Berühmte Grooves – Get Off of My Cloud – Rolling Stones

In der Vorbemerkung der Autoren des Songbook The Rolling Stones („Die Bibel“) des ehemaligen Verlages der 68er-Generation Zweitausendeins aus dem Jahre 1977 heißt es: „It’s only Rock ’n‘ Roll, but we like it…, dennoch: Leicht isses nich…“.

Dieser Eindruck mag sich bei dem genaueren Anhören des Songs Get Off of My Cloud der Rolling Stones bestätigen. (Link zum Song)

Deutsches Cover der 1965 erschienenen Single. Pressung der TELDEC „Telefunken-Decca Schallplatten GmbH“. Der Song war nach Satisfaction der zweite weltweite Nummer-Eins-Hit der Rolling Stones.

Intro und Groove

„Die zweite Nummer-1-Single der Stones nach (I Can’t get No) Satisfaction überrascht und begeistert mit einem fordernden, monotonen Schlagzeug-Muster, das man in einem derart erfolgreichen Song dieser Art so nicht noch mal zu hören bekommt. Strikt dem 4/4-Takt ergeben, reichert er (gemeint ist Charlie Watts; Anmerkung des Autors) den griffigen Song mit jeder Menge Fills an und lässt sich den gesamten Song über nicht mal ansatzweise aus der Ruhe bringen.“ (1)

Basis Groove der Strophen

Im ersten Takt der Basis Figur der Strohen spielt Charlie Watts eine Schlagfolge, die sehr typisch für die englische „Beatmusik“ der 60er Jahre ist. Auf der „Vier-Und“ wird einfach ein Snare-Schlag den üblichen 4/4-Takt Backbeats hinzugefügt. Auf der Zählzeit „Drei“ folgt dann der markante 16-tel Roll, den Charly Watts auch in vielen anderen Songs spielt.

Track 1: Basis Groove der Strophen

Variation des ersten Taktes des Basis Grooves mit einer 16-tel Figur

Die Zählzeit Vier im zweiten Takt des Intros

Das eingängige Intro beinhaltet auch gleich den Basis Groove der Strophen; mit einer kleinen Veränderung gegenüber dem Basis Groove auf der Zählzeit „Vier“ im zweiten Takt (siehe nachfolgende Notation, Zeile 2).

Ob die 32-tel Bassdrum-Snare-Figur gewollt oder als ungewollter Fehler zu hören ist, wird unterschiedlich beurteilt. Siehe Diskussion im drummerforum.de ab Beitrag #7. (2)

Zur Verdeutlichung ist die nachfolgende Aufnahme des Originals in der Wiedergabe stark verlangsamt. (3)

Track 2: Takt Zwei der Original-Aufnahme stark verlangsamt zur Darstellung der 32-tel Figur im Intro zweiter Takt Zählzeit „Vier“. Die Figur ist hier zweimal zu hören. Notenzeile unter Punkt 2 (Notationsvorschlag von „Chuck Boom“ http://www.drummerforum.de)

Für die Annahme, dass die Snare Bassdrum 32-tel Spielweise gewollt und kein Spielfehler ist, spricht, dass sie auch im vierten Takt des Songs auftaucht. In dem Original-Tempo mit 126 bpm ist es mir nicht gelungen die Figur zufriedenstellend zu reproduzieren.

Basis Groove des Refrains

Der in der Notation sehr einfach aussehende Groove des Refrains (in der Grafik unter Punkt 3) ist identisch mit dem des Songs Satisfaction. Wirkungsvoll ist in der Studio-Aufnahme das Händeklatschen auf den Grundschlägen hinzugefügt. Im Übergang zur Strophe wird die Intensität zusätzlich durch die Bassdrum im Achtel-Beat gesteigert.

Track 3: Groove im Refrain

Der Beat darf leicht „flamen“, damit die Schlagfolge nicht zu steril klingt.

Der Drummer – Charlie Watts

„Nach dem Ausstieg Chapmans umwarb die Band (gemeint sind die Rolling Stones; Anmerkung des Autors) den Jazz-Schlagzeuger Charlie Watts, der kurz zuvor Blues Incorporated verlassen hatte, da er sich als nicht gut genug empfand, um mit solch ausgezeichneten Künstlern zusammenzuspielen. Trotz seiner musikalischen Vorbehalte gelang es, den zögernden Watts, der zunächst hauptberuflich als Grafiker weiterarbeitete, vom Einstieg in die Band zu überzeugen. Am 12. Januar 1963 traten sie erstmals mit ihrem neuen Drummer im Ealing Jazz Club auf.“ (4)

Charlie Watts drums for his second band besides The Rolling Stones, The ABC&D of Boogie Woogie, in the Casino in Herisau, Switzerland on January 13th, 2010. Kaum ein Schlagzeuger verkörpert mehr den exzentrischen englischen Gentleman als Charlie Watts. Seine Angewohnheit mit Zylinder und im Frack auf Pferderennbahnen zu erscheinen, mag nicht allen Fans der Rolling Stones gefallen. Charlie Watts wird vom Publikum für seine freundliche Bescheidenheit, gepaart mit einem gesunden Misstrauen gegenüber Superlativen und Lob, geschätzt. Und natürlich als ein nicht wegzudenkendes Urgestein des Rock mit einer individuellen Spielweise im unverkennbaren Klang. Foto: siehe unter (5) „Bildnachweis Charlie Watts“.

„Und wenn er auf der Hi-Hat die Ride-Pattern spielt, dann arbeitet er gerade schlampig genug, damit sein eigener Sound vollkommen mit den schmutzigen Gitarrenklängen verschmilzt. Alles was Charlie Watts spielt ist durchtränkt von seinem Swing-Feeling … viele Typen haben gute Hände, aber es ist, als würde alles was sie spielen den Bach runter gehen, als würde es niemals abheben. Bei Charlie Watts stellst du plötzlich fest, dass du ein paar Zentimeter über dem Boden schwebst!“

Keith Richards über Charlie Watts (6)
Typisch Charlie Watts – Die „fehlenden“ Hi-Hat Backbeats

Eine Eigenart von Charlie Watts ist es, in einigen Songs in den 4/4-Takten die Hi-Hat auf den Zeiten „Zwei“ und „Vier“ pausieren zu lassen. Wo kommt das her? Verbreitet ist diese Spielweise im traditionellen Boogie Woogie. Ausgangspunkt ist der Boogie-Groove (RRLR) auf der Snare. Wird nun der Boogie-Groove in der Variation auf der Hi-Hat und auf der Snare gespielt, haben Pioniere des frühen R&B Drummings gerne den Anschlag der „Zwei“ und der „Vier“ auf den Hi-Hat Becken ausgelassen. (7)

Mit dem Weglassen der Backbeats auf der Hi-Hat entsteht Raum für einen klaren und scharfen Snare-Sound. Das klingt druckvoll und erfreut Tontechniker bei der Abnahme der Snare.

Aktualisierung vom 25. August 2021: Charlie Watts ist am 24. August 2021 im Alter von 80 Jahren verstorben.

Dank für die hilfreichen Hinweise und Diskussionen aus dem drummerforum.de und viel Freude beim Ausprobieren und Experimentieren!

Christian W. Eggers – 18. August 2021 (letzte Aktualisierung am 25. August 2021) christian@stompology.org

Quellen und Bildnachweis

Veröffentlicht von Christian W. Eggers

Drummer aus Kiel in Schleswig-Holstein. "Drummer machen Fehler, die meistens laut sind."

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