Famous Grooves – Wonderful World von Sam Cooke

Eine spontane und improvisierte Aufnahmesession ohne großes Produzententrara und Orchester; dann noch ein Tonbandaufnahme, die für fast ein Jahr herumlag und am Ende als Single Platz zwei in den R&B-Charts erreichte. Das ist verkürzt die Geschichte des unsterblichen Soul-Klassikers Wonderful World von Sam Cooke

Bei der Recherche über Sam Cooks Gesangsstil fällt in Beschreibungen immer wieder das Wort Eleganz. Es passt so gut beim Anhören von Wonderful World, dass auch in diesem Artikel darauf nicht verzichtet wird. Auffallend ist die zarte Leichtigkeit des mit den Jazz Besen gespielten Grooves dieses Soul-Songs.

Der Song und der Sänger

Sam Cooke gilt als ein Begründer der Stilrichtung Soul. Seine Songs, die er überwiegend selber schrieb, sind im Vortrag stark vom Gospel und lateinamerikanischer Stilistik beeinflusst. Als Sänger zeichnete Cooke eine besonders feinfühlige Intonation aus. So erweiterte Cooke den Soul auch um melodiöse Facetten, die in einem Gegensatz zu den Songs der Soul „Shouter“ wie James Brown standen.

RCA Victor Records – Billboard page 21 Public Domainview terms via wikipedia

Der Groove – Wonderful World von Sam Cooke

Aufgebaut ist Wonderful World als 2-Minuten-Strophen-Song mit zwei Zwischenspielen, in denen der Drum Part unverändert bleibt. Im lebhaften Medium Tempo (136 bpm) ist die Groove-Basis in 4/4 Takte aufgeteilt und in Achtel-Unterteilungen angelegt.

Keep it simple and soft

Gespielt wird der Groove mit den Jazz Besen, ohne dass diese „gewischt“ werden. Dem Groove liegt eine schwebende Leichtigkeit zu Grunde. So als würden die Besen von einem Maler geführt, der eine Leinwand grundiert.

Grundlage für den Groove ist ein einfacher „Achtel-Beat“: Backbeats auf der 2 und der 4, weiche Bassdrum-Schläge auf der 1, der 2-Und und der 3

Zwei Fills als Bestandteile des Grooves

Zwei unterschiedliche Fills im Wechsel sorgen für Bewegung und verleihen dem Groove seine Individualität. Siehe unten in den Noten Takte 3, 5 und 6.

Die ersten 6 Takte zeigen den Wechsel aus Basis und zwei unterschiedlichen Fills. Fill 1 in den Takten 2 und 4; Fill 2 im Takt 6
„Kleiner“ Fill Takt 2 und Takt 4 (siehe Noten oben) – wiederholt

Der Drummer – Ron Selico

Über das Leben und Werk von Ron Selico ist erstaunlich wenig zu erfahren. Auch existiert offenbar nur ein einziges öffentlich zugängliches Foto, welches als Musiker-Porträt für eine John Mayall Produktion angefertigt wurde.

Ron Selico war vor allem „Insidern“ als einer der Drummer von Frank Zappa („Hot Rats“ und „Peaches En Regalia“) bekannt. Auf der Website http://www.united-mutations.com gibt es einen anonymen Leserbeitrag (1), der offenbar von einem Musiker stammt, der mit Selico in einer Band gespielt hat:

„with john „jabo“ starks, james brown drummer
we had a percussionist who came into james’s band for a year or two, ron selico. he had some good riffs and he had good hands. i learned some things from ron.“

Sieht man sich die Discography von Ron Selico auf AllMusic an, dann bestehen keine Zweifel an der Bedeutung dieses Drummers. (2)

Foto von Ron Selico auf dem Plattencover „Jazz Blues Fusion“ von John Mayall aus dem Jahre 1972. Selico war auch an dem „Mini-Hit“ Room to Move von John Mayall beteiligt.

Zum Zeitpunkt der Aufnahme von „Wonderful World“ muss Selico noch sehr jung gewesen sein. So wird er in der Beschreibung der Aufnahme-Session im März 1959 als „teenage drummer“ bezeichnet. (3)

Christain W. Eggers, 1. Mai 2021 – (letzte Aktualisierung am 6. Juni 2021) christian@stompology.org

Quellenangaben

  • (1) Zitat über die Arbeit von Ron Selico in der Band von James Brown auf www.united-mutations.com ; letzter Aufruf am 30. April 2021
  • (2) Discography von Ron Selico auf AllMusic ; letzter Aufruf am 30. April 2021
  • (3) wikipedia über „Wonderful World ; letzter Aufruf am 30. April 2021
  • Portät Sam Cooke – Quelle: RCA, Fotograf unbekannt
  • Cover „Jazz Blues Fusion“ – Quelle: Polydor
  • Artikel-Teaser-Foto: Saturday afternoon, Clarksdale, Mississippi Delta, November 1939. (Geburtsort von Sam Cooke) Foto: Marion Post, gemeinfrei, Quelle New York Public Library @ Flickr Commons

Famous Grooves – “I Wish You Would” von Billy Boy Arnold

Es gibt immer wieder etwas neu zu entdecken. Die Aufnahmen von Howlin‘ Wolf, Muddy Waters, Elmore James und vieler weiterer Bluesmusiker des frühen R&B sind eine wahre Fundgrube mitreißender Grooves.

Auf I Wish You Would von Billy Boy Arnold hat mich freundlicherweise ein Gitarrist und Leser dieses Blogs hingewiesen.  

Die Lebendigkeit und die Originalität der Drum-Grooves im frühen R&B mag auch damit zu tun haben, dass die Drummer zuvor in Jazz Bands getrommelt haben. So finden sich auch jazzige Tom-Tom Jungle Grooves im Stil der Bigband Drummer der 40er in einigen Hits des R&B Genres wieder.

Ein Beispiel hierfür ist der berühmte Bo Diddley Beat. Nicht ganz so berühmt, aber nicht minder fesselnd ist der Groove des Songs I Wish You Would von Billy Boy Arnold.

Der Song – I Wish You Would

Billy Boy Arnold arbeitete als Bo Diddleys Harpspieler, als er „I Wish You Would“ für das in Chicago ansässige Blues-Label von Vivian Carter und Jimmy Brackens Vee-Jay Records im Mai 1955 bei der Universal Recording Corporation aufnahm. Entwickelt hatte Arnold den einfach aufgebauten Groove-Song aus seiner Zusammenarbeit mit Bo Diddley bei Chees Records.


Der Song „I Wish You Would“ besteht aus einem über zwei Takte gespielten und druchgehend wiederholten Gitarrenriff als Hookline. Der Song enthält keine weiteren Formteile. Die Dramaturgie entwickelt sich über die Laut-Leise-Dynamik und die Frage-Antwort-Anordnung von Gesang und Harp.


Das Riff klingt ein wenig nach dem hüpfenden Feeling des Songs What’d I Say von Ray Charles (1959). Nur ist es nicht so elegant im New Orleans Stil gespielt, sondern eben mehr rau und ungestüm im Sound des Chicago R&B.

Billy Boy Arnold – Foto Ron Weinstock via Wikipedia CC BY-SA 2.0

Zunächst hatte der Song den albernen Namen „Diddy Diddy Dum Dum“ und Arnold schrieb für seine Version ohne Bo Diddley einen neuen Text. Wie es sich für einen richtigen Blues Song gehört, beginnt er mit der Textzeile „Early in the morning about the break of day“. Also, mit dem Zeitpunkt, zu dem ein Bluessänger meistens von seiner Geliebten verlassen wird, das Elend seinen Lauf nimmt und nur durch einen Song verarbeitet werden kann.

Als ein großes Kompliment für seine Aufnahme soll Arnold die Coverversion der englischen Band The Yardbirds von 1964 mit Eric Clapton an der Leadgitarre angesehen haben. („Das hat mir wirklich Auftrieb gegeben.“) (1)

Der Drum Groove – I Wish You Would

Die Basis bildet ein Tom-Tom Groove, dessen Figur aus zwei Takten besteht. Die Schlagmelodie folgt nahezu dem swingenden und schnellen Gitarrenriff: „Dam de bam de / dam dede dam de“.

Der erste Takt kommt mit Viertelschlägen aus. Im zweiten Takt wird die Schlagfolge bewegter und ein für den Groove entscheidender Akzent auf der „2-Und“ gespielt. Wichtig ist, dass der Groove mit einem „Swing Gefühl“ gespielt wird. Auf den Füßen steht der Groove als Two-Beat (also, im Wechsel aus Bass Drum und Hi-Hat im 4/4 Puls).

Der Drum Groove von „I Wish You Would“ – Der notierte Akzent wird auf der Originalaufnahme nicht durchgängig gespielt. Ebenso verhält es sich mit den Und-Achteln im zweiten Takt auf der 3 und der 4. Im Beispiel wurde die Schlagfolge über die ausgeschaltete Snare und das Standtom verteilt.
Groove „I Wish You Would“ fast

Tipp zum Einüben

Notiert sieht der Groove super einfach aus. Dennoch hakelt der Fluss vielleicht zunächst auf der 2-Und im zweiten Takt. Bestehen Probleme beim Einüben oder im Zusammenspiel mit der Band, empfiehlt es sich nicht alle Achtel des zweiten Taktes auszuspielen (siehe Noten-Beispiel oben), sondern sich auf das swingende Und-Achtel auf der Zwei im zweiten Takt zu konzentrieren. Damit „funktioniert“ der Groove schon. Zum Einüben kann so gezählt werden: 1-2-3-4-5-6-Und-7-8.

Eine sehr einfache Schlagfolge im Notenbild. Im schnellen Tempo und swingend gespielt bedraf sie etwas Übung.
Einüben des Grooves „I Wish You Would“: 1-2-3-4-5-6-Und-7-8

Der Drummer – Earl Phillips

Geboren wurde Phillips am 25. April 1920 in Harlem, NY. Zunächst spielte er mit dem Bassisten Dallas Bartley in der Begleitband der R&B Sängerin Annie Laurie.

In den frühen 50er Jahren zog Phillips nach Chicago. Es begann eine lange Verbindung mit der Chicago Blues Szene, besonders mit Howlin‘ Wolf und Jimmy Reed. (2)

Phillips gehört zu den zahlreichen beim Publikum kaum bekannten Studio- und Sessionmusikern der US-amerikanischen R&B Szene. Häufig wurde nicht einmal seitens der Plattenfirmen dokumentiert, welcher Drummer welchen Song getrommelt hat. Entweder waren die am Erfolg der Musik beteiligten Musiker Angestellte einer Plattenfirma oder aber man drückte ihnen einige Dollar in die Hand und die Sache hatte sich erledigt.

Odie Payne, Clifton James, Fred Below, S.P. Leary, Earl Phillips September 4, 1986 at the Chicago Historical Society (now known as the Chicago History Museum) photo Steve Cushing; photographer’s name not known – Quelle https://www.wirz.de/music/sidemen.htm

Bei den R&B Produzenten und Labels aus Chicago waren neben Earl Phillips die Drummer Odie Payne, Clifton James, Fred Below und S.P. Leary beliebt. Sie sind mit den Bluesklassikern dieser Musikepoche verewigt.

Christian W. Eggers, 20. April 2021 (letzte Aktualisierung dieses Artikels am 25. April 2021) – christian@stompology.org

Quellen

Literaturtipps zu Vee-Jay Records

Berühmte Grooves – Die Swing Hi-Hat „In The Mood“

Vier Wochen vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges gelang einer der größten Bigband-Hits. Weltweit bekannt wurde die Komposition In The Mood durch Glenn Miller und seine Bigband mit der legendären Aufnahme vom 1. August 1939. Mit dem Einzug zahlreicher Bigband Musiker als Soldaten ab September 1940 endete auch gleichzeitig die goldene Ära des Bigband Swing.

Der riesige Erfolg dieser Version im typischen Miller Sound der zum Aufnahmezeitpunkt fast zehn Jahre alten Komposition, rückte auch die Spielweise der Swing Hi-Hat endgültig als eine Standard in das Repertoire der Jazzdrummer.  

In The Mood wird von der ersten bis zur letzten gespielten Note mit der swingenden Hi-Hat angetrieben. Im Swing Pattern gespielt entsteht durch Öffnen und Schließen der Hi-Hat der unverwechselbare „tscheeee-ded-tschee-tscheeee ded“ Klang.

Das Arrangement stellt Musiker trotz des „Steady-Grooves“ vor besondere Herausforderungen. Die zahlreichen Pausen und Stopps sind nicht ganz einfach zu behalten und aus dem Gefühl heraus zu spielen. Hier findest du das vollständige Arrangement zum Download.

Wie die Swing Hi-Hat gespielt wird

Zu Grunde liegt bei der traditionellen Spielweise der Swing Hi-Hat die übliche Swing-Becken-Figur.

Swing Pattern auf dem Becken gespielt (siehe hierzu auch den Artikel „Swingende Grooves„)

Auf den Beats 1 und 3 ist die Hi-Hat geöffnet, wobei sich Top- und Button-Becken noch leicht berühren. Die Beats 2 und 4 werden mit vollständig geschlossenen Becken gespielt. Auf den „Und-Zeiten“ sind die Becken nur leicht geöffnet.

Gesteuert wird das Öffnen und Schließen durch die Fußbewegung über das Hi-Hat Pedal. Der geschlossene Klang kann mit dem linken Fuß oder aber auch mit der linken Hand durch das Schließen der Becken erzielt werden.

How to play the Swing Hi-Hat (traditionelle Spielweise) und Legende

Besonderheit: Anders als bei einem auf dem Ride-Becken gespielten Swing Pattern entsteht auf der „Eins“ und der „Drei“ ein lauterer Klang, da ja die Hi-Hat in der ursprünglichen Spielweise auf diesen Beats geöffnet ist.

Audio Swing Hi-Hat

Ein Meister der Swing Hi-Hat in verschiedenen Artikulationen aus offenen, halb geschlossenen und geschlossenen Becken war Cozy Cole:

„Topsy I“ – Cozy Cole on drums featuring Alan Hartwell Big Band
Produced by Alan Hartwell, 1958-1965, Love Records – Artikel mit Noten zu „Topsy II“

Swing Hi-Hat Grooves

Basis-Groove Swing Hi-Hat
Swing Hi-Hat im Four Beat
Swing Hi-Hat Variation – Im zeiten Takt wird auf der „Eins“ und der „Zwei“ die leicht geöffnete Hi-Hat gesshuffelt
Die Hi-Hat kann – sowie hier zu sehen – mit der linken Hand zusätzlich synchron mit dem Fuss geschlossen werden. Die Shuffle-Figur (Noten über dem Video) ist am Ende des kurzen Videos zu sehen und zu hören.

Die Drummer – Maurice „Moe“ Purtill und Ray McKinley

Glenn Miller galt als gefürchteter Dompteur seiner Musiker. Bekannt ist, dass seine Drummer keine Zehntelsekunde Platz für „Mätzchen“ hatten und wie ein Uhrwerk funktionieren mussten. Mit dem disziplinierten „Groover“ Maurice „Moe“ Purtill konnte der Schlagzeughocker wohl kaum besser besetzt sein. 

Maurice Purtill trommelt den Bugle Call Rag – Szene (Standfoto) aus dem Musicalfilm Orchestra Wives aus dem Jahre 1942. Wiedergabe des Bildes über die Verlinkung auf COMMUNITY SWING – David Weiner’s musings on music, movies & all that jazz

Eine respektvolle Verbindung bestand zwischen Miller und dem Schlagzeuger und Bandleader Ray McKinley, Spitzname „Eight Beat Mack“. Miller hatte McKinley nie überreden können, seiner Band beizutreten. Erst nachdem McKinley als Soldat eingezogen wurde, trat er als Schlagzeuger der Glenn Miller Army Air Force Band bei. Nach dem Tode von Miller leitete er das Glenn Miller Orchestra von 1956 bis 1966.

Christian W. Eggers, 10. April 2021 (letzte Aktualisierung dieses Artikels am 30. Januar 2022) christian@stompology.org

Quellen

Berühmte Grooves – „You Really Got Me“

Mehrere Monate irrte Musikproduzent Shel Talmy im Jahre 1964 mit dem Sänger und Komponisten Ray Davies sowie seiner Band durch verschiedene Londoner Studios. Der Titel „You Really Got Me“ wollte einfach nicht so klingen, wie Ray Davies es sich vorgestellt hatte.

Am 12. Juli 1964 entstand endlich in den IBC Studios auf einer 3-Spur-Ampex Bandmaschine  eine temporeich gespielte Fassung des Songs. Der Rest wurde Musikgeschichte.

But the record company said „look, we don’t believe in it. We’re very sorry, we don’t believe in it. If you want to make the record, fine, but you have to pay for the recording yourselves.“

Aus dem Album The StorytellerThe Third Single (Dialogue) – Ray Davies erzählt die Geschichte des Songs „You Really Got Me“

Et voilà! „You Really Got Me“ und die Kinks!

„Denn alles, so wird’s erzählt, fing an mit einem ruppig-ungebärdigen Riff. Überhaupt ist der Song als ein, wenn nicht als der Schlüsselmoment der Popgeschichte beschrieben worden, wobei der Pop ja nichts auslässt, keinen Superlativ. Aber es war wohl wirklich so, dass die Händchen haltenden Beatmusikjahrgänge den gierigen Rock entdeckten. Die Metamorphose vom Netten zum Bösen war eingeleitet, und wenn das einigen Bands nachgesagt wird, dann war es ohne Frage so, dass die Kinks den neuen Ton im August 1964 einführten.“  Christian Thomas – Frankfurter Rundschau vom 12.06.2015

Der Groove

Nun funktioniert ein Groove meist nicht aus dem musikalischen Kontext herausgerissen für sich alleine. Ein Faktor für die Spannung des Drumparts von You Really Got Me ist der Kontrast eines bisher nie so gehörten harten und nach vorne gemischten Beats mit dem melancholisch zerbrechlichen und bluesartigen Gesang von Ray Davies.

Ausgangspunkt der 4/4 Takte sind Achtelschläge auf dem Ride-Becken und den inzwischen üblichen kräftigen Snare-Backbeats auf der „2“ und der „4“. Also, nichts Aufregendes.

Bemerkenswert ist, dass die Becken-Achtel nicht so wie bisher in der „Beatmusik“ zumindest gleichberechtigt laut hörbar sind oder ein unüberhörbares Grundrauschen verursachen. Ein tief klingendes angecrashtes Becken ist jedoch unregelmäßig auf den Backbeats der Zählzeit Vier zu hören. Mehr oder weniger gleichzeitig zum Gitarren-Riff („dam da da dam dad“) wird ein Schellenkranz (von Kinks Drummer Mick Avory) geschlagen.

Interessant und neu für einen Beat aus dem London der 60er Jahre sind die Bass Drum Schläge  auf der „2-Und“ sowie der „4-Und“, synchron zum Gitarren-Riff. Wird der Beat mit Autorität und dem moderaten Tempo getrommelt, entsteht die für You Really Got Me typische Spannung aus Schwere und Luftigkeit des Grooves.

Ein derartig harter und dennoch musikalischer Beat hatte es zuvor nicht auf das Vinyl einer Hit-Single geschafft.

Groove „You Really Got Me

Das folgende Hörbeispiel basiert auf den oben gezeigten Noten.

Basis Groove „You Really Got Me“
All done together: Gitarre, Schlagzeug, Gesang und Dank an www.sounds-mp3.com für den stürmischen Applaus 🙂

Der Drummer – Bobby Graham

Wie so oft: Auf Debüt-Hit-Singles berühmter Bands sind aus den unterschiedlichsten Gründen die Drummer durch Studiomusiker ersetzt. So spielte nicht Mick Avory die Drums, sondern der englische Studiomusiker Bobby Graham.

The Sessionman

Das Werk von Graham ist beeindruckend. Er ist auf über 15.000 Titeln als Studio-Drummer zu hören. Link zur Discography Bobby Graham.

„With this recording (You Really Got Me) and many others, Bobby Graham offers the example of a musician many have heard, but too few have heard of. (You Really Got Me, Bobby Graham: In Memory; Gordon Thompson; Oxford University Press’s)

Graham war ein Session- und Studiomusiker aus Überzeugung. So hat er sich auch nie über den Ruhm, den er den auf Schallplatten-Covern ausgewiesenen Band-Drummern verschaffte, beklagt oder damit geprahlt. Ganz im Gegenteil.

Nur auf sehr wenigen Plattencovern ist der Name Bobby Graham zu lesen.

Die Kinks setzten Nicky Hopkins und wohl auch Bobby Graham mit dem Song Session Man ein Denkmal. Der Titel der Bobby Graham Biografie lautet so auch The Session Man ( Patrick Harrington: Broom House Publishing Ltd., 12 Nov 2004 – ISBN 0-9549142-0-1.)

1997 nahm Ray Davies den Song You Really Got Me für sein Album The Storyteller in einer langsameren Version mit Graham am Schlagzeug erneut auf.

Ein sehr interessantes Interview mit Bobby Graham über seine Zusammenarbeit u. a. mit Ray Davies und den Kinks hat Mike Dolbear für seinen Drummer-Blog geführt. Auf http://mikedolbear.com/interviews/drummer-bobby-graham/ ist es nachzulesen.

Christian W. Eggers – 4. April 2021 (letzte Aktualisierung am 20. September 2022) – christian@stompology.org

Berühmte Grooves – The Jazz Waltz

Walzer? Das ist doch einfach „Wum-ta-ta“ und fertig. Von wegen! Dieser Artikel aus der Reihe „Berühmte Grooves“ beschreibt die Besonderheiten der Jazzwalzers am Beispiel der Grooves der Komposition „Blues Waltz“. Sie ist auf dem Max Roach Album „Jazz in 3/4 Time“ von 1956 verewigt.

Max Roach – JAZZ IN 3/4 TIME –

Swingende Achtel scheinen geradezu darauf gewartet zu haben, für den Walzer entdeckt zu werden.

Bebop und Chansons

Jazz im 3/4 Takt war bis in die 50er Jahre eine Seltenheit. Die Swing-Ära mit ihren durchgehenden und tanzbaren 4/4 Drum-Grooves neigte sich 1945 langsam dem Ende zu. Eine neue Generation von Jazzmusikern begann mit sehr schnellen Rhythmen in verschiedenen Taktarten zu experimentieren. Snaredrum und Bassdrum benutzte man jetzt „hauptsächlich zur Akzentuierung von markanten Melodiestellen.“ (1) Die Bassdrum wird oftmals sparsam aber laut gespielt („Bomben“). Swing-Pattern auf den Becken sind meist rasend schnell und weniger wuchtig als sie in den Big Bands der 40er Jahre gespielt wurden.

Die neue Jazzrichtung wurde Bebop genannt. Der Jazzwalzer in verschiedenen Spielweisen wurde ein Bestandteil der Bebop Kompositionen. In Europa fand der Jazzwalzer ebenfalls in den 50er Jahren Eingang in französische Chansons.

Der 3/4 Takt Swing Groove

Max Roach erzeugte auch in den weniger aufwendig komponierten Grooves eine „Stimmung und Atmosphäre, die nicht so leicht nachzuahmen ist, wie es zunächst scheint.“ (2)

Basis-Groove „Blues Waltz“ von Max Roach – Bass Drum („Eins“) und Hi-Hat („Zwei“ und „Drei“) markieren das Metrum.
Hier eine Variante mit einem Pressschlag auf der „3-Und“
In dieser Variante wird im ersten Takt der Basis-Groove gespielt. In zweiten Takt folgt auf der „3“ eine Achtel-Triole. Diese Figur kommt dir vielleicht bekannt vor. Sie ist ein Bestandteil des Songs „Take Five„.
Hier ein Jazzwaltz zum obigen Notenbeispiel zum Anhören. Für die Stimmung dieses Grooves ist es bedeutsam, die Triolen möglichst zart zu spielen.

Zum Einüben des Grooves kannst du auch die Melodie der Schlagfolge singen: „Ding Din de ding – Ding Din de Tri-oh-la“. Der erste Schlag der Triole sitzt auf dem Becken als „Drei“ und die beiden folgenden Triolen-Achtel werden auf der Snare gespielt.


Walzer und Swing – Schwankende Viertel und swingende Achtel

Inwieweit im Jazzwalzer das Metrum mit dem trickreichen Wiener Nachschlag gespielt wird, ist wohl eine Geschmackssache und vor allem eine Frage des Könnens.

Die Fachliteratur zum „schwebenden Effekt“ des Walzers, hervorgerufen durch den „Wiener Nachschlag“, ist umfangreich. Einen interessanten und verständlichen Aufsatz hierzu findest du hier: Musikterminologie erklärt: Walzer und 3/4-Takt

„Ein Wiener Walzer wird schlicht und ergreifend nicht gerade gespielt. Das heißt, die Zählzeiten sind nicht gleich lang, denn die „2“ wird oft vorgezogen, die „3“ leicht verzögert. Dadurch ergibt sich ein besonderes Feeling. Man spricht auch vom Wiener Nachschlag.“ (3)

Ob nun mit geradem oder ungeradem 3/4 Metrum gespielt: Swingende Achtel passen ganz prima in den europäischen Walzertakt. So als hätte er nur darauf gewartet, dafür entdeckt zu werden.

Foto: Das Keystone Korner war ein Lokal und Jazzclub in San Francisco, das von 1972 bis 1983 bestand. Es zählte während dieser Zeit zu den herausragenden Veranstaltungsorten des Modern Jazz in der Bay Area. Das Keystone Korner lag im Erdgeschoss eines Hauses in der Vallejo Street, Ecke Columbus Avenue. Photo: Brian McMillen via wikipedia Lizenz CC BY-SA 3.0

Der Drummer – Max Roach

Max Roach begann 1933 mit acht Jahren in Marschkapellen zu spielen. Seine Mutter, eine Gospelsängerin, erkannte das Talent ihres Sohnes und ermöglichte Roach das Studium der Kompositions- und Perkussionstechnik an der Manhattan School of Music. Max Roach experimentierte im Laufe seiner Karriere immer wieder mit Duo-Besetzungen und übertrug die Bögen der Melodieinstrumente auf das Schlagzeug. Insbesondere nahm er sich die Freiheit, in anderen Rhythmen zu improvisieren als dem gängigen Vierviertelrhythmus.

Max Roach ca. 1947- Foto: William P. Gottlieb

Das Ausprobieren von 3/4 Swing Figuren lohnt sich! Es bereichert das Repertoire und was noch wichtiger ist, es macht Spaß im 3/4 Takt zu swingen; so dass man geradezu in einen Swing-Walzer-Rausch gerät.

Christian W. Eggers – Kiel, 31. März 2021 (letzte Aktualisierung dieses Artikels: 2. April 2021 – christian@stompology.org – Du kannst diesen Artikel über das Formular ganz unten auf dieser Seite kommentieren. Der Autor freut sich über Anregungen und Ergänzungen.

Literatur

Bildnachweise

  • Kystone Korner Titel- und Beitragsbild: Exterior view of Keystone Korner, San Francisco jazz club at 750 Vallejo in North Beach. Saxophonist Odean Pope of the Max Roach Quartet poses in front (11/16/82). Photo: Brian McMillen / brianmcmillen@hotmail.com – CC BY-SA 3.0 via wikipedia
  • Max Roach: Max Roach ca. 1947 This work is from the William P. Gottlieb collection at the Library of Congress. In accordance with the wishes of William Gottlieb, the photographs in this collection entered into the public domain on February 16, 2010. Via wikipedia