Time Roll Grooves

„Die Füße sind für das Tempo einhalten zuständig. Die Hände sind für Verrücktheiten da.“ So lautet eine grundlegende und frühe Idee der ersten New Orleans Musiker, die ab den 1920er Jahren ein Drum Set nutzten. (1)

Eine dieser schönsten Verrücktheiten der Hände, übernommen aus den New Orleans Brassbands, sind die „Time Rolls“.

Definition „Time Roll Groove“

Ein Time Roll besteht aus sogenannten „gepressten Wirbeln“, den Press Rolls, die nicht als Verzierung sondern als Bestandteil eines Grooves auf der Snare Drum gespielt werden. Bekannt ist diese Art des „Wirbelns“ aus der Marschmusik. Über die New Orleans Paraden gelangten die Press Rolls in den frühen Jazz.

Press Rolls als Ausgangspunkt

Wie der Name „Press Roll“ schon impliziert, entsteht er durch einen Stick-Schlag auf das Fell der Snare Drum und einem anschließenden Druck so, dass man nicht mehr einzelne Noten hört, sondern eine Vielzahl von Anschlägen. Man kann es auch so sagen: aus „Tack“ wird „Drrrrrrrrrr“.

Press Rolls als Groove-Element

Werden diese „drrrrrrrrrr’s“ jetzt konsequent durchgehend in einem Groove gespielt, kann von einem Time Roll Groove gesprochen werden. Heute sind diese Grooves meist im sogenannten Dixie Land Jazz zu hören. Das mag dazu beitragen, dass dieser Spielweise etwas Angestaubtes anhaftet.

Wirkung vom Time Press Rolls

Kein bisschen „Oldskool“ klingen Time Rolls im Groove eines R&B Songs. Ganz im Gegenteil! Gleich ob binär oder ternär gespielt: Time Press-Rolls als festes Element eines Grooves verleihen einem Song Melodik und rhythmische Intensität.

Beispiel für einen Time Press Roll Groove

Die nachfolgende Notation zeigt ein Beispiel für einen Time Press Roll Groove. Im ersten Takt sind die Press Rolls auf den Zählzeiten Zwei und Vier des 4/4 Taktes zu hören. Im zweiten Takt der Figur folgen auf der Eins und der Zwei „normale“ Achtelschläge und auf der Drei und der Vier Viertelschläge. Wichtig ist es die Vier mit einem Akzent zu spielen. Damit erhält der Groove seinen „Second Line Charakter“, der ihn eben deutlich von einem europäischen Marsch mit den Bezugspunkten der Eins und der Drei unterscheidet.

Notation eines Beispiels für einen Time Roll Groove. Die mit einem Z gekennzeichneten Notenhälse markieren die Press Rolls. Bass Drum und Hi-Hat liegen hier auf den Vierteln im Two Beat, also dem fortlaufendem Wechsel von Bass Drum und Hi-Hat auf dem Plus der Figur.

Das Video zeigt einen Time Roll Groove in einem kurzen Ausschnitt eines R&B Songs im Stil der 60er Jahre. Der vollständige Song ist hier zu hören und nicht als Aufforderung zum Unterlassen von Time Rolls zu verstehen: Lass es lieber sein!

Spieltechnik Time Press Rolls

Anders als in der Marschmusik werden die Press Rolls in Time mit einem lockeren Griff erzeugt. Die Hände müssen sich öffnen, damit der Stick rollt.

Im Beispiel rollt die linke Hand. Das geht mit dem Traditionel Grip sowie dem Matched Grip gleichermaßen gut. Wichtig ist lediglich die lockere Stickhaltung.

Der Traditional Grip oben im Bild erklärt. Der Stick in der Linken kann für Press Rolls „umgedreht“ werden, damit sein Eigengewicht zum Federn ausgenutzt wird.

Vielen Dank für das Lesen und ich wünsche Inspiration und Freude am Ausprobieren.

Christian W. Eggers – 28. Mai 2024 – christian@stompology.org (letzte Aktualisierung dieses Artikels am 28. Mai 2024)

Fußnote (1): Aukes, Antoon; Second Line – 100 Years Of New Orleans Drumming, Seite 25, (C. L. Barnhouse)

Bildnachweis Titelfoto (Teaser ganz oben): McElspeth auf pixaby, Autorenprofil, Lizenz

Lass es lieber sein! – Der Film

Die stompology.org Hausband „Archie Ancora & His Motorboats“ hat es sich nicht nehmen lassen einen Song zum Thema „Brassband Groove und swingende Spielmannszüge“ beizusteueren.

Nun ja, zum Glück war die Kamera dabei und so sollen die Oldskool-Mucker Archie und die Jungs hier ihren Platz mit einem eigenen Posting bekommen.

Eigentlich braucht es keiner weiteren Worte. Ich hoffe, der Song läd zum Tanzen und Schwenken der Taschentücher wie in einer Second Line Parade ein.

Christian W. Eggers – 15. Mai 2024 – christian@stompology.org

Die Zeitmaschine – Vorstellung und Test eines Dynacord Bandechogerätes „Echocord Super 65“

Nachdem Sam Phillips mit der Hilfe von zwei Tonbandgeräten das Slapback Echo zum Markenzeichen des frühen Rock’n’Roll gemacht hatte, war die Entwicklung von speziellen Bandechogeräten für Tonstudios und Gesangsanlagen nur eine Frage der Zeit.

Umschlag zum Handbuch – Quelle Website Bandecho.de, Tim Frodermann

Die ersten professionellen und serienreifen Bandechogeräte eroberten Anfang der 60er Jahre den Markt der Studioelektronik. Als die britische Band The Beatles Mitte der 60er Jahre mit derartigen Geräten von Dynacord ausgestattet wurde, war das Bandechogerät für die Raumklanggestaltung schon beinahe etabliert.

Das Foto zeigt eine Echocord Super 65 des Herstellers Dynacord. Das Röhrengerät bietet eine Vielzahl von Einstellmöglichkeiten. Von super kurzen „Rock’n’Roll-Echos“ bis hin zu Echos die mehr in der Psychedelic Music Anwendung fanden. Das hier gezeigte Exemplar wurde vom Voreigentümer mit neueren Knöpfen für die Potenziometer und Klangregelung (linke Seite) versehen. Sehr angenehm ist der „Ein- Ausschalter“ in der Tastenreihe. Bei der Stellung „Aus“ wird die Tonbandandruckrolle vom Antrieb gelöst. Damit kann sich die Gummirolle bei längerer Standzeit nicht verformen.

Wie funktioniert ein Bandechogerät und was macht es?

Wikipedia hat zur Funktionsweise eines Bandechogerätes folgenden Eintrag veröffentlicht:

„Ein Bandhallgerät besteht aus einem endlosen Magnetband und zugehörigem Sprech- und Hörkopf. Das Audiosignal wird über den Sprechkopf auf das Magnetband aufgenommen. Je nach Geschwindigkeit des Magnetbandes kommt das Signal kurze Zeit später am Hörkopf vorbei und wird wiedergegeben. Mittels der Geschwindigkeit des Magnetbandes kann die Verzögerungszeit (Delay) eingestellt werden. Manche Bandhallgeräte verfügen über mehrere zuschaltbare Köpfe, so dass mehrere Echos erzeugt werden können. Über diverse Regler kann die Intensität des Nachhalls eingestellt werden. Außerdem kann ein Kopf als variabler Löschkopf eingestellt werden, so dass das Signal nach dem Durchlauf ganz oder teilweise gelöscht oder mit neuen Signalen überlagert werden kann.“

Das Innenleben zeigt den Bandtransport mit einer Endlosschleife und fünf Tonköpfen, die über das Frontpanel des Gerätes schaltbar kaum einen Wunsch zur Echo-Gestaltung offen lassen. Dieses Exemplar eines Echocord Super 65 ist vom Voreigentümer gepflegt worden.
Die Rückseite mit den Ein- und Ausgängen des Gerätes ist übersichtlich und auch für Laien mit Hilfe der Bedienungsanleitung einfach zu verstehen. Geschuldet war dieses wohl auch dem Einsatz der Geräte bei Live-Konzerten. So entfiel die für Musiker und Musikerinnen nervige Fummelei mit vielen Kabeln und unverständlichen Symbolen.

Der Test des Echocord Super 65

Zunächst bestanden Bedenken das Gerät in einem Raum mit dem Gesangsmikrofons aufzustellen. Doch der Motor des Bandtransportes läuft erstaunlich leise. Das Gerät wurde mit einem Direktanschluss und danach „eingeschliffen“ über ein Mischpult getestet.

Direktanschluss an ein Mikrofon

Audio Gesang im Rockabilly Style aufgenommen mit der „Presto“ Einstellung des Dynacord Echocord. Deutlich ist der Slapback Echo Effekt zu hören.

Für den Test mit einer Blues Harb wurde ein Beyer M55 Mikrofon gewählt. Diese dynamischen Mikrofone, ursprünglich für Heimtonbandgeräte gedacht, erzeugen einen durchsetzungsfähigen Sound gerade bei der nahen Abnahme vom Instrumenten.

Zur Aufnahme einer Blues Harb wurde der Mikrofoneingang des Bandechogerätes Echocord direkt mit dem Mikrofon verbunden.
Audio Mundharmonika „Blues Harb“ aufgenommen über ein Dynacord Echocord.

Direktanschluss Gesangsmikrofon „Presto“ Einstellung

Was mit der Mundharmonika gelungen ist, funktioniert auch sehr gut mit der Gesangsstimme. Das Signal wird ohne weitere Bearbeitung verdichtet und damit „fett“.

Der Screeshot der Aufnahmesoftware zeigt in der zweiten Spur das Signal einer Gesangsaufnahme. Es wurde die Echocord-Einstellung „Presto“ verwendet. Mit dieser Schaltung läuft das Band recht schnell und dieser Umstand führt zu einer deutlichen Kompression des Signals. Das ist eine gute Sache! Der Gesang setzt sich auch in leiseren Stellen wesentlich deutlicher durch, als das der Fall ohne den Einsatz dieser Technik wäre.

Einschleifen über ein Mischpult

Beim sogenannten Einschleifen eines Effektgerätes wird das Gerät nicht direkt mit der Schallquelle verbunden, sondern der Effektanteil wird dem Original-Signal beigemischt.

Der Eingang des Echocord wird mit dem Mischpult „Send“ verbunden. Der Ausgang des Echogerätes wird mit „Return“ am Mischpult verbunden. Jetzt kann am Mischpult der Effektanteil dem Originalsignal hinzugemischt werden. Ein Vorteil dieser Schaltung liegt in der Möglichkeit sehr feiner Abstufungen des Effektes.

Das Einschleifen empfiehlt sich bei dem Einsatz des Gerätes während der Gesangsaufnahmen. Der direkte Anschluss macht großen Spaß bei der Abnahme von Instrumenten. Da das Echocord ein Röhrengerät ist, kann auch mal kräftig bis zur deutlich hörbaren Übersteuerung ausgesteuert werden und damit die „musikalische“ Verzerrung eines Röhrenverstärkers zusammen mit dem Echoeffekt erreicht werden.

Was koste der Spaß?

Was muss man investieren, um ein funktionierendes Röhren-Bandechogerät zu erhalten? Zunächst den Kaufpreis zwischen 200 Euro und 450 Euro. Hat man das Gerät ergattert, geht es erst los. Egal was mit besten Wissen und Gewissen versprochen wird; irgendetwas ist immer. Ohne dass es Voreigentümer oft wissen können. Es sei denn, man erwirbt ein von einem der wenigen Fachbetriebe für Vintage-Technik überholtes Gerät. Also, bevor mit so einem Gerät aus dem Privatverkauf tatsächlich Musik gemacht werden kann, muss in der Regel ein Techniker oder eine Technikerin alterungsbedingte Fehlerquellen (z. B. Kondensatoren erneuern) beheben.

Literaturtipp und Download der Bedienungsanleitung mit Schaltplan

Eine sehr umfangreiche Website zum Bandecho hat Tim Frodermann erschaffen. Da bleibt kein Wunsch nach Informationen offen. Der Autor hat es sich zur Aufgabe gemacht auf seiner Webseite „so viele Informationen wie möglich zu den Orchestergeräten aus deutscher Produktion zu sammeln und bereitzustellen. Warum? Damit Jeder die Geräte nach bestem Wissen verwenden und – soweit es die eigenen fachlichen Möglichkeiten erlauben – auch reparieren kann.“ 

Über die Website von Tim Frodermann ist, neben weiteren Anleitungen, die Anleitung für das hier getestete Gerät als gut lesbares PDF zu erhalten: Dynacord Echocord Super 65 Handbuch (bandecho.de)

Ich freue mich wie immer über Kommentare. Nur nicht über die von „Dagobert“, der ein notorischer Querulant zu sein scheint. 🙂

Christian W. Eggers – 10. Mai 2024 – christian@stompology.org (letzte Aktualisierung dieses Artikels am 16. August 2024)

Mehrstimmig singen und aufnehmen für Beginner

In der Theorie ist mehrstimmig singen und aufnehmen ganz einfach. Man gruppiere die Band um ein einziges Mikrofon, lege die Hauptstimme fest und der Rest der Band singt die passenden verschiedenen Nebenstimmen. Die Praxis der Aufnahme ist auch einfach. Oder genauer gesagt: sie war einfach. Dann, wenn beispielsweise Talente wie die Musiker der Beach Boys oder der Hollies loslegten.

Was aber, wenn die Band nicht über die gesanglichen Fähigkeiten der Altmeister der Mehrstimmigkeit verfügt? Muss dann auf Mehrstimmigkeit verzichtet werden?

Wie man es dennoch ohne Chorerfahrung zumindest für eine Aufnahme hinbekommen kann, davon handelt dieser Artikel.

Mehrstimmigkeit im Rock’n’Roll

Zunächst eine kurze Erklärung zur Mehrstimmigkeit in der „populären Musik“ mit möglichst wenig Fachausdrücken. Gemeint mit „populärer Musik“ ist der traditionelle Jazz und natürlich der Rock’n’Roll mit seinen „Doo Wop Gesangsstil“.

Im Prinzip basiert Mehrstimmigkeit auf dem Singen von Akkorden. Also dem gleichzeitigen Erklingen zweier oder mehrerer verschiedener Töne. Der sogenannte Akkordsatz wird zum Satzgesang.

Die Meister des Satzgesangs The Beach Boys im Studio glücklich vereint. Die Wilson-Brüder verfügten über gemeinsame Chorerfahrung und es fiel ihnen nicht schwer verschiedene Stimmen gleichzeitig aufnehmen zu können. (Foto: Werbung für das Pet Sounds-Album, veröffentlicht am 7. Mai 1966, Quelle: arcive.org, Autor unbekannt.

Wie man die Stimmen herausfindet

Hat der Song beispielsweise die Tonart G, kann man die Hauptstimme und die möglichen Nebenstimmen schnell durch das Anschlagen des Akkordes G auf einer Gitarre herausfinden.

Da ist zunächst der Grundton G mit dem Schwingen der angeschlagenen tiefen E-Saite zu hören. Es folgt auf der A-Saite der Ton D. Das ist schon mal eine erste und schöne Ergänzung zum Grundton G. Man hat tatsächlich eine zweite Stimme, wenn eine Person das G singt und eine weitere das D.

Lyrische und „bluesige“ Wirkungen

Dominiert das D im Gesang über dem Grundton G, erhält man eine „lyrische Stimmung“. Dominiert das G in der Lautstärke, ist der Ton D die Begleitung. Sie bewirkt eine zarte Klangfarbe neben der Hauptstimme.

Weitere Stimmen lassen sich jetzt mit den einzelnen Tönen des Akkordes G finden und festlegen, indem man einfach die einzelnen Saiten des Akkordes anspielt. Besonders spannend ist es für den Doo Wop Gesangsstil, um bei der Tonart G zu bleiben, einem G eine sogenannte Septstufe zuzufügen. Im Beispiel wird dann aus G ein G7. Das klingt dann ziemlich „bluesig“.  

Aufnahme des Satzgesangs

Es gibt Menschen, die haben die Gabe, einfach schon beim Hören der ersten Stimme, eine zweite Stimme spontan und sicher singen zu können. Verfügt man jedoch nicht über diese Fähigkeit, können dennoch Nebenstimmen mit einem kleinen Trick aufgenommen werden. 

Zunächst wird die Hauptstimme aufgenommen. Jetzt folgen die später zu löschenden Hilfsspuren mit einzelnen Tönen des Akkords. Im Beispiel ist es der Akkord G. Das nachfolgende Bild zeigt das Prinzip.

Die Hilfsspuren mit dem jeweiligen Ton eines Akkordes dienen jetzt als Stütze. Es fällt damit leicht, die einzelnen Töne der Nebenstimmen zu treffen und parallel zum Gehörten aufzunehmen.

Die Lautstärken zwischen bereits aufgenommener Hauptstimme und dem aufgenommenen Gitarren-Stützton zur noch jeweils aufzunehmenden Nebenstimme kann man individuell für das Mithören über Kopfhörer regeln.

Die Gitarren-Hilfsspuren werden nach der gelungenen Nebenstimmen-Aufnahme gelöscht und die einzelnen Stimmen „zusammengemischt“.

Beispiel für die Aufnahme einer kurzen mehrstimmigen „Doo Wop“ Phrase. Die erste Spur gibt die Hauptstimme wieder. Die nachfolgenden Spuren geben die einzelnen Töne eines Akkordes als Stütze zum Gesang der Nebenstimmen wieder.
Hier die kurze Audiodatei zum obigen Beispiel des mehrstimmigen Gesangs im Zusammenspiel mit den Instrumenten. In der Wiederholung der Gesangsphrase sind zwei Nebenstimmen der Hauptstimme beigemischt.

Ich hoffe, diese Anleitung ist hilfreich und ich wünsche viel Spaß bei Ausprobieren!

Christian W. Eggers – 7. Mai 2024 – eggers@stompology.org – (letzte Aktualisierung dieses Artikels am 7. Mai 2024)

Modifikation eines Tonbandgerätes zum Röhrenkompressor – Ein Experiment

„Das Schlimmste was Du tun kannst, ist die Nutzung der Aussteuerungsautomatik!“ So hieß es, als die Tonbandgeräte der frühen 70er Jahre zum Mitschnitt der ersten Gehversuche als „Beatmusiker“ zum Einsatz kamen. Aber war und ist das wirklich immer so schlimm?

Besteht eigentlich die Möglichkeit die Aussteuerungsautomatik eines Röhrentonbandgerätes gezielt als Produktionshilfe bei der Begrenzung eines zu hohen Dynamikbereichs sowie als Effektgerät zur Klanggestaltung einzusetzen?

Der Versuchsaufbau mit einem Telefunken Magnetophon Automatik II. Ein Röhrentonbandgerät der 60er Jahre. Es dient auf Grund der Modifikationen lediglich als Kompressor. Das Gerät links neben dem Automatik II, ein Telefunken Magnetophon KL 85, dient als Aufnahmegerät. Für die Versuchsaufnahme von Gitarre und etwas Gesang wurde ein dynamisches Mikrofon mit Kugelcharakteristik, das Grundig GDM 121, gewählt.

Eine Aussteuerungsautomatik ist im Prinzip nichts anderes als ein Werkzeug zur Herstellung einer gleichmäßigeren Durchschnittslautstärke. Geschieht dieses auf der Basis der Röhrentechnik, so wie mit sehr alten Tonbandgeräten, sind die wesentlichen Komponenten eines der sündhaft teuren neuen Röhrenkompressoren der gehobenen Tonstudio-Elektronik zur Verfügung.

Ein Kompressor ist eine Regeleinheit, die nach bestimmten Vorgaben, die man am Gerät einstellen kann, die Dynamik eingrenzt. Vereinfacht kann man sich das als einen automatischen Fader vorstellen, der mit einer irrsinnigen Geschwindigkeit das Signal ab einer gewissen Lautstärke zurückregelt, und, sobald das Signal wieder unter diesen Schwellenwert fällt, genau so schnell wieder voll aufmacht.

Eisner, Uli; Mixing Workshop, 2. Auflage 1998, Seite 144; PPV Presse Project Verlags GmbH, Bergkirchen

Für unser Experiment haben wir, Techniker Peter Wolff und der Autor dieses Artikels, ein einfaches Röhrentonbandgerät von Telefunken aus den 60er Jahren mit der Typenbezeichnung Magnetophon Automatic II ausgewählt.

Was ist nicht gut an der Aussteuerungsautomatik der Heimtonbandgeräte?

Der Einbau der automatischen „Pegelregler“ zur Verhinderung von zu leisen sowie übersteuerten Aufnahmen war zunächst eine Marketingstrategie. Grundig, Telefunken, Saba, Uher und die vielen weiteren Hersteller der Aufnahmegeräte der 60er Jahre hatten unverholen, heute mit Sicherheit durch den Deutschen Werberat rügbar, die angeblich „technisch weniger bewanderte Damenwelt“ im Visier.

Aus „Grundig Technische Informationen“ 1963, Heft 2.

Ein Tastendruck, loslegen mit der Aufnahme und fertig. Eigentlich doch für jeden Musiker und jede Musikerin super praktisch. Kommen doch auch in hochwertigen Produktionen Pegelbegrenzer zur Verhinderung von zu lauten Signalen zum Einsatz.

Einsatz der Automatik führt zum Totalverlust der Dynamik

Aus der Sicht der Musiker und Musikerinnen gibt es handfeste Argumente gegen den Einsatz einer konventionellen Aussteuerungsautomatik eines Tonbandgerätes: sie macht alles hin!

Aus leise wird lauter; samt aller Nebengeräusche, wie beispielsweise das donnernde Rauschen des einlaufenden Badewassers in der Nachbarwohnung. Und aus laut wird leiser.

Dieser Effekt führt natürlich zu einem Verlust der Dynamik. Das kann und muss nachmal erwünscht sein, jedoch nicht in der Radikalität die einfache Aussteuerungsautomatiken der Heimtonbandgeräte mit sich bringen.

Pumpen statt Atmen

Unangenehm hörbar sind Automatiken dann, wenn beispielsweise auf einem mit Akzent gespielten Akkord eine unakzentuierter Akkord folgt. Dieser wird, soeben erklungen, gnadenlos „runtergedrückt“. Folgt nun ein weiterer unakzentuierter Akkord, reagiert die Automatik wiederum mit einer Pegelanhebung. Das gefürchtete Pumpen der Automatik ensteht. Vergleichbar dem eines falsch eingestellten professionellen Kompressors. Kurzum: Nicht nur die Dynamik der Darbietung wird zerstört. Auch greift die Automatik in die ursprüngliche Phrasierung des Spiels ein.

Modifikationen des Gerätes zum Röhrenkompressor

Wie oben dargelegt, ist die Aussteurungsautomatik sehr einfacher Diktier- und Heimtonbandgeräte für halbwegs professionelle Ergebnisse der Dynamikbegrenzung nicht zu empfehlen.

Es gibt jedoch Unterschiede von Fabrikat zu Fabrikat. Einige der Automatikschaltungen funktionieren mehr als Begrenzer zur Verhinderung von Übersteuerungen. Andere wiederum heben zusätzlich recht unsensibel leisere Töne auf ein lauteres Level an. Ebenso unterscheiden sich die Reaktionszeiten des Einsetzens der Korrekturen.

Beschreibung der Aussteuerungsautomatik zum Grundig Röhren-Tonbandgerät TK 19 automatic. Mit einer einfachen Automatik eines Diktiergerätes hatten diese Konstruktionen der Aussteuerungsautomatik kaum noch etwas gemeinsam. Aus Grundig „Technische Informationen“, 1963, Heft 2.

Weitere Informationen zur Schaltung und Konstruktion der Aussteuerungsautomatik für Röhren-Tonbandgeräte ist hier abzurufen.

Wäre der Audio-Kompressor eine Erfindung aus Deutschland gewesen, würde er Aussteuerungsautomat heißen. Beeble/drummerforum.de

Das für den Test ausgesuchte und robuste Magnetophon Automatic II zeichnet sich durch eine eher sanfte Automatik aus. Übersteuerungen werden beherzt verhindert, die Reaktionszeiten sind blitzschnell und das Anheben von leiseren Tönen geschieht moderat. Ein Trimmer im Inneren des Gerätes erlaubt das Einsetzen der Automatik ab einem bestimmten Pegelwert individuell vorzunehmen. Das Gerät ist damit das ideale Versuchsobjekt für die Modifikationen der Automatik zum Röhrenkompressor.

Modifikationen der Hardware des Tonbandgerätes

  • Bandtransport bei aktivierter Aufnahmetaste stillgelegt
  • Ausgangspegel-Potentiometer von 0 bis Maximal eingebaut
  • DIN-Buchse für das Ausgangssignal zum Mischpult oder auch direkt zum Aufnahmegerät eingebaut
Das Magnetophon Automatik II schaltet sich, vom Werk aus so eingerichtet, mit der Verbindung zum Netz ein. Wird die Automatikaufnahmetaste (links im Bild) gedrückt, starten der Transportmotor und die Aufnahme mittels Aussteuerungsautomatik. In der Modifikation wurde der für den zu erzielenden Effekt nicht notwendige Bandtransport stillgelegt. Das „magische Band“ wurde so umfunktioniert, dass es bei relativ hohem Ausgangspegel reagiert. Es dient als Kontroll-Leuchte zur Überprüfung der Funktion des Gerätes.
Links im Bild ist der Poti zur Regelung des Ausgangssignals mit der Ausgangsbuchse zu sehen. Rechts im Bild die Buchsen für „Radio/Phono“ und „Micro“ zum Direktanschluss eines Mikrofons.

Modifikationen der Elektonik

Hier ist etwas mehr zu tun, damit das Gerät als Röhrenkompressor funktionieren kann. Die Kompression wirkt im Beispiel mit dem Gerätetyp Magnetophon Automatic II auf zwei Verstärkerstufen. Der maximale Ausgangspegel ist relativ hoch, so dass bei beim Anschluss von Halbleitergeräten (das sind diese modernen Geräte mit Transistoren 🙂 ; z. B. ein modernes Mischpult) ggf. über das Ausgangspotenziometer der Pegel entsprechend reduziert werden sollte.

Die Modifikationen im Einzelnen:

  • im Aufsprechentzerrungsnetzwerk wurden alle Funktionen lahmgelegt;
  • die dritte Verstärkerstufe wurde zur Impedanzwandlerstufe modifiziert; Katodenfolger ohne Spannungsverstärkung zur Erzielung einer niedrigen Ausgangs-Impedanz, so dass längere Kabelverbindungen möglich sind;
  • der Löschgenerator wurde stillgelegt;
  • das magische Band wurde direkt mit dem Ausgang verbunden.

Denkbar wäre noch für einen erhöten Bedienungskomfort den Trimmregler zur Steuerung der Sensibilität der Automatik auch über das Gehäuse zugänglich zu machen.

Ausschnitt des Schaltplans Magnetophon Automatik II mit nachträglichen Modifikationen des Gerätes zum Röhrenkompressor.

Eine Zusammenfassung mit genaueren Angaben der Arbeiten zum Umbau des hier verwendeten Exemplares eines Magnetophon Automatic II zum Kompressor-Gerät ist hier abrufbar.

Das Foto zeigt eine direkte Verbindung des Kompressors mit einem Bandgerät Magnetophon M 24. Das zum Kompressor modifizierte Gerät (oben im Bild) kann direkt mit einem Mirkrofon verbunden werden und das reduzierte Signal aus dem Kompressor an eine Bandmaschine ausgeben. Zum Mastering ist denkbar, das Signal einer gesamten Musikproduktion in den Kompressor zu „jagen“ und das Ausgangssignal wiederum beispielsweise mit einem Computer oder einem zweiten Bandgerät aufzuzeichnen.

Und wie klingt das Ganze nun?

Alle Theorie bleibt Theorie, wenn man der Wahrheit der Praxis nicht in das Gesicht schaut.

Erster Testaufbau „Einüben eines Songs“

Hier nun eine Audiodatei, die einige Sekunden des Einübens eines Songs mit sehr leisen Passagen und einem kräftig lauten Akkordwechsel verbindet.

Mitschnitt vom Einüben eines Songs. Zu hören ist das Spielen von fortissimo (sehr laut) zu pianissimo (sehr leise) wieder zu fortissimo. Eine Herausforderung für einen Kompressor.
Der Screenshot der Aufnahmesoftware zeigt obiges Audio in seinen komprimierten Signalen. Die Stellen mit wenig Ausschlag wurden extrem leise gespielt. Die am Anfang und am Ende zu sehenden Ausschläge der Akkordwechsel wurden sehr kräftig gespielt.

Zweiter Testaufbau „Gesangsaufnahme in einer Produktion“

Hier wird es jetzt ernst. Das Gerät soll für die Gesangsspur einer Musikproduktion mit technisch gehobeneren Ansprüchen gegenüber der Aufnahme im ersten Test dienen.

Über den Regler zur Einstellung der Sensibilität der Aussteuerungs-Automatik im Inneren des Gerätes wurde das Einsetzten des Effektes erhöht.

Das Audio gibt das unbearbeitete Gesangssignal aus dem zum Kompressor umfunktionierten Gerät wieder. Der deutsche Text ist recht silbenlastig. Mit dem „Kompressor“ ist die Aufnahme schon fast ohne weitere Bearbeitungen brauchbar. Das Einatmen vor dem Einsetzten des Gesangs ist leise zu hören und das ursprünglich kräftig gesungene „Hey!“ im Refrain wird so „runter gedrückt“, dass es nicht durch Nachbearbeitung gezähmt werden muss.

Mit dem Eingang des zum Kompressors umfunktionierten Röhrengerätes wurde ein Mikrofon Sennheiser MD421 verbunden. Das komprimierte Ausgangssignal (Gesang) wurde direkt über ein Interface an die Aufnahme-Software des Computers weitergegeben.

Die zweite blaue Spur zeigt die Gesangsaufnahme der Produktion „Schaubitz Blues“. Hier wurde zur Demonstration der Wirkungsweise des Kompressors ebenfalls keine Bearbeitung vorgenommen.

Fazit zum Eigenbau eines Röhrenkompressors aus einem Tonbandgerät

Bedenkt man, dass für einen neuen und noch günstigen Röhrenkompressor der Studioelektronik mindestens 1.000 Euro (bis zu 30.000 Euro für einen fabrikneuen „Fairchild“) auszugeben sind, erscheint der Selbstbau mittels Modifikationen alter Röhrenbandmaschinen eine Lösung, bei der man mit den fehlenden Einstellmöglichkeiten der Profi-Geräte gut leben kann. Die Anschaffung eines einfachen Heimtonbandgerätes mit Aussteuerungsautomatik ist für unter 50 Euro inklusive Versand möglich. Aufwendiger wird die Sache natürlich, wenn die Modifikationen nicht selber durchgeführt werden können.

Warum eigentlich unbedingt ein Kompressor auf Röhren-Basis?

Die Kombination aus Röhrenverstärkung und Pegelreduzierung soll für eine natürliche und organische Qualität des komprimierten Signals sorgen.

Das Testergebnis (Audio) ist vielversprechend. Denn die Automatik hat tatsächlich wie ein „sanft“ und richtig eingestellter Kompressor für eine Vintage-Produktion reagiert. Bedenkt man, dass bei Vintage-Aufnahmen mit Röhrengeräten zusätzlich noch die Bandkompression hinzukommt, sollte man es auch lieber bei weniger als mehr belassen. Für Techno, Speed-Metal und alles, was richtig ballern soll, würde unserer Röhrenkompressor im Selbstbau natürlich nicht ausreichen.

Ich bedanke mich für das Lesen dieses Artikels. Ich freue mich über Rückmeldungen und auch darüber, wenn der Artikel Anregungen gegeben hat oder auch einfach nur unterhaltsam war.

Christian W. Eggers – 21. April 2024 – christian@stompology.org – (letzte Aktualisierung dieses Artikels am 25. Mai 2024)