Berühmte Grooves – Rock Around the Clock

»Ich saß neben den beiden Toningenieuren und bedeutete ihnen mit meiner Zigarre die Regler weiter nach oben zu schieben. Das war das erste Mal, dass eine Schallplatte bis in den roten Bereich ausgesteuert wurde.« Gemeint ist die Aufnahme Rock Around the Clock von Bill Haley & His Comets. Manager James E. („Jim“) Myers beschrieb diese Szene, wie sie sich Hollywood nicht besser hätte ausdenken können. (1)

Rock Around The Clock · Bill Haley & His Comets – Provided to YouTube by Universal Music Group

Welche Entfesselungskräfte in seiner Musik schlummern, können Bill Haley und Jazz-Produzent Milt Gabler nicht ahnen, als sie Rock Around the Clock am 20. Mai 1954 veröffentlichen. Sonst wäre das zwei Minuten und acht Sekunden lange Stück, mit über 200 Millionen verkauften Einheiten einschließlich aller Cover-Versionen der bis heute meistverkaufte Rock-Song aller Zeiten, nicht zunächst auf der B-Seite einer Vinyl-Single versteckt worden. (2)

Bill Haleys Version von Rock Around the Clock gerät zu einem Moment puren Genies, der das Feuer und das Drama dieser Musik für alle Zeiten konserviert.

Haley-Biograf John Swenson

Bill Haley selbst muss ein bescheidener Mann gewesen sein. „Wenn ich eine Dixieland-Melodie nehme und den ersten und dritten Rhythmus-Schlag weglasse, dafür aber den zweiten und vierten betone und einen Beat dazugebe, nach dem die Zuhörer klatschen oder auch tanzen können – das wäre dann genau nach ihren Wünschen. Dann nahm ich alltägliche Redewendungen wie ‚Crazy Man, Crazy‘, ‚See You Later, Alligator‘ oder ‚Shake, Rattle and Roll‘ und machte nach der geschilderten Methode Songs daraus.“ So schlicht erklärte Bill Haley seinen Erfolg später dem Fan-Magazin Haley News.

Spielweise des Grooves

Erstaunlicherweise ist angesichts der Bedeutung der Aufnahme für die Musikgeschichte wenig überliefert, wie der Drum Groove zustande gekommen ist. Über das „klackern“ der Saiten des Contrabasses (Slap-Technik) bis hin zur Vermutung von nachträglichen Overdubs der markanten und den Groove prägenden Shuffle-Figur im Woodblock-Sound: alles Spekulationen, die nicht wirklich helfen den Groove am Schlagzeug umzusetzen.

Viele Schlagzeugerinnen und Schlagzeuger „hängen“ sich bei diesem Song in das Ride Becken. Das ist nicht so elegant und nimmt dem Song das Achtel-Shuffle-Gefühl. Im Zusammenspiel mit der Band funktioniert die hier gezeigte „hüpfende“ 2-taktige Figur mit den überraschenden Snare-Akzenten im zweiten Takt sehr spannungsreich.

Notiert und nachgespielt ist hier daher das, was in der von der Plattenfirma autorisierten Abmischung zu hören ist. Ohne Anspruch auf historische Richtigkeit.

Der Vorschlag zum Spielen des Basis-Grooves zeigt eine Kombination von Schlägen auf dem Woodblock (Alternativ „Rim of Snare“) und der Snare.

Bassdrum und Hi-Hat werden in der üblichen Four-Beat-Kombination gespielt. Markenzeichen des Drummers Billy Gussak in der Zusammenarbeit mit Bill Haley war der unerwartet überlaute Akzent auf der 3-Und gefolgt von einem Akzent auf der Zählzeit 4. Diese kraftvolle Spielweise wurde von Bill Haleys Tour-Drummer Dick Richards übernommen.

Steigerung der Intensität zum Ende des Songs mit Backbeats auf der Snare
Das Sticking für Rechtshänder. Wie im Swing üblich, wird der 3-Und Zwischenschlag im zweiten Takt der Basis mit der Linken gespielt
Ein Chorus „Rock Around the Clock“ – Die Akkordfolge entspricht dem Bluesschema. Die Offbeat-Akzente der Gitarre werden parallel zu der im Original enthaltenen Saxophon-Phrasierung gespielt

Die oben gezeigte Figur im Zusammenspiel der Band wurde abweichend von der Notation auf dem Spannreifen der Snare gespielt.

Im Grunde besteht der Groove in einer Fortführung der bis dahin unter dem Begriff „Jump Blues“ bekannten Spielweisen der Bands der amerikanischen Großstädte. Extrem gut tanzbar, laut, Backbeat fixiert und befreit von den komplizierten Feinheiten der Big Band Arrangements.

„Bill Haley and his Comets in the 1954 Universal International film Roundup Of Rhythm“ Lizenz, Autor und Quelle via wikimedia: „Unknown author – This image was provided with the friendly permission by Mr. Klau Klettner from Hydra Records“

Sound des Grooves

Auffallend ist der kräftige Nachklang der Snare Drum. Hier wird wahrscheinlich das Beste der amerikanischen Studiotechnik der 50er Jahre zum Einsatz gekommen sein. Lässt sich der Halleffekt mit einfachen Mitteln imitieren? Ohne Software? Ja, das geht! (siehe hier „Retro Hall der Snare Drum“)

Das hözerne „Shuffle-Klackern“ kann mit einem Woodblock oder auch „Rim of Snare“ erzeugt werden

Interssant ist der Snare Hall besonders im Kontrast zum weniger verhallten Woodblock. Damit kommt der Klang des Grooves schon sehr dicht an das Original heran.

Ich wünsche viel Spaß beim Ausprobieren und Losfetzen im Bill Haley Sound. Am besten mit einer guten Band.

Christian W. Eggers – 19. März 2022 – christian@stompology.org – (Letzte Aktualisierung dieses Artikels am 2. Oktober 2022)

Quellen

Wie man ein altes Röhrentonbandgerät aus dem Dornröschenschlaf erweckt

Ein Drama in drei Akten von Klaus Diemer

Akt 1 – Vorgeschichte

Ein Freund von mir hatte ein Grundig TK 30 erworben, ein Röhrentonbandgerät aus den 50er Jahren. Zunächst ging bei ihm alles gut. Das Band lief an und der Sound war klar und kräftig.

Die Aufnahmen hatten jedoch sehr betonte Höhen. Aber bevor weitere Tests folgen konnten, kam plötzlich nur ein ganz leiser Ton aus dem Lautsprecher, dafür wurde ein markanter Brumm hörbar und zwar unabhängig von der Stellung des Lautstärkereglers, also auch bei Stellung „Null“.

Das Tonbandgerät aus dm Jahre 1958. Ein Grundig TK 30

Mechanisch war dagegen alles so weit OK. Das Band konnte ohne weiteres vor- und zurückgespult werden, auch der normale Bandlauf funktionierte ohne Probleme. Aber was nutzt die beste Mechanik, wenn aus dem Lautsprecher nur ein ganz leiser Ton kommt, dazu von einem deutlich vernehmbaren Brumm überlagert?

So fasste mein Freund den Entschluss, mir das Tonbandgerät zur weiteren Prüfung zu übersenden. Keine einfache Sache, denn das Gerät wiegt fast 20 Kilo. So ging eine ehemalige Weinkiste mit der kostbaren Fracht aus dem hohen Norden in den tiefen Süden auf die Reise. Genauer gesagt von Kiel in Schleswig-Holstein nach Bad Füssing in Niederbayern. Die gute alte Post schaffte es tatsächlich, das schwere Paket innerhalb kürzester Zeit zum Zielort zu bringen.

Optisch gab es nichts zu mäkeln

Nach dem Auspacken ging es zunächst einmal an die erste optische und technische Prüfung. Optisch gab es nichts zu mäkeln. Für sein Alter sah das Gerät wirklich tadellos aus. Keine Verschmutzungen, keine Brüche, Kratzer, Dellen oder Ähnliches, alles war einfach spitzenmäßig.

Das Grundig TK 30 hat weder Kratzer noch rostige Stellen

Dieser erste Eindruck trübte sich dann allerdings schnell, nachdem ich den Einschalter betätigt hatte. Die Maschine lief zwar gut an, es war auch ein Licht zu sehen, aber dann kam dieser unsägliche Brumm. Um nicht mehr Beschädigungen zu riskieren, schaltete ich das Gerät erst einmal aus und machte mich an die Besichtigung der Innereien.

Akt 2 – Besichtigung und Erneuerungen

Das schwere Metallchassis des TK 30 ist in ein massives Holzgehäuse eingebaut. Es ist mit vier Muttern auf feststehenden Schrauben, die in Gummifüße eingelassen sind, montiert. Der Lautsprecher ist über ein zweiadriges Kabel über einen abziehbaren Stecker mit dem Chassis verbunden. Nach Herausziehen des Steckers lässt sich das Chassis nach Lösen der Muttern leicht nach oben herausheben.

Der Autor weist eindringlich darauf hin, dass bei den Arbeiten an Röhrengeräten wegen der hohen Spannungen äußerste Vorsicht geboten ist. Dies gilt zwar für alle Geräte, in deren Gehäuse ein Netztrafo eingebaut ist, aber im Gegensatz zu transistorisierten Geräten liegen bei Schaltungen mit Röhren an vielen Stellen hohe Gleichspannungen an. Diese können mittelbar oder unmittelbar zu Schäden führen, bis hin zu einem tödlichen Schlag.

Wie erwartet waren im Innern des Gerätes eine Menge alter Bauteile verbaut. Wobei hiermit nicht nur das Lebensalter, sondern der technische Stand der verbauten Teile gemeint ist.

Schweizer Kracher und Malzbonbons

Als erstes fielen die Kondensatoren auf. Da gab es zunächst einmal die „Malzbonbons“, die schwarz-braunen, schön geformten Kondensatoren, die wegen ihrer Ähnlichkeit mit den früher beliebten Malzbonbons diese Bezeichnung haben. Und dann waren auch gleich die Papierkondensatoren zu erkennen, die wegen ihrer Ähnlichkeit mit Feuerwerkskörpern „Schweizer Kracher“ genannt wurden.

Diese Kondensatoren haben mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nach all den Jahren keine Funktion mehr. Und dann gab es noch die kleinen Styroflex–Kondensatoren, die auch schon bessere Zeiten erlebt hatten.

So zeigte sich das Gerät mit den Malzbonbons (ganz rechts im Bild) und „Schweizer Krachern“

Und hier nach Einbau der Folienkondensatoren

Hier sieht man deutlich, dass die alten Anschlussdrähte wiederverwendet wurden

Alle vorgenannten Kondensatoren können durch moderne Folienkondensatoren mit entsprechender Spannungsfestigkeit ersetzt werden. Dies gestaltet sich problemlos, weil diese Bauteile leicht zu bekommen sind und ohne Schwierigkeiten eingelötet werden können.

Es bietet sich an, die alten Kondensatoren so abzuzwicken, dass die Anschlussdrähte noch vorhanden sind. So lassen sich die neuen Kondensatoren, die im allgemeinen kürzere Anschlussdrähte haben, einfacher anlöten. Polaritäten sind nicht zu beachten, wohl aber die richtigen Kapazitätswerte und Spannungsfestigkeit. Mit Bauteilen einer Spannungsfestigkeit bis 1000 V ist man auf der sicheren Seite, 630 V oder 500 V sind aber in den meisten Fällen auch einsetzbar.

Als nächstes wurden die Elkos geprüft. Dies lässt sich recht zuverlässig mit einem ESR-Meter bewerkstelligen. Wenn der gemessene Widerstand nur wenige Ohm beträgt, kann man davon ausgehen, dass der Elko noch in Ordnung ist. Es schadet aber auch nicht, diese alten Elkos ebenfalls generell zu ersetzen. Auch hier sollte die Spannungsfestigkeit und natürlich die richtige Polung beachtet werden!

Dann ging es an die Widerstände. Dies ist ein langwieriger Prozess, weil die Widerstände zur Messung mit einem Ohmmeter an einer Seite abgelötet bzw. abgezwickt und nach der Messung wieder angelötet werden müssen.

Als letztes kam die Diode im Kreis des magischen Bandes EM 84 auf den Prüfstand. Diese hatte einen Schluss und sollte durch einen modernen Typ 1N4148 ersetzt werden. Problematisch erschien der Wechsel, weil man an diese Diode nur sehr schwer herankam. Mit etwas Geschick und Fummelei sollte der Tausch aber möglich sein, ohne die gesamte, oberhalb der Diode befindlichen Mechanik, abzubauen.

Akt 3 – Fehlersuche und Reparaturen

Nun kam der spannende Moment. Nach Austausch aller vorgenannten Teile wurde das Gerät eingeschaltet und… der Brumm war nach wie vor vorhanden und der Ton wie vorher nur sehr leise.

Zum Verständnis des weiteren Vorgehens muss man sich die Röhrentechnik vor Augen halten. Eine Röhre hat eine Kathode, ein oder mehrere Gitter und eine Anode. Im vorliegenden Fall ging es um die Endröhre, also die Verstärkerröhre der Endstufe, eine EL 84. Meistens hat der Koppelkondensator zum Steuergitter der NF-Endröhre einen zu hohen Leckstrom. Dadurch verändert sich der Arbeitspunkt der Endröhre. Das führt nicht nur zu Verzerrungen und zu einer Überlastung der Endröhre durch zu hohen Anodenstrom. Durch den zu hohen Anodenstrom ist das Netzteil überlastet und der Brummanteil höher. Diesem Koppelkondensator gehörte deshalb meine Aufmerksamkeit. Ausgetauscht und… der Ton war wieder da, allerdings noch nicht ganz brummfrei. Und was noch schlimmer war als der Brumm: der Ton war stark verzerrt. Diese Verzerrung schwoll mit zunehmender Lautstärke an, irgendetwas brachte die Stufe zum Schwingen.

Jetzt war ein weiterer Blick in das Schaltbild angesagt. Die Endstufe ist gegengekoppelt. Dabei wird die Phase der Gegenkopplung mit steigender Frequenz gedreht. Wenn die Verstärkung größer als eins ist, kommt es zum Schwingen der Stufe. Also muss dort, wo die Phase soweit gedreht ist, dass es schwingen kann, die Verstärkung kleiner eins sein. Hierfür sorgt der zwischen der Anode und dem Steuergitter liegende Kondensator mit 470pF, indem er den wirksamen Widerstand des Elkos mit 8µF soweit reduziert, dass die Verstärkung kleiner eins ist.

Die ausgebauten Kondensatoren

Nach Ersetzen des Styroflexkondensators 470pF waren die Verzerrungen beseitigt. Der Ton war klar und kräftig, aber ab und zu gab es kleinere Aussetzer. Dies ist bei älteren Geräten nicht unüblich, weil die Lötstellen auch nicht mehr die besten sind. Dies ist die am häufigsten vorkommende Ursache für Wackelkontakte. Daher hatte ich an verschiedenen Drähten der Potentiometer für die Lautstärke und dem Klangregler vorsichtig gezogen und schon war der berüchtigte Wackelkontakt da. Hier kam der Lötkolben abermals zum Einsatz. Die Kontakte wurden nachgelötet (vorher wurde das Gerät vom Netz genommen!) und schon war dieser Fehler auch beseitigt.

Die Aufnahme funktionierte auch, aber die Höhen fehlten etwas

Die Aufnahme funktionierte auch, aber die Höhen fehlten etwas. Daher hatte ich den Wiedergabekopf ausgebaut und näher besichtigt. Der Kopf sah zwar noch einigermaßen gut aus, hatte aber einen stumpfen Belag.

Nun kam meine Spezialmethode ins Spiel. Es gibt Schwämme mit einem silbrigen Belag, der etwa einer Körnung von 1200 entspricht. Damit kann man mit etwas Spiritus den Tonkopf feinschleifen, wobei man den Kopf auf der Silberfläche mit ganz leichtem Druck gleichmäßig hin- und her bewegt und dabei der Krümmung des Kopfes folgt. Also so, wie eine Kirchenglocke hin und her schwingt. So konnte ich den Belag entfernen und das Ergebnis war ein hochglänzender Kopfspiegel.

Nach Einbau war eine brillante Aufnahme vernehmbar, mit schönen Höhen und satten Tiefen. Leider gab es immer noch ein leichtes Brummen, wobei ich eine Brummschleife vermutete. Also den Netzstecker um 180° gedreht und auch dieser Brumm war verschwunden.

Nach mehreren Tagen Arbeit, Tests und Suchen war das Problem schließlich gelöst und das Gerät konnte wieder zusammengebaut und auf die Reise in den hohen Norden geschickt werden.

Klaus Diemer – 16. März 2022 – (letzte Aktualisierung dieses Artikels am 20. März 2022)

Der Autor dieses Beitrags, Klaus Diemer, ist leidenschaftlicher Tonbandgeräte-Fan und betreibt als Hobby ein Portal für die Reparatur und Wartung von Geräten der Reihe UHER Report 4000 – 4400 und UHER Report Monitor 4000 – 4400. Die Website von Klaus Diemer: https://www.tonbandservice.de/

Die E-Gitarre aus dem Supermarkt – Test und Einstellen einer Low Budget E-Gitarre

Das Schicksal tausender Supermarkt Gitarren der Schwarz Gruppe (Lidl, Kaufland) und aus dem Hause Aldi scheint vorgezeichnet. An die Wand gedübelt als Deko, jetzt massenhaft über Kleinanzeigen verschenkt oder gleich zum Sperrmüll gestellt.

Nach Beendigung des Corona Lockdowns ist nunmehr Schluss mit den schönen Künsten in den heimischen Wohnzimmern. Der Wunsch doch noch einmal das Gitarrespielen zu lernen verblasst hinter den zurückgekehrten Zwängen des Erwerbslebens. Und überhaupt war die von Lidl angeschleppte E-Gitarre eine blöde Idee: „Das Ding ist billig und taugt auch nichts!“

Die „Axman Lidl Klampfe“ in ganzer Pracht

Kann man eigentlich mit den 70 Euro Klampfen das Spielen erlernen und auch einen Song so spielen, dass es Spaß macht? Ein Versuch macht klug. Daher hier ein Selbstversuch mit einer schon etwas älteren Stratocaster Kopie von Lidl. (1)

Das obskure Objekt der Begierde

Gut sieht sie aus! Schwarzer makelloser Klavierlack, sauber verchromte Beschläge, ein eleganter Gitarrenkopf ohne krampfhafte Verzierungen, die einer eventuellen Design- und Markenverletzungsklage seitens Fender vorbeugen sollen. 

Die Gitarre trägt das Branding Axman und weckt so mehr die Assoziation zu einem Holzfäller-Werkzeug. Zusammen mit Verstärker, Ständer, Kabel, Plektrum, Ersatzsaiten, Stimmgerät, Gurt und Tasche wurde die Gitarre seit ca. 2011 für einen Preis von ca. 100 Euro vertrieben. Aktuell wird das äußerlich baugleiche Produkt unter dem Label „McGrey E-Gitarre Komplettset“ für 109 Euro verkauft.

Die Bohrung am Übergang zum Sattel dient zum Einstellen der Hals-Spannung und damit dem Begradigen von zu starken Krümmungen

Mein Kleinanzeigen-Exemplar der Strat-Kopie wurde mir an einem Samstagmorgen von einer übernächtigt wirkenden jungen Dame im Schlafanzug an der Haustür eines Kieler Mietshauses übergeben. „Viel Spaß dann noch damit!“ Rums. Tür zu.

Verarbeitung und Einstellen der „Lidl Strat“

Ja, das Ding sieht aus wie eine Stratocaster. Cadillac Design der 50er Jahre so wie Leo Fender es sich ausgedacht hatte. Auffallend ist das hohe Gewicht, welches die 3,2 kg der Originale wohl übersteigt.

Werden die Saiten angeschlagen und man spürt das Vibrieren des Gitarrenkopfes, soll dieses ein Zeichen für einen guten Kontakt des verschraubten Halses mit dem Body sein. Bekanntlich ist dieser Kontakt für Sustain (Länge des Ausklingvorgangs eines Tons) mit verantwortlich. Prima! Der Kopf vibriert.

Gitarrenhals bearbeiten und einstellen

Der Stratocaster typische breite und damit griffkomfortable Hals entspricht nahezu der Breite des Originals (ca. Sattelbereite 4,3 cm).  Unangenehm ist jedoch die scharfe Gratung des Halses, die sogar an den Bünden seitlich besteht und behindert. Mit Sandpapier lässt sich das innerhalb von wenigen Minuten beheben. Sogar ohne sichtbare Spuren, da der Hals nicht lackiert ist.

Schleifen der Gratungen der Enden der Bünde macht die Gitarre „handfreundlicher“

Die Banane war deutlich. Der Hals selbst musste dringend begradigt werden. Er war viel zu lose, so dass er sich gut sichtbar nach unten wölbte. Auch das ist behebbar; so wie bei einer „echten Strat“. Hierzu wird nur ein handelsüblicher Inbusschlüssel benötigt. Die Einstellschraube ist über eine Bohrung im Gitarrenkopf zu erreichen (siehe Foto des Kopfes weiter oben). Es empfiehlt sich die Gitarre nach dem Einstellen des Halses für ein bis zwei Tage unter Saitenzug stehenzulassen und wenn notwendig nochmals zu justieren.

Saitenlage einstellen

Die Saitenlage, also der Abstand zwischen Griffbrett und Saiten, lässt sich ebenfalls so wie üblich für die einzelnen Saiten  mit einem Inbusschlüssel individuell einstellen (siehe Foto unten).

Oben die Schrauben zum Einstellen der Saitenlage. Seitlich die Schrauben zum Einstellen der Oktavreinheit

Mechaniken einstellen

Hier ist meist der kritische Punkt, der über die Bespielbarkeit einer „Billiggitarre“ entscheidet. So wie die Gitarre eingestellt war, konnte sie keine Stimmung halten. Das lag hier nicht an schlechten Mechaniken, sondern an losen Schrauben und Muttern. Nachdem die Muttern und Schrauben (siehe Foto) angezogen wurden, hält die Gitarre die Stimmung auch bei „härterer Gangart“. Es ist also nicht gleich notwendig, die Mechaniken durch hochwertigere zu ersetzen.

Sämtliche Schrauben und Muttern am Gitarrenkopf und den Mechaniken waren lose. Nach dem Anziehen hält die Gitarre die Stimmung

Oktavreinheit einstellen

Nach dem ein neuer Satz Saiten aufgezogen ist, lässt sich ebenfalls wie bei dem Original die Oktavreinheit sehr bequem und genau einstellen (siehe Foto unter „Saitenlage einstellen“). Oktavrein ist die Gitarre dann, wenn eine Saite im 12. Bund angeschlagen den Ton der ungedrückten Saite genau eine Oktave höher erklingen lässt. Die Oktavreinheit ist eine wichtige Grundlage zur Kontrolle der Bundreinheit einer Gitarre.

Elektronik

Hier gibt es nichts zu tun. Potentiometer und Klangregler arbeiten sauber. Der Umschalter funktioniert. Es brummt und kracht nichts. Die Tonabnehmer liefern den Sound, den man mit einer Stratocaster verbindet. Also: Gain-Regler am Verstärker kräftig aufdrehen und los geht es. Ein Soundbeispiel mit einem kleinen Ibanez Transistor-Verstärker findest du in dem Video unter „Fazit“. Wie glücklich wäre ich im Alter von zwanzig Jahren (das war so ungefähr nach der ersten Mondlandung) gewesen, eine Gitarre mit einer derartig fehlerfreien Elektronik besessen zu haben. (2)

Die Tonabnehmer produzieren in ihren Variationsschaltungen genau den Sound, den man mit einer Stratocaster verbindet. Klarer Jingle-Jangle Klang bis zum rotzigen Stevie Ray Vaughan Sound. Alles möglich

Fazit

Mit etwas Geduld und Werkzeug konnte die Lebensmittelmarkt Strat Kopie tatsächlich in ein brauchbares Musikinstrument verwandelt werden. Es wird weder die Lust am Üben rauben und auch nicht unbenutzt in der Ecke stehen bleiben. Dort, wo man vielleicht seine 1.700 Euro Strat nicht aufs Spiel setzten möchte oder einfach mal neben dem Klang einer akustischen Gitarre etwas Abwechslung sucht, kann die 70 Euro Kopie als „Zweitgitarre“ nach dem Einstellen und Anpassen eine funktionierende Alternative oder Ergänzung sein.

Für meine inzwischen mehr mit den Drumsticks vertrauten Hände ist das Ding eine schöne Abwechslung.

Einen kleinen Eindruck zum Klang der „Axman Lidl Strat“ kannst du hier gewinnen. Die Gitarre ist an einen „Brühwürfel“ Transistor Verstärker von Ibanez für 40 Euro angeschlossen. Die Aufnahme wurde mit einem iPhone angefertigt

Die Sache mit dem Image

Man stelle sich vor: Der mit Samt ausgeschlagene Gitarrenkoffer wird geöffnet. Auf das fragende Stirnrunzeln der Mitmusiker und Musikerinnen streicht man zärtlich über die Saiten und erklärt feierlich: „Es ist eine Lidl Axman.“

„Hättest du’s vermutet? Derek Trucks, der für sein Slide-Spiel weltbekannte Gitarrist, spielte eine billige Silvertone. Der Tapping-Gitarrenheld Eddie van Halen setzte in seinen Anfangstagen auf eine Teisco. Und der Multiinstrumentalist Prince, Mr. Purple Rain persönlich, spielte eine günstige  Tele-Kopie aus japanischer Fertigung. Welche Songs und Sounds wären uns vorbehalten geblieben, wenn es diese Heros nicht gegeben hätte.“ Online Magazin musikmachen.de

Was will man mehr!

Christian W. Eggers – 13. März 2022 – christian@stompology.org (letzte Aktualisierung dieses Artikels am 15. März 2022)

  • (1) Wichtig: Dieser Test und Erfahrungsbericht bezieht sich nicht auf akustische Gitarren. Auf Grund ihrer Bauweise bestehen bei den aller meisten Konzert- und Westerngitarren nur eingeschränkte Möglichkeiten der Justierung ohne Hilfe eines Instrumentenbauers. Eine akustische Gitarre für unter 100 Euro, die zum Einstieg geeignet ist, ist dem Autor nicht bekannt.
  • (2) In den 70er Jahren vertrieb der Kaufhauskonzern Hertie eine Billiggitarre die scherzhaft als „Hertiecaster“ bezeichnet wurde. Im Gegensatz zu neueren Low Budget Gitarren war die Elektronik wenig ausgereift und störungsanfällig. Hinzu kommen neue Computer gestüzte maschinelle Massenfertigungsmöglichkeiten, mit denen sehr präzise produziert werden kann.

Famous Drum Groove „I Got a Woman“ – Ray Charles

Mit dem Titel I Got a Woman begann der Aufstieg des leidenschaftlichen Sängers Ray Charles. Charles gilt mit seiner Fusion von Gospel und R&B als Erfinder des Soul. Sein größter Hit dieser neuen Richtung war der mitreißende Song What’t I Say.

Ray Charles berühmter Song I Got a Woman wurde 1954 in Atlanta im Bundesstaat Georgia aufgenommen. Die Aufnahme wurde, wie zahlreiche weitere Aufnahmen mit Ray Charles, von Jerry Wexler für Atlantic Records produziert.

Zur Geschichte des Songs und über die Aufregung, die er verursachte, kannst du hier im Songlexikon mehr erfahren.

Der Song ist im Laufe der Jahrzehnte in diversen Coverversionen erschienen. Hier ist das Original zu hören und hier ist eine rhythmisch auch sehr interessante Version von Bill Haley.

Die Schlagzeug Basis-Figur dieses schlichten aber spannenden R&B Grooves wird häufig einfach als Swing-Pattern, gespielt auf der Snare, notiert. Das funktioniert, aber es tifft nicht so richtig den etwas „syncopated groove“ des Songs.

Basis Groove I Got a Woman: das Swing-Pattern auf der Snare im Two-Beat (Wechsel von getretener Hi-Hat und Bassdrum) gespielt

Abweichend von der obigen Notation zeigt die nachfolgende Variante Offbeat-Akzente und Offbeat Bassdrum-Anschläge in den Zählzeiten 1, 2 und 3. Der Groove wird damit sehr viel lebenändiger und er bekommt einen afrokubanisches Einschlag.

Variation mit den Sticks auf der Glocke des Ride Beckens gespielt
Variation auf der Glocke des Ride Beckens gespielt
Ein schöner Effekt ist bei den Akzenten mit einem auf der Snare liegend angespielten Schellenkranz zu erreichen. Im Nachfolgenden Beispiel wurde der Kranz mit den Jazz-Besen angeschlagen.
Leichter zu spielen ist diese Variation im Two Beat als „Bo Diddley Beat“ gespielt. Auf der Snare liegt ein Schellenkranz, der mit den Besen angeschlagen wird
Variation im Bo Didley Beat mit Schellenkranz

Die Schlagzeugparts der verschiedenen Versionen der Interpreten sind sehr unterschiedlich gespielt. Charakteristisch für den Groove von I Got a Woman ist das Zusammenspiel der Band mit den Akzenten der „Schläge weg vom Puls“, also den Offbeats. Leicht swingend auf der Snare und Bassdrum gespielt, klingt diese Abwandlun der Bo Diddley Schlagfolge sehr modern. Fast wie ein Vorläufer eines Hip-Hop Grooves.

Über den Atlantic Records Studio-Schlagzeuger Glenn Brooks ist nicht viel zu erfahren: Nach der Liste seiner Mitwirkung an großen Produktionen erschreckend wenig.

Ich wünsche viel Freude beim Ausprobieren, Nachspielen und Variieren dieses zeitlosen Grooves.

Christian W. Eggers – 26. Februar 2022 (letzte Aktualisierung dieses Beitags am 11. März 2022 – christian@stompology.org

The rock we stand on – Swinging quarters

Können Viertel-Schläge swingen? Theoretisch nein, praktisch ja!

Theoretisch können in einem 4/4 Takt die Viertel, die den Puls bilden, nicht swingen. Swing wird als ein Phänomen begriffen, dass erst in der Unterteilung der Viertel (des Pulses) in Achtel-Schläge enstehen kann. Immer dann, wenn die Achtel in der „triolischen Dehnung“ erfolgen. So in aller Kürze die heutige Theorie zum Effekt Swing.

„A way of saying something fom inside himself, as far back as time, as far back as Africa, in the jungle, and the way the drums talked across the jungle, the way they filled the wohle air with a sound like the blood beating inside himself.“

Sidney Bechet über den Jazz

Und überhaupt: Die fleißige europäische Jazzforschung hat sich stets bemüht Erklärungen zu finden. Bei denjenigen, die Jazz „erfunden“ haben, den Musikern und Musikerinnen aus Nordamerika, soll das gelegentlich auf erheiterndes Befremden gestoßen sein.

Akademische Klimmzüge

Mussten zunächst die aus der Klassik bekannten (und einst von strengen Musiklehrern und -lehrerinnen verpönten) Synkopen als Erklärung herhalten, waren dann die Betonungen der Zählzeiten Zwei und Vier das Merkmal für den Swing.

Die heute vorherrschende Ansicht (hier stark verkürzt) meint, dass es Offbeats und Onbeats (also Schläge auf dem Puls und Schläge zwischen dem Puls) gibt, die in ihren betonten und unbetonten Kombinationen den Swing ausmachen. Werden diese Kombinationen dann noch „triolisch“, also in der nahezuen Dreiteilung des Mikrotimings der Achtel gespielt, dann ist alles gesagt und verstanden.

Nun bemühen sich die Generationen von Schlagwerkenden an den Musikschulen und Muikhochschulen das alles mit dem Kopf umzusetzen, auszufeilen, zu kultivieren und ein wenig hier von und ein wenig davon zusammenzudenken und zu spielen. Mit Tanzmusik und Ausgelassenheit der frühen Jahre der Popmusik hat das schon lange nichts mehr zu tun.

Also, können Viertel nun swingen?

Hier kommt ein Tom-Tom (Jungle-) Groove, der mit Vierteln swingt. Lautsprecher aufdrehen und „hop around the room“!

Was für ein schönes Beispiel für die vielen Tom-Tom Grooves des Jazz, die im 4/4 Puls den Swing beinhalten: „Bill Haley & The Comets – Rudy’s Rock“ von 1956″; Auschnitt: Basis des Tom-Tom Grooves (2)

Lass dich nicht verwirren: Die Schlagfolge sieht unbeschreiblich einfach aus. Ist sie wohl auch. Mit dem richtigen Gefühl getrommelt wird sie swingen.
Variation: Betonung der „Eins“ – Cozy Cole Stil

Den gleichen Effekt der „swingenden Viertel“ der hier gezeigten Grooves nutzen Jazz-Bassisten und Bassistinnen mit dem „Walking Bass„: Viertel, Viertel, Viertel, Viertel. Vielleicht mal eine Achtel-Note, damit es auch im Mikrotiming swingt. Wunderbar!

Christian W. Eggers – 23. Februar 2022 – christian@stompology.org (letzte Aktualisierung am 25. Februar 2022)

Quellen

  • (1) Sidney Bechet zitiert aus „All that Jazz, Michael Jacobs, Reclam