Die E-Gitarre aus dem Supermarkt – Test und Einstellen einer Low Budget E-Gitarre

Das Schicksal tausender Supermarkt Gitarren der Schwarz Gruppe (Lidl, Kaufland) und aus dem Hause Aldi scheint vorgezeichnet. An die Wand gedübelt als Deko, jetzt massenhaft über Kleinanzeigen verschenkt oder gleich zum Sperrmüll gestellt.

Nach Beendigung des Corona Lockdowns ist nunmehr Schluss mit den schönen Künsten in den heimischen Wohnzimmern. Der Wunsch doch noch einmal das Gitarrespielen zu lernen verblasst hinter den zurückgekehrten Zwängen des Erwerbslebens. Und überhaupt war die von Lidl angeschleppte E-Gitarre eine blöde Idee: „Das Ding ist billig und taugt auch nichts!“

Die „Axman Lidl Klampfe“ in ganzer Pracht

Kann man eigentlich mit den 70 Euro Klampfen das Spielen erlernen und auch einen Song so spielen, dass es Spaß macht? Ein Versuch macht klug. Daher hier ein Selbstversuch mit einer schon etwas älteren Stratocaster Kopie von Lidl. (1)

Das obskure Objekt der Begierde

Gut sieht sie aus! Schwarzer makelloser Klavierlack, sauber verchromte Beschläge, ein eleganter Gitarrenkopf ohne krampfhafte Verzierungen, die einer eventuellen Design- und Markenverletzungsklage seitens Fender vorbeugen sollen. 

Die Gitarre trägt das Branding Axman und weckt so mehr die Assoziation zu einem Holzfäller-Werkzeug. Zusammen mit Verstärker, Ständer, Kabel, Plektrum, Ersatzsaiten, Stimmgerät, Gurt und Tasche wurde die Gitarre seit ca. 2011 für einen Preis von ca. 100 Euro vertrieben. Aktuell wird das äußerlich baugleiche Produkt unter dem Label „McGrey E-Gitarre Komplettset“ für 109 Euro verkauft.

Die Bohrung am Übergang zum Sattel dient zum Einstellen der Hals-Spannung und damit dem Begradigen von zu starken Krümmungen

Mein Kleinanzeigen-Exemplar der Strat-Kopie wurde mir an einem Samstagmorgen von einer übernächtigt wirkenden jungen Dame im Schlafanzug an der Haustür eines Kieler Mietshauses übergeben. „Viel Spaß dann noch damit!“ Rums. Tür zu.

Verarbeitung und Einstellen der „Lidl Strat“

Ja, das Ding sieht aus wie eine Stratocaster. Cadillac Design der 50er Jahre so wie Leo Fender es sich ausgedacht hatte. Auffallend ist das hohe Gewicht, welches die 3,2 kg der Originale wohl übersteigt.

Werden die Saiten angeschlagen und man spürt das Vibrieren des Gitarrenkopfes, soll dieses ein Zeichen für einen guten Kontakt des verschraubten Halses mit dem Body sein. Bekanntlich ist dieser Kontakt für Sustain (Länge des Ausklingvorgangs eines Tons) mit verantwortlich. Prima! Der Kopf vibriert.

Gitarrenhals bearbeiten und einstellen

Der Stratocaster typische breite und damit griffkomfortable Hals entspricht nahezu der Breite des Originals (ca. Sattelbereite 4,3 cm).  Unangenehm ist jedoch die scharfe Gratung des Halses, die sogar an den Bünden seitlich besteht und behindert. Mit Sandpapier lässt sich das innerhalb von wenigen Minuten beheben. Sogar ohne sichtbare Spuren, da der Hals nicht lackiert ist.

Schleifen der Gratungen der Enden der Bünde macht die Gitarre „handfreundlicher“

Die Banane war deutlich. Der Hals selbst musste dringend begradigt werden. Er war viel zu lose, so dass er sich gut sichtbar nach unten wölbte. Auch das ist behebbar; so wie bei einer „echten Strat“. Hierzu wird nur ein handelsüblicher Inbusschlüssel benötigt. Die Einstellschraube ist über eine Bohrung im Gitarrenkopf zu erreichen (siehe Foto des Kopfes weiter oben). Es empfiehlt sich die Gitarre nach dem Einstellen des Halses für ein bis zwei Tage unter Saitenzug stehenzulassen und wenn notwendig nochmals zu justieren.

Saitenlage einstellen

Die Saitenlage, also der Abstand zwischen Griffbrett und Saiten, lässt sich ebenfalls so wie üblich für die einzelnen Saiten  mit einem Inbusschlüssel individuell einstellen (siehe Foto unten).

Oben die Schrauben zum Einstellen der Saitenlage. Seitlich die Schrauben zum Einstellen der Oktavreinheit

Mechaniken einstellen

Hier ist meist der kritische Punkt, der über die Bespielbarkeit einer „Billiggitarre“ entscheidet. So wie die Gitarre eingestellt war, konnte sie keine Stimmung halten. Das lag hier nicht an schlechten Mechaniken, sondern an losen Schrauben und Muttern. Nachdem die Muttern und Schrauben (siehe Foto) angezogen wurden, hält die Gitarre die Stimmung auch bei „härterer Gangart“. Es ist also nicht gleich notwendig, die Mechaniken durch hochwertigere zu ersetzen.

Sämtliche Schrauben und Muttern am Gitarrenkopf und den Mechaniken waren lose. Nach dem Anziehen hält die Gitarre die Stimmung

Oktavreinheit einstellen

Nach dem ein neuer Satz Saiten aufgezogen ist, lässt sich ebenfalls wie bei dem Original die Oktavreinheit sehr bequem und genau einstellen (siehe Foto unter „Saitenlage einstellen“). Oktavrein ist die Gitarre dann, wenn eine Saite im 12. Bund angeschlagen den Ton der ungedrückten Saite genau eine Oktave höher erklingen lässt. Die Oktavreinheit ist eine wichtige Grundlage zur Kontrolle der Bundreinheit einer Gitarre.

Elektronik

Hier gibt es nichts zu tun. Potentiometer und Klangregler arbeiten sauber. Der Umschalter funktioniert. Es brummt und kracht nichts. Die Tonabnehmer liefern den Sound, den man mit einer Stratocaster verbindet. Also: Gain-Regler am Verstärker kräftig aufdrehen und los geht es. Ein Soundbeispiel mit einem kleinen Ibanez Transistor-Verstärker findest du in dem Video unter „Fazit“. Wie glücklich wäre ich im Alter von zwanzig Jahren (das war so ungefähr nach der ersten Mondlandung) gewesen, eine Gitarre mit einer derartig fehlerfreien Elektronik besessen zu haben. (2)

Die Tonabnehmer produzieren in ihren Variationsschaltungen genau den Sound, den man mit einer Stratocaster verbindet. Klarer Jingle-Jangle Klang bis zum rotzigen Stevie Ray Vaughan Sound. Alles möglich

Fazit

Mit etwas Geduld und Werkzeug konnte die Lebensmittelmarkt Strat Kopie tatsächlich in ein brauchbares Musikinstrument verwandelt werden. Es wird weder die Lust am Üben rauben und auch nicht unbenutzt in der Ecke stehen bleiben. Dort, wo man vielleicht seine 1.700 Euro Strat nicht aufs Spiel setzten möchte oder einfach mal neben dem Klang einer akustischen Gitarre etwas Abwechslung sucht, kann die 70 Euro Kopie als „Zweitgitarre“ nach dem Einstellen und Anpassen eine funktionierende Alternative oder Ergänzung sein.

Für meine inzwischen mehr mit den Drumsticks vertrauten Hände ist das Ding eine schöne Abwechslung.

Einen kleinen Eindruck zum Klang der „Axman Lidl Strat“ kannst du hier gewinnen. Die Gitarre ist an einen „Brühwürfel“ Transistor Verstärker von Ibanez für 40 Euro angeschlossen. Die Aufnahme wurde mit einem iPhone angefertigt

Die Sache mit dem Image

Man stelle sich vor: Der mit Samt ausgeschlagene Gitarrenkoffer wird geöffnet. Auf das fragende Stirnrunzeln der Mitmusiker und Musikerinnen streicht man zärtlich über die Saiten und erklärt feierlich: „Es ist eine Lidl Axman.“

„Hättest du’s vermutet? Derek Trucks, der für sein Slide-Spiel weltbekannte Gitarrist, spielte eine billige Silvertone. Der Tapping-Gitarrenheld Eddie van Halen setzte in seinen Anfangstagen auf eine Teisco. Und der Multiinstrumentalist Prince, Mr. Purple Rain persönlich, spielte eine günstige  Tele-Kopie aus japanischer Fertigung. Welche Songs und Sounds wären uns vorbehalten geblieben, wenn es diese Heros nicht gegeben hätte.“ Online Magazin musikmachen.de

Was will man mehr!

Christian W. Eggers – 13. März 2022 – christian@stompology.org (letzte Aktualisierung dieses Artikels am 15. März 2022)

  • (1) Wichtig: Dieser Test und Erfahrungsbericht bezieht sich nicht auf akustische Gitarren. Auf Grund ihrer Bauweise bestehen bei den aller meisten Konzert- und Westerngitarren nur eingeschränkte Möglichkeiten der Justierung ohne Hilfe eines Instrumentenbauers. Eine akustische Gitarre für unter 100 Euro, die zum Einstieg geeignet ist, ist dem Autor nicht bekannt.
  • (2) In den 70er Jahren vertrieb der Kaufhauskonzern Hertie eine Billiggitarre die scherzhaft als „Hertiecaster“ bezeichnet wurde. Im Gegensatz zu neueren Low Budget Gitarren war die Elektronik wenig ausgereift und störungsanfällig. Hinzu kommen neue Computer gestüzte maschinelle Massenfertigungsmöglichkeiten, mit denen sehr präzise produziert werden kann.

Famous Drum Groove „I Got a Woman“ – Ray Charles

Mit dem Titel I Got a Woman begann der Aufstieg des leidenschaftlichen Sängers Ray Charles. Charles gilt mit seiner Fusion von Gospel und R&B als Erfinder des Soul. Sein größter Hit dieser neuen Richtung war der mitreißende Song What’t I Say.

Ray Charles berühmter Song I Got a Woman wurde 1954 in Atlanta im Bundesstaat Georgia aufgenommen. Die Aufnahme wurde, wie zahlreiche weitere Aufnahmen mit Ray Charles, von Jerry Wexler für Atlantic Records produziert.

Zur Geschichte des Songs und über die Aufregung, die er verursachte, kannst du hier im Songlexikon mehr erfahren.

Der Song ist im Laufe der Jahrzehnte in diversen Coverversionen erschienen. Hier ist das Original zu hören und hier ist eine rhythmisch auch sehr interessante Version von Bill Haley.

Die Schlagzeug Basis-Figur dieses schlichten aber spannenden R&B Grooves wird häufig einfach als Swing-Pattern, gespielt auf der Snare, notiert. Das funktioniert, aber es tifft nicht so richtig den etwas „syncopated groove“ des Songs.

Basis Groove I Got a Woman: das Swing-Pattern auf der Snare im Two-Beat (Wechsel von getretener Hi-Hat und Bassdrum) gespielt

Abweichend von der obigen Notation zeigt die nachfolgende Variante Offbeat-Akzente und Offbeat Bassdrum-Anschläge in den Zählzeiten 1, 2 und 3. Der Groove wird damit sehr viel lebenändiger und er bekommt einen afrokubanisches Einschlag.

Variation mit den Sticks auf der Glocke des Ride Beckens gespielt
Variation auf der Glocke des Ride Beckens gespielt
Ein schöner Effekt ist bei den Akzenten mit einem auf der Snare liegend angespielten Schellenkranz zu erreichen. Im Nachfolgenden Beispiel wurde der Kranz mit den Jazz-Besen angeschlagen.
Leichter zu spielen ist diese Variation im Two Beat als „Bo Diddley Beat“ gespielt. Auf der Snare liegt ein Schellenkranz, der mit den Besen angeschlagen wird
Variation im Bo Didley Beat mit Schellenkranz

Die Schlagzeugparts der verschiedenen Versionen der Interpreten sind sehr unterschiedlich gespielt. Charakteristisch für den Groove von I Got a Woman ist das Zusammenspiel der Band mit den Akzenten der „Schläge weg vom Puls“, also den Offbeats. Leicht swingend auf der Snare und Bassdrum gespielt, klingt diese Abwandlun der Bo Diddley Schlagfolge sehr modern. Fast wie ein Vorläufer eines Hip-Hop Grooves.

Über den Atlantic Records Studio-Schlagzeuger Glenn Brooks ist nicht viel zu erfahren: Nach der Liste seiner Mitwirkung an großen Produktionen erschreckend wenig.

Ich wünsche viel Freude beim Ausprobieren, Nachspielen und Variieren dieses zeitlosen Grooves.

Christian W. Eggers – 26. Februar 2022 (letzte Aktualisierung dieses Beitags am 11. März 2022 – christian@stompology.org

The rock we stand on – Swinging quarters

Können Viertel-Schläge swingen? Theoretisch nein, praktisch ja!

Theoretisch können in einem 4/4 Takt die Viertel, die den Puls bilden, nicht swingen. Swing wird als ein Phänomen begriffen, dass erst in der Unterteilung der Viertel (des Pulses) in Achtel-Schläge enstehen kann. Immer dann, wenn die Achtel in der „triolischen Dehnung“ erfolgen. So in aller Kürze die heutige Theorie zum Effekt Swing.

„A way of saying something fom inside himself, as far back as time, as far back as Africa, in the jungle, and the way the drums talked across the jungle, the way they filled the wohle air with a sound like the blood beating inside himself.“

Sidney Bechet über den Jazz

Und überhaupt: Die fleißige europäische Jazzforschung hat sich stets bemüht Erklärungen zu finden. Bei denjenigen, die Jazz „erfunden“ haben, den Musikern und Musikerinnen aus Nordamerika, soll das gelegentlich auf erheiterndes Befremden gestoßen sein.

Akademische Klimmzüge

Mussten zunächst die aus der Klassik bekannten (und einst von strengen Musiklehrern und -lehrerinnen verpönten) Synkopen als Erklärung herhalten, waren dann die Betonungen der Zählzeiten Zwei und Vier das Merkmal für den Swing.

Die heute vorherrschende Ansicht (hier stark verkürzt) meint, dass es Offbeats und Onbeats (also Schläge auf dem Puls und Schläge zwischen dem Puls) gibt, die in ihren betonten und unbetonten Kombinationen den Swing ausmachen. Werden diese Kombinationen dann noch „triolisch“, also in der nahezuen Dreiteilung des Mikrotimings der Achtel gespielt, dann ist alles gesagt und verstanden.

Nun bemühen sich die Generationen von Schlagwerkenden an den Musikschulen und Muikhochschulen das alles mit dem Kopf umzusetzen, auszufeilen, zu kultivieren und ein wenig hier von und ein wenig davon zusammenzudenken und zu spielen. Mit Tanzmusik und Ausgelassenheit der frühen Jahre der Popmusik hat das schon lange nichts mehr zu tun.

Also, können Viertel nun swingen?

Hier kommt ein Tom-Tom (Jungle-) Groove, der mit Vierteln swingt. Lautsprecher aufdrehen und „hop around the room“!

Was für ein schönes Beispiel für die vielen Tom-Tom Grooves des Jazz, die im 4/4 Puls den Swing beinhalten: „Bill Haley & The Comets – Rudy’s Rock“ von 1956″; Auschnitt: Basis des Tom-Tom Grooves (2)

Lass dich nicht verwirren: Die Schlagfolge sieht unbeschreiblich einfach aus. Ist sie wohl auch. Mit dem richtigen Gefühl getrommelt wird sie swingen.
Variation: Betonung der „Eins“ – Cozy Cole Stil

Den gleichen Effekt der „swingenden Viertel“ der hier gezeigten Grooves nutzen Jazz-Bassisten und Bassistinnen mit dem „Walking Bass„: Viertel, Viertel, Viertel, Viertel. Vielleicht mal eine Achtel-Note, damit es auch im Mikrotiming swingt. Wunderbar!

Christian W. Eggers – 23. Februar 2022 – christian@stompology.org (letzte Aktualisierung am 25. Februar 2022)

Quellen

  • (1) Sidney Bechet zitiert aus „All that Jazz, Michael Jacobs, Reclam

Berühmte Grooves – God Only Knows by The Beach Boys – Part 2

Im ersten Teil zum Drum Groove von God Only Knows von den Beach Boys ging es um die Basis der Schlagfolge.

Dieser zweite Teil der Artikelserie ist dem Zwischenspiel (Interlude) der Takte 32 bis einschließlich 35 gewidmet. Oha! Das Ding hat es in sich!

Aus Swing Eights werden Straight Eights

Die Takte des Zwischenspiels weichen von der swingenden Basis durch die „gerade“ Spielweise ab. Aus Swing Eights werden Straight Eights. Schnell wird diese Feinheit mit großer Wirkung als Änderung des Pulses wahrgenommen. Die „gedehnten“ Swing-Achtel werden in den Takten 32,33,34 und 35 nicht nur „gerade“ gespielt, sondern auch im Staccato, also nur sehr kurz ausklingend. Auch das trägt dazu bei, dass eine Tempoänderung des Pulses wahrgenommen wird. Tatsächlich ändert sich jedoch nur das sogenannte Mikro-Timing.

So manche gestandene Band fliegt hier aus der Kurve und einige auf Text und Melodie fixierte Kirchenchöre „zernuscheln“ das Zwischenspiel oder lassen es gleich ganz weg.

In Big Band Arrangements des Songs wiederum wird die Klippe auch gerne umschifft, indem die Band das Interlude einfach im Fluss der „swingenden Achtel“ der Strophen spielt.

Wie präzise die Band und Phil Spectors legendäre The Wrecking Crew die Produktionen des Albums Pet Sounds und das Interlude von God Only Knows umgesetzt haben, ist gut in der Originalaufnahme zu hören. Im dritten und vierten Takt des Interludes läuft alles rund! Hier ist das Original verlangsamt zum Mitzählen der gespielten und pausierenden Achtel der insgesamt vier 4/4 Takte des Zwischenspiels zu hören.

Interlude von God Only Knows der Beach Boys – Quelle: YouTube Account / Channel Beach Boys – Das Musikzitat wurde zur Veranschaulichung dieses Artikels verlangsamt. Das Original kann über diesen Link angehört werden. Interessant ist, dass in ersten Takt des Interludes die Bassgitarre nicht
genau die „Und-Zeiten“ trifft und dass Brian Wilson sich dennoch für diesen Take aus Dutzenden von Takes entschieden hat

Eine Methode zur Erfassung schwieriger Passagen ist es, das Original einer Aufnahme zu verlangsamen und die rhythmischen Ereignisse zählend mitzutrommeln, um diese dann zunächst mit Strichen zu Papier zu bringen. Zehn Achtel werden gespielt und sechs Achtel pausieren

Das Piano spielt im Interlude von God Only Knows, unisono mit weiteren Instrumenten, die oben „mitgeschlagenen“ Achtel der insgesamt vier 4/4 Takte des Interludes.

Piano Bassfigur der Achtel des Interludes. Die 2-taktige Phrase wird zweimal gespielt

Die Schlagzeug-Figur ist eng an die oben gezeigte Spielweise angebunden. Der Drum Part weist jedoch die Besonderheit eines kurzen und im Fluss des Staccatos enorm effektvollen Fill in auf.

Notation des Schlagzeug-Parts des Zwischenspiels von God Only Knows. Die 2-taktige Figur wird zweimal gespielt. Im zweiten Takt werden die Achtelpausen des Orchesters mit einem kurzen (16-tel) Fill in gestaltet
Gespielt wie oben in der Notation gezeigt; abweichend jedoch die Viertel nicht mit der getretenen Hi-Hat, sondern mit der Bassdrum markiert

Gespielt zusammen mit einer Band müssen Schlagzeugerinnen und Schlagzeuger wahrscheinlich der Fels in der Brandung sein und die übrigen Mitwirkenden durch diese vier Takte geradezu stoisch hindurchführen.

So, und das war auch schon der zweite Teil zur Spielweise von God Only Knows. Im kommenden dritten Teil geht es abschließend um das majestetische Outro und die aufregend marschartigen Rolls von Hal Blaine, dem Studio-Schlagzeuger der Beach Boys, im Fadeout eines typischen Beach Boys Kanons.

Christian W. Eggers – 5. Februar 2022 – christian@stompology.org (letzte Aktualisierung des Artikels am 6. Februar 2022)

Röhren-Tonbandgerät – Wenn es richtig retro klingen soll

Ist ein Tonbandgerät aus den 70er Jahren schon eine Herausforderung zur Aufnahme von Live-Musik, so wird es richtig spannend, wenn man sich mit einer „Röhren-Kiste“ der 60er Jahre befasst.

Vorweg: Es lohnt sich für alle Musikerinnen und Musiker, die den analogen Workflow und den „schmutzigen“ Sound der sehr frühen Jahre der Popmusik mögen. Im Zuge der Lo-Fi Bewegung könnte ein Röhrengerät auch für jüngere Künstler und Künstlerinnen interessant sein.

Zwischen Einbildung und Tatsache

Was ist anders gegenüber einem Transistorgerät? Das Fachmagazin amazona.de beschreibt es für Verstärker so:

„Während bei einem Transistor das Signal nahezu gradlinig verläuft, so hat man bei Röhren immer kleinere Schwingungen, die in der Endverstärkung mitverstärkt werden. Das ist im Prinzip die ‚Störung‘, die den warmen auch angezerrten Sound der Röhre erzeugt.“

Egal was es ist, es klingt einfach anders! Weil die Röhren andere Fehler (sogenannte Artefakte) produzieren als die Transistoren eines „modernen“ 70er Jahre Tonbandgerätes. Eine sehr hoch ausgesteuerte Schlagzeugaufnahme, aufgenommen mit einem Röhren-Tonbandgerät, lässt das Herz des alten R&B und Jazz Drummers höher schlagen.

„Old Tape Recorder Stomp“ aufgenommen mit einem Grundig TK 27 L aus den 60er Jahren

Aber wenn am Ende doch noch digitalisiert wird…

Wozu der Aufwand, wenn die Bandaufnahme hinterher digitalisiert wird? Weil die digitale Technik es ermöglicht, die typischen „Fehler-Eigenschaften“ der Röhrenaufnahme gnadenlos festzuhalten und wiederzugeben.

Beispiel: Digitalisiert man ein Filmnegativ, werden Filmkorn-Strukturen und weitere analoge Artefakte mit eingescannt. Wird keine Entstörungssoftware eingesetzt; siehe da, es sieht aus wie früher. Genau so funktioniert das mit der Digitalisierung von analogen Tonaufnahmen.

Lässt sich der Röhren-Sound und der Klang der Bandkompression nicht digital simulieren?

Gut ausgesteuerten Bandmaterial wird eine gewisse Musikalität nachgesagt. Lässt sich das nicht einfacher mit Softwareprogrammen digital simulieren? Ja! Das geht im Laufe der Entwicklung immer besser. Sogar mit kostenfreier Software.

Mir macht das aber gar keinen Spaß. Ich sehe eine Bandmaschine als einen Teil meines „analogen“ Musikinstruments an. Arbeitsabläufe und Technik der analogen Gerätschaften bewirken ein intensiveres und tieferes Erleben von Musikproduktionen, als dieses am Computer möglich ist. Es beginnt damit, dass ich mein Drumset viel genauer stimme und nicht denke „die Software wird es schon noch machen“.

Was kostet der Spaß?

Was muss investiert werden, damit man mit Röhrengeräten in der heutigen Zeit aufnehmen kann? Zeit, Zeit, Zeit und ein gehöriges Maß an Frustrationstoleranz.

Klar, man kann sich für 25.000 Euro eine restaurierte Studiomaschine aus den 50er Jahren kaufen. Es geht aber auch preiswerter mit sogenannten Consumer-Geräten, also den Geräten, mit denen der „Musikverbraucher“ damals Musik aufgenommen und gehört hat.

Zeit, Zeit, Zeit und ein gehöriges Maß an Frustrationstoleranz

Grundig TK 27 L Tonbandgerät mit Röhrenbestückung aus den 60er Jahren. Herzlichen Dank an Klaus Diemer aus Bad Füssing, der mir dieses gepflegte Gerät aus seiner eigenhändig restaurierten Sammlung zur Verfügung gestellt hat. Es ist schön, die Begeisterung für diese alten Geräte mit jemanden teilen zu dürfen.

Oben im Bild ist ein Grundig Tonbandkoffer TK 27 L zu sehen. Mehr oder weniger funktionsfähig kann so ein altes Gerät aus den 60er Jahren zwischen 40 und 250 Euro kosten. Je nach Erhaltungszustand. Ganz ohne etwas Schrauben, Basteln und Reinigen wird es selten gehen. Hilfe hierbei kann z. B. über das tonbandforum.de gefunden werden.

Hürden und Tipps

Hier einige Hinweise, die helfen sollen, sich schlechte Erfahrungen zu ersparen.

Aussteuerung bei Stereo-Aufnahmen

Geräte mit zwei Aufnahmekanälen haben meist nur eine Aussteuerungsanzeige für beide Kanäle. Das „magische Band“! Es reagiert erstaunlich schnell und genau. Nicht so träge wie die Zeigerinstrumente der 60er und 70er Jahre.

Bei Stereoaufnahmen empfiehlt es sich zunächst nur ein Mikro mit dem Gerät zu verbinden und die manuelle Aussteuerung im Pausenbetrieb vorzunehmen. Dann kann das zweite Mikro aufgestellt und so ausgesteuert werden, dass dieses nicht zur Übersteuerung führt.

Bei der Digitalisierung können anschließend beide Kanäle natürlich noch ein wenig zur jeweils gewünschten Ausgewohgenheit korrigiert werden.

Das „magische Band“ zeigt den Pegel der Aussteuerung der Aufnahme an. Berühren sich die günen Seiten leicht, ist die maximale Aussteuerung erreicht. Im Normalbetrieb ist die Röhre natürlich abgedeckt und nur als kleiner Schlitz über dem Schriftzug „Stereo“ sichtbar.

Etwas einfacher ist es, wenn die Mikros vergleichbar der Blumlein-Aufstellung (die für Mikros mit Achtercharakteristik gedacht ist), also sehr dicht beieinander in die gleiche Richtung zeigend, aufgestellt werden. Hier können dann beide Mikros gleichzeitig ausgesteuert werden.

Mikrofonaufnahmen ohne externen Vorverstärker

Soll ohne zusätzliche technische Ausrüstung aufgenommen werden, sind die passenden hochohmigen (ca. 5 bis 20 kOhm Impedanz) Mikrofone notwendig. Zu Grundig TK Geräten passen die robusten und schweren Grundig Studiomikrofone mit der Bezeichnung GDM 322 und GDM 321.

Wichtig ist, dass der Stecker nicht von einem Vorbesitzer „verbastelt“ wurde und sich die im DIN Stecker enthaltene spezielle Schaltung im Originalzustand befindet. Diese Mikros funktionieren dann auch hervorragend an anderen Geräten, wie etwa denen von Uher.

Ein so hochwertiges Mikro ist schon für 50 Euro über „ebay-kleinanzeigen“ zu finden.

Die schweren und robusten Grundig Mikrofone GDM 321 GDM 322 Mikrofone sind gesucht und sie werden nicht nur von „Retro-Fans“ geschätzt.

Zu bedenken ist noch, dass der direkte Betrieb der hochohmigen Mikros an einem Grundig TK Röhrengerät nur mit geringen Kabellängen ohne Qualitätsverluste möglich ist.

Möglich ist es aber mittels eines Vorverstärkers mit eingebauter DI-Box zwischen Mikro und Tonbandgerät lange Kalbel zu verwenden (siehe nachfolgenden Abschnitt).

Mikrofonaufnahmen mit Vorverstärker und DI-Box

Sollen Aufnahmen mit den heute üblichen niederohmigen Mikrofonen angefertigt werden, ist die technische Anpassung zu Röhrenbandmaschinen notwendig. Hier kommt der technisch Unkundige schnell durcheinander: Impedanz, symmetrisch, asymmetrisch?

Wenig Gedanken um Anschlüsse mit Impedanzanpassungen sowie störendes Brummen muss man sich machen, wenn ein Mikrofonvorverstärker mit DI-Box zwischen „modernen“ Mikros (niederohmig und meist mit symetrischen XLR-Verbindungen) und alter Bandmaschine angeschlossen wird.

Bandmaterial

Frisches Bandmaterial gibt es noch via Musikhaus Thomann zu bestellen. Mit einigen gebrauchten und sogar ungebrauchten Bändern von BASF habe ich die Erfahrung gemacht, dass diese inzwischen enorm „schmieren“ und zu extremen Verunreinigungen der Tonköpfe, Bandführungen und Rollen führen.

Hervorragend in der Verabeitungsqualität sind die alten BASF Bänder mit der Bezeichnung LGS 52. Auch nach intensiven Nutzungen erzeugen sie kaum Abrieb und keine Schmutzfilme in der Bandführung sowie an den Tonköpfen. Die Bänder sind an ihrer Weinroten Rückseite mit dem durchlaufenden Aufdruck LGS 52 zu erkennen.

„Wie alle Bandarten vom Typ LGS auf der praktisch unverwüstlichen ©LUVITHERM-Folie. Das dauerhafte Tonband für den normalen Gebrauch.“ (http://www.magnetbandmuseum.info/basf-produkte-1960.html)

Verbindung zum Interface

Bei der Digitalisierung ist bei Grundig TK Geräten der 50er und 60er Jahre zu beachten, dass ein Ausgangssignal an das Interface nur ausreichend kräftig ausgegeben wird, wenn der Lautsprecherregler des TK (TK = Tonbandkoffer) aufgedreht wird. Der Innenlautsprecher kann zum Glück an der Rückseite des Gerätes abgeschaltet werden.

Die Lautstärke der Abhörkontrolle (z. B. mit Kopfhörer) ist dann über das Interface herzustellen. Die Verbindung zum Interface lässt sich beim TK 27 über die dritte Buchse von links gesehen auf der Rückseite des Gerätes herstellen.

Und wie klingt es nun?

Ich wünsche den Leserinnen und Lesern, dass dieser Artikel zum Experimentieren einlädt. So ein Bandgerät kann sehr viel Freude machen. Ich freue mich über Nachfragen und Hinweise aus der Leserschaft.

Christian W. Eggers – 23. Januar 2022 – christian@stompology.org – (Letzte Aktualisierung dieses Artikels am 12. April 2022.)

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