einen Beat dazugebe, nach dem die Zuhörer klatschen oder auch tanzen können – das wäre dann genau nach ihren Wünschen. Dann nahm ich alltägliche Redewendungen wie ‚Crazy Man, Crazy‘, ‚See You Later, Alligator‘ oder ‚Shake, Rattle and Roll‘ und machte nach der geschilderten Methode Songs daraus.“ So schlicht erklärte Bill Haley seinen Erfolg später dem Fan-Magazin Haley News.

Spielweise des Grooves

Erstaunlicherweise ist angesichts der Bedeutung der Aufnahme für die Musikgeschichte wenig überliefert, wie der Drum Groove zustande gekommen ist. Über das „klackern“ der Saiten des Contrabasses (Slap-Technik) bis hin zur Vermutung von nachträglichen Overdubs der markanten und den Groove prägenden Shuffle-Figur im Woodblock-Sound: alles Spekulationen, die nicht wirklich helfen den Groove am Schlagzeug umzusetzen.

Viele Schlagzeugerinnen und Schlagzeuger „hängen“ sich bei diesem Song in das Ride Becken. Das ist nicht so elegant und nimmt dem Song das Achtel-Shuffle-Gefühl. Im Zusammenspiel mit der Band funktioniert die hier gezeigte „hüpfende“ 2-taktige Figur mit den überraschenden Snare-Akzenten im zweiten Takt sehr spannungsreich.

Notiert und nachgespielt ist hier daher das, was in der von der Plattenfirma autorisierten Abmischung zu hören ist. Ohne Anspruch auf historische Richtigkeit.

Der Vorschlag zum Spielen des Basis-Grooves zeigt eine Kombination von Schlägen auf dem Woodblock (Alternativ „Rim of Snare“) und der Snare.

Bassdrum und Hi-Hat werden in der üblichen Four-Beat-Kombination gespielt. Markenzeichen des Drummers Billy Gussak in der Zusammenarbeit mit Bill Haley war der unerwartet überlaute Akzent auf der 3-Und gefolgt von einem Akzent auf der Zählzeit 4. Diese kraftvolle Spielweise wurde von Bill Haleys Tour-Drummer Dick Richards übernommen.

Steigerung der Intensität zum Ende des Songs mit Backbeats auf der Snare
Das Sticking für Rechtshänder. Wie im Swing üblich, wird der 3-Und Zwischenschlag im zweiten Takt der Basis mit der Linken gespielt

Hier die oben gezeigte Figur abweichend auf dem Spannreifen der Snare gespiel. Im zweiten Takt ist der 4 noch eine 4-Und, gespielt auf dem Spannreifen, hinzugefügt. Das kann helfen, einen unerwünschten Stop-and-Go Effekt im Fluss des Grooves zu vermeiden.

Im Grunde besteht der Groove in einer Fortführung der bis dahin unter dem Begriff „Jump Blues“ bekannten Spielweisen der Bands der amerikanischen Großstädte. Extrem gut tanzbar, laut, Backbeat fixiert und befreit von den komplizierten Feinheiten der Big Band Arrangements.

„Bill Haley and his Comets in the 1954 Universal International film Roundup Of Rhythm“ Lizenz, Autor und Quelle via wikimedia: „Unknown author – This image was provided with the friendly permission by Mr. Klau Klettner from Hydra Records“

Sound des Grooves

Auffallend ist der kräftige Nachklang der Snare Drum. Hier wird wahrscheinlich das Beste der amerikanischen Studiotechnik der 50er Jahre zum Einsatz gekommen sein. Lässt sich der Halleffekt mit einfachen Mitteln imitieren? Ohne Software? Ja, das geht! (siehe hier „Retro Hall der Snare Drum“)

Das hözerne „Shuffle-Klackern“ kann mit einem Woodblock oder auch „Rim of Snare“ erzeugt werden

Interssant ist der Snare Hall besonders im Kontrast zum weniger verhallten Woodblock. Damit kommt der Klang des Grooves schon sehr dicht an das Original heran.

Ich wünsche viel Spaß beim Ausprobieren und Losfetzen im Bill Haley Sound. Am besten mit einer guten Band.

Christian W. Eggers – 19. März 2022 – christian@stompology.org – (Letzte Aktualisierung dieses Artikels am 20. März 2022)

Quellen

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