Modifikation eines Tonbandgerätes zum Röhrenkompressor – Ein Experiment

„Das Schlimmste was Du tun kannst, ist die Nutzung der Aussteuerungsautomatik!“ So hieß es, als die Tonbandgeräte der frühen 70er Jahre zum Mitschnitt der ersten Gehversuche als „Beatmusiker“ zum Einsatz kamen. Aber war und ist das wirklich immer so schlimm?

Besteht eigentlich die Möglichkeit die Aussteuerungsautomatik eines Röhrentonbandgerätes gezielt als Produktionshilfe bei der Begrenzung eines zu hohen Dynamikbereichs sowie als Effektgerät zur Klanggestaltung einzusetzen?

Der Versuchsaufbau mit einem Telefunken Magnetophon Automatik II. Ein Röhrentonbandgerät der 60er Jahre. Es dient auf Grund der Modifikationen lediglich als Kompressor. Das Gerät links neben dem Automatik II, ein Telefunken Magnetophon KL 85, dient als Aufnahmegerät. Für die Versuchsaufnahme von Gitarre und etwas Gesang wurde ein dynamisches Mikrofon mit Kugelcharakteristik, das Grundig GDM 121, gewählt.

Eine Aussteuerungsautomatik ist im Prinzip nichts anderes als ein Werkzeug zur Herstellung einer gleichmäßigeren Durchschnittslautstärke. Geschieht dieses auf der Basis der Röhrentechnik, so wie mit sehr alten Tonbandgeräten, sind die wesentlichen Komponenten eines der sündhaft teuren neuen Röhrenkompressoren der gehobenen Tonstudio-Elektronik zur Verfügung.

Ein Kompressor ist eine Regeleinheit, die nach bestimmten Vorgaben, die man am Gerät einstellen kann, die Dynamik eingrenzt. Vereinfacht kann man sich das als einen automatischen Fader vorstellen, der mit einer irrsinnigen Geschwindigkeit das Signal ab einer gewissen Lautstärke zurückregelt, und, sobald das Signal wieder unter diesen Schwellenwert fällt, genau so schnell wieder voll aufmacht.

Eisner, Uli; Mixing Workshop, 2. Auflage 1998, Seite 144; PPV Presse Project Verlags GmbH, Bergkirchen

Für unser Experiment haben wir, Techniker Peter Wolff und der Autor dieses Artikels, ein einfaches Röhrentonbandgerät von Telefunken aus den 60er Jahren mit der Typenbezeichnung Magnetophon Automatic II ausgewählt.

Was ist nicht gut an der Aussteuerungsautomatik der Heimtonbandgeräte?

Der Einbau der automatischen „Pegelregler“ zur Verhinderung von zu leisen sowie übersteuerten Aufnahmen war zunächst eine Marketingstrategie. Grundig, Telefunken, Saba, Uher und die vielen weiteren Hersteller der Aufnahmegeräte der 60er Jahre hatten unverholen, heute mit Sicherheit durch den Deutschen Werberat rügbar, die angeblich „technisch weniger bewanderte Damenwelt“ im Visier.

Aus „Grundig Technische Informationen“ 1963, Heft 2.

Ein Tastendruck, loslegen mit der Aufnahme und fertig. Eigentlich doch für jeden Musiker und jede Musikerin super praktisch. Kommen doch auch in hochwertigen Produktionen Pegelbegrenzer zur Verhinderung von zu lauten Signalen zum Einsatz.

Einsatz der Automatik führt zum Totalverlust der Dynamik

Aus der Sicht der Musiker und Musikerinnen gibt es handfeste Argumente gegen den Einsatz einer konventionellen Aussteuerungsautomatik eines Tonbandgerätes: sie macht alles hin!

Aus leise wird lauter; samt aller Nebengeräusche, wie beispielsweise das donnernde Rauschen des einlaufenden Badewassers in der Nachbarwohnung. Und aus laut wird leiser.

Dieser Effekt führt natürlich zu einem Verlust der Dynamik. Das kann und muss nachmal erwünscht sein, jedoch nicht in der Radikalität die einfache Aussteuerungsautomatiken der Heimtonbandgeräte mit sich bringen.

Pumpen statt Atmen

Unangenehm hörbar sind Automatiken dann, wenn beispielsweise auf einem mit Akzent gespielten Akkord eine unakzentuierter Akkord folgt. Dieser wird, soeben erklungen, gnadenlos „runtergedrückt“. Folgt nun ein weiterer unakzentuierter Akkord, reagiert die Automatik wiederum mit einer Pegelanhebung. Das gefürchtete Pumpen der Automatik ensteht. Vergleichbar dem eines falsch eingestellten professionellen Kompressors. Kurzum: Nicht nur die Dynamik der Darbietung wird zerstört. Auch greift die Automatik in die ursprüngliche Phrasierung des Spiels ein.

Modifikationen des Gerätes zum Röhrenkompressor

Wie oben dargelegt, ist die Aussteurungsautomatik sehr einfacher Diktier- und Heimtonbandgeräte für halbwegs professionelle Ergebnisse der Dynamikbegrenzung nicht zu empfehlen.

Es gibt jedoch Unterschiede von Fabrikat zu Fabrikat. Einige der Automatikschaltungen funktionieren mehr als Begrenzer zur Verhinderung von Übersteuerungen. Andere wiederum heben zusätzlich recht unsensibel leisere Töne auf ein lauteres Level an. Ebenso unterscheiden sich die Reaktionszeiten des Einsetzens der Korrekturen.

Beschreibung der Aussteuerungsautomatik zum Grundig Röhren-Tonbandgerät TK 19 automatic. Mit einer einfachen Automatik eines Diktiergerätes hatten diese Konstruktionen der Aussteuerungsautomatik kaum noch etwas gemeinsam. Aus Grundig „Technische Informationen“, 1963, Heft 2.

Weitere Informationen zur Schaltung und Konstruktion der Aussteuerungsautomatik für Röhren-Tonbandgeräte ist hier abzurufen.

Wäre der Audio-Kompressor eine Erfindung aus Deutschland gewesen, würde er Aussteuerungsautomat heißen. Beeble/drummerforum.de

Das für den Test ausgesuchte und robuste Magnetophon Automatic II zeichnet sich durch eine eher sanfte Automatik aus. Übersteuerungen werden beherzt verhindert, die Reaktionszeiten sind blitzschnell und das Anheben von leiseren Tönen geschieht moderat. Ein Trimmer im Inneren des Gerätes erlaubt das Einsetzen der Automatik ab einem bestimmten Pegelwert individuell vorzunehmen. Das Gerät ist damit das ideale Versuchsobjekt für die Modifikationen der Automatik zum Röhrenkompressor.

Modifikationen der Hardware des Tonbandgerätes

  • Bandtransport bei aktivierter Aufnahmetaste stillgelegt
  • Ausgangspegel-Potentiometer von 0 bis Maximal eingebaut
  • DIN-Buchse für das Ausgangssignal zum Mischpult oder auch direkt zum Aufnahmegerät eingebaut
Das Magnetophon Automatik II schaltet sich, vom Werk aus so eingerichtet, mit der Verbindung zum Netz ein. Wird die Automatikaufnahmetaste (links im Bild) gedrückt, starten der Transportmotor und die Aufnahme mittels Aussteuerungsautomatik. In der Modifikation wurde der für den zu erzielenden Effekt nicht notwendige Bandtransport stillgelegt. Das „magische Band“ wurde so umfunktioniert, dass es bei relativ hohem Ausgangspegel reagiert. Es dient als Kontroll-Leuchte zur Überprüfung der Funktion des Gerätes.
Links im Bild ist der Poti zur Regelung des Ausgangssignals mit der Ausgangsbuchse zu sehen. Rechts im Bild die Buchsen für „Radio/Phono“ und „Micro“ zum Direktanschluss eines Mikrofons.

Modifikationen der Elektonik

Hier ist etwas mehr zu tun, damit das Gerät als Röhrenkompressor funktionieren kann. Die Kompression wirkt im Beispiel mit dem Gerätetyp Magnetophon Automatic II auf zwei Verstärkerstufen. Der maximale Ausgangspegel ist relativ hoch, so dass bei beim Anschluss von Halbleitergeräten (das sind diese modernen Geräte mit Transistoren 🙂 ; z. B. ein modernes Mischpult) ggf. über das Ausgangspotenziometer der Pegel entsprechend reduziert werden sollte.

Die Modifikationen im Einzelnen:

  • im Aufsprechentzerrungsnetzwerk wurden alle Funktionen lahmgelegt;
  • die dritte Verstärkerstufe wurde zur Impedanzwandlerstufe modifiziert; Katodenfolger ohne Spannungsverstärkung zur Erzielung einer niedrigen Ausgangs-Impedanz, so dass längere Kabelverbindungen möglich sind;
  • der Löschgenerator wurde stillgelegt;
  • das magische Band wurde direkt mit dem Ausgang verbunden.

Denkbar wäre noch für einen erhöten Bedienungskomfort den Trimmregler zur Steuerung der Sensibilität der Automatik auch über das Gehäuse zugänglich zu machen.

Ausschnitt des Schaltplans Magnetophon Automatik II mit nachträglichen Modifikationen des Gerätes zum Röhrenkompressor.

Eine Zusammenfassung mit genaueren Angaben der Arbeiten zum Umbau des hier verwendeten Exemplares eines Magnetophon Automatic II zum Kompressor-Gerät ist hier abrufbar.

Das Foto zeigt eine direkte Verbindung des Kompressors mit einem Bandgerät Magnetophon M 24. Das zum Kompressor modifizierte Gerät (oben im Bild) kann direkt mit einem Mirkrofon verbunden werden und das reduzierte Signal aus dem Kompressor an eine Bandmaschine ausgeben. Zum Mastering ist denkbar, das Signal einer gesamten Musikproduktion in den Kompressor zu „jagen“ und das Ausgangssignal wiederum beispielsweise mit einem Computer oder einem zweiten Bandgerät aufzuzeichnen.

Und wie klingt das Ganze nun?

Alle Theorie bleibt Theorie, wenn man der Wahrheit der Praxis nicht in das Gesicht schaut.

Erster Testaufbau „Einüben eines Songs“

Hier nun eine Audiodatei, die einige Sekunden des Einübens eines Songs mit sehr leisen Passagen und einem kräftig lauten Akkordwechsel verbindet.

Mitschnitt vom Einüben eines Songs. Zu hören ist das Spielen von fortissimo (sehr laut) zu pianissimo (sehr leise) wieder zu fortissimo. Eine Herausforderung für einen Kompressor.
Der Screenshot der Aufnahmesoftware zeigt obiges Audio in seinen komprimierten Signalen. Die Stellen mit wenig Ausschlag wurden extrem leise gespielt. Die am Anfang und am Ende zu sehenden Ausschläge der Akkordwechsel wurden sehr kräftig gespielt.

Zweiter Testaufbau „Gesangsaufnahme in einer Produktion“

Hier wird es jetzt ernst. Das Gerät soll für die Gesangsspur einer Musikproduktion mit technisch gehobeneren Ansprüchen gegenüber der Aufnahme im ersten Test dienen.

Über den Regler zur Einstellung der Sensibilität der Aussteuerungs-Automatik im Inneren des Gerätes wurde das Einsetzten des Effektes erhöht.

Das Audio gibt das unbearbeitete Gesangssignal aus dem zum Kompressor umfunktionierten Gerät wieder. Der deutsche Text ist recht silbenlastig. Mit dem „Kompressor“ ist die Aufnahme schon fast ohne weitere Bearbeitungen brauchbar. Das Einatmen vor dem Einsetzten des Gesangs ist leise zu hören und das ursprünglich kräftig gesungene „Hey!“ im Refrain wird so „runter gedrückt“, dass es nicht durch Nachbearbeitung gezähmt werden muss.

Mit dem Eingang des zum Kompressors umfunktionierten Röhrengerätes wurde ein Mikrofon Sennheiser MD421 verbunden. Das komprimierte Ausgangssignal (Gesang) wurde direkt über ein Interface an die Aufnahme-Software des Computers weitergegeben.

Die zweite blaue Spur zeigt die Gesangsaufnahme der Produktion „Schaubitz Blues“. Hier wurde zur Demonstration der Wirkungsweise des Kompressors ebenfalls keine Bearbeitung vorgenommen.

Fazit zum Eigenbau eines Röhrenkompressors aus einem Tonbandgerät

Bedenkt man, dass für einen neuen und noch günstigen Röhrenkompressor der Studioelektronik mindestens 1.000 Euro (bis zu 30.000 Euro für einen fabrikneuen „Fairchild“) auszugeben sind, erscheint der Selbstbau mittels Modifikationen alter Röhrenbandmaschinen eine Lösung, bei der man mit den fehlenden Einstellmöglichkeiten der Profi-Geräte gut leben kann. Die Anschaffung eines einfachen Heimtonbandgerätes mit Aussteuerungsautomatik ist für unter 50 Euro inklusive Versand möglich. Aufwendiger wird die Sache natürlich, wenn die Modifikationen nicht selber durchgeführt werden können.

Warum eigentlich unbedingt ein Kompressor auf Röhren-Basis?

Die Kombination aus Röhrenverstärkung und Pegelreduzierung soll für eine natürliche und organische Qualität des komprimierten Signals sorgen.

Das Testergebnis (Audio) ist vielversprechend. Denn die Automatik hat tatsächlich wie ein „sanft“ und richtig eingestellter Kompressor für eine Vintage-Produktion reagiert. Bedenkt man, dass bei Vintage-Aufnahmen mit Röhrengeräten zusätzlich noch die Bandkompression hinzukommt, sollte man es auch lieber bei weniger als mehr belassen. Für Techno, Speed-Metal und alles, was richtig ballern soll, würde unserer Röhrenkompressor im Selbstbau natürlich nicht ausreichen.

Ich bedanke mich für das Lesen dieses Artikels. Ich freue mich über Rückmeldungen und auch darüber, wenn der Artikel Anregungen gegeben hat oder auch einfach nur unterhaltsam war.

Christian W. Eggers – 21. April 2024 – christian@stompology.org – (letzte Aktualisierung dieses Artikels am 25. Mai 2024)

Das Hallgerät der Musiktruhen – Grundig Spring Reverb als Effektgerät nutzen

Es gab eine Zeit, zu der Musikanlagen in luxuriösen Möbelstücken als Musiktruhen die Wohnzimmer zierten. Lautsprecherboxen bezeichneten die Hersteller als Klangboxen und passend zu diesen Ungetümen wurden weitere geheimnisvolle Geräte zur Klanggestaltung angeboten.

Eines dieser Zusatzgeräte war die Grundig Raumhall-Einrichtung HVS 1. Mit diesem Gerät und dem Vorgängermodell auf Röhren-Basis zum Einbau in Musikschränke konnte der Klang der 50er und 60er Jahre mächtig „aufgeblasen“ werden.

Die HSV 1 Raumhall-Einrichtung ist in einem soliden Gehäuse untergebracht. Der Tank der Hallspiralen ist mit Federn aufgehängt. Die Hallspiralen „arbeiten“ so bei Erschütterungen störungsfrei. Den eigentlichen Halltank mit seinen Federn bezog Grundig aus den USA.

Einsatz der Hall-Einrichtung im Homerecording

Der Einsatz von kleinen, aktuellen Federhall-Tanks bei der Aufnahme von Songs wurde bereits in einem früheren Artikel beschrieben.  Das funktioniert schon recht gut.

Es geht aber, wie meist, noch besser. Mit etwas Glück lässt sich über Kleinanzeigenmärkte ein „echtes“ Federhallgerät aus der glorreichen Zeit der deutschen Unterhaltungselektronik erwerben. Und mit noch mehr Glück funktioniert so ein Gerät auch ohne die sonst üblichen Reparaturen alter Tontechnik.

Mehr „Vintage“ geht kaum und tatsächlich bieten die robusten Grundig Spring Reverbs mit ihrer Verstärkereinheit und einer voreinstellbaren Hallintensität über den „Nachhall-Grobregler“ einen reinen und störungsfreien sowie kräftigen Hall-Effekt.

Ausschnitt aus „Grundig – Technische Informationen Januar 1964“.

Dem Einsatzgebiet für Aufnahmen mit dem typischen Hall der 50er und 60er Jahre sind eigentlich keine Grenzen gesetzt. Richtig Spaß macht dieser Uralt-Hall bei Sprach- und Gesangaufnahmen. Auch die Snare Drum bekommt bei Zumischung eines Federhalls einen „bauchigen“ Klang vergleichbar mit dem Schlagzeugsound der historischen Aufnahmen von Bill Haley.

Natürlich hat das Hallgerät im Stompology-Mini-Studio ein standesgemäßes Zuhause in einem Gehäuse eines Tonbandkoffers Grundig TK 30 bekommen. Ausgerüstet ist der Eigenbau mit Klinkenbuchsen für das Eingangs- und Ausgangssignal der Grundig Hall-Einrichtung. Die Klinkenbuchsen sind mit der DIN-Buchse des Hallgerätes verbunden.
Kurze Demonstration der Halleinheit über ein Mischpult zur Regelung des Effktanteils. Über den Send- und Return-Kanal des Mischpults wird das Hallsignal dem „trockenen“ Signal beigemischt. Auf Grund der Vorverstärkung der Hallspiralen in der Baueinheit HSV 1 wird das Signal recht kräftig und gut regelbar ohne Störgeräusche zumischbar.

Weiterführende Links

Ich bedanke mich für das Interesse und freue mich, wenn dieser Artikel zum Ausprobieren der „alten“ Technik animiert. Es lohnt sich!

Christian W. Eggers – 7. April 2024 – christian@stompology.org (letzte Aktualisierung dieses Artikels am 7. April 2024)

Bildnachweis zum Titelfoto dieses Artikels. Quelle: Bundesarchiv via wikimedia ; Bildautor: Krueger, Lizenz: This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Germany license. Original Caption: Zentralbild Krueger 14.1.1957 „Lohangrin“ und „Caruso I“ aus Luckenwalde. Als Zubringerbetrieb für den VEB Stern Radio Staßfurt baut die Tonmöbelfabrik Wilhelm Krschlok in Luckenwalde Musiktruhen. Seit einem Jahr läuft bereits die Serie von Typ „Lohangrin“. Eine Entwicklung des Betriebes, die Musiktruhe „Caruso I“ wird im starken Maße nach Westdeutschland exportiert. Die Inhaber des Betriebes, Herr Krschlok, der mit staatlicher Beteiligung arbeitet, bezeichnete die Materialversorgung, die Zusammenarbeit mit dem Rat des Kreises, den staatlichen Organen und der Notenbank als sehr gut. UBz: „Lohengrin“-Gehäuse in der Poliererei.

Die neue Glückseligkeit – Künstliche Intelligenz und Gesang per Mausklick

Was waren meine Freunde und ich doch für bemitleidenswerte Idioten. Jedenfalls gemessen an den bahnbrechenden Innovationen der Musikproduktion und ihrer nunmehr endlich fehlerfreien Präsentation mit Hilfe der Künstlichen Intelligenz.

Ich war ja schon begeistert, als man die Drummer abschaffen konnte. Diese ungelernten Blödmannsgehilfen-Anwärter haben sich doch tatsächlich erlaubt vom digitalen Timing-Raster abzuweichen. Geradezu abschreckender Dilettantismus. Für die Abweichungen ist das Humanizer-Programm zuständig. Klingt doch irgendwie noch echter. Und dann noch diese Laut-Leise-Schwankungen! Wo kommen wir hin, wenn jeder meint er könne seine Emotionalität mit Holzstöcken ausleben. Steinzeit!

Schluss mit dem Ringen um Töne. Ein wenig Kleingeld per PayPal an den KI-Dienstleister und fertig.


Inzwischen waren Programmierer ja fleißig und haben diesen ganzen Klüngel der Ego-Diven samt ihrer albernen Musikinstrumente und stinkender Verstärker zum Teufel gejagt. Das gilt es zu feiern! Kann ich doch endlich meine Kreativität ungestört vom Schreibtischstuhl aus ausleben.

Das ist nun mal Fortschritt. Wer das nicht versteht und sich mit Unterricht, Diskussionen, Fehlschlägen und mit Kollege „Ich kann heute nicht; habe Zahn“ abmüht, dem ist doch nicht mehr zu helfen.

Nun also die Sängerinnen und Sänger!

Es wurde Zeit. Wir fliegen zum Mond und sind so wunderbar erfinderisch. Nur bei der menschlichen Stimme stagnierte der Fortschritt. Jetzt der Durchbruch: Schluss mit dem Ringen um Töne. Ein wenig Kleingeld per PayPal an den KI-Dienstleister und fertig. Was soll das Abmühen, man reist ja heute auch nicht mehr mit der Kutsche. Das Rumgeknödel war doch ekelhaft. Wer interessiert sich denn für den Ausdruck und die Individualität eines Sängers, einer Sängerin?

Wer will schon diese Oldschool-Schinken oder gar in der Farbe rühren?

Hier geht es um Höheres. Wir wollen doch professionell sein und hätte Rembrandt damals die KI zur Verfügung gehabt…, was wären das für herrliche Werke geworden. Wer will schon diese Oldschool-Schinken oder gar in der Farbe rühren?

Überhaupt: Manuelle Kunstfertigkeit wird überschätzt. Davon reden nur die ignoranten OK Boomer, die denken ein Computer sei eine Weiterentwicklung  der elektrischen Schreibmaschine.

Christian W. Eggers – 25. März 2024 – christian@stompology.org

PS: Es handelt sich um eine Satire anlässlich der gefeierten Einführung von KI-Diensten zur Erstellung von Gesang in Musikproduktionen.

Foto: Igor Omilaev / unsplash Lizenz: https://unsplash.com/de/lizenz

Famous Grooves – The James Brown Beat

Wird eine Geschichte ständig wiedergegeben, wird sie weder zur Wahrheit noch zur Lüge. Tatsache ist wohl, dass das Musikgeschäft durch Superlative und Übertreibungen geprägt wird. Musikjournalisten, interviewte Musiker, Pop-Historiker und Mitarbeitende der Marketingabteilungen (m/w/d); sie alle tragen zur Legendenbildung bei.

Die Musikzeitschrift Rolling Stone kürte Live at the Apollo zum besten Livealbum aller Zeiten.

Lichtet sich der Bühnennebel, ist die Party für die Protagonisten meist vorbei. Im fahlen Licht der Saalbeleuchtung drängt die Masse zu den Ausgängen und die Show geht weiter. Nur eben mit neuen Legenden und Superlativen, die das Showgeschäft braucht wie ein Supermarkt die Sonderangebote.

Eine Tatsache ist, dass einer der ersten Drummer des Soulsängers James Brown der Musiker Clayton Fillyau war. Sein Spiel ist verewigt unter anderem auf dem ersten Livealbum Live at the Apollo von James Brown and The Famous Flames. Aufgenommen wurde das Album am 24. Oktober 1962.

Bald darauf kündigte Clayton Fillyau die Arbeit für den aufgehenden Soul-Superstar auf. Zu lesen ist, dass Mr. Brown ein recht eigenartiges Verhältnis zur Kollegialität gehabt haben soll. Egal, es standen inzwischen genug andere Talentierte Schlange.  

James Brown trat gerne mit zwei Schlagzeugern auf. Wurde einer müde oder spielte für den Moment nicht so wie Mr. Brown es sich wünschte, musste ein anderer übernehmen. Foto: Heinrich Klaffs

Nun zu den Superlativen und Legenden. Einer der meist gesampelten Beats weltweit, so wird immer wieder behauptet, ist eine einfache Schlagzeug-16tel-Figur. Sie diente als rhythmische Basis für zahlreiche Songs des „Mr. Dynamit“.

Bedeutsam für den Charakter dieses „funky“ 16tel-Grooves ist das Durchspielen der Bass Drum „Eins“ – „Eins-Und“ – „Drei“ – „Drei-Und“ sowie die recht kräftige Betonung der Backbeats („Zwei“ und „Vier“) auf der Snare Drum.
Audio 1: Version mit leicht geöffneter Hi-Hat
Audio 2: Version mit geschlossener Hi-Hat und 16tel Ghost Notes

Zu lesen ist, dass Mr. Brown ein recht eigenartiges Verhältnis zur Kollegialität gehabt haben soll. Egal, es standen inzwischen genug andere Talentierte Schlange. Sie wurden berühmt. 

Und nun zur Legende: „Erfunden“ haben soll Clayton Fillyau diesen damals völlig neuartigen Beat. Damit nicht alles zum x-ten Mal abgeschrieben wird und um die Leserschaft nicht zu langweilen, soll ein Link genügen. Es bleibt hier dabei, sich an einem kraftvollen Beat zu erfreuen, ihn zu variieren und  sich inspirieren zu lassen.

Ach so, wo kommt die Bezeichnung James Brown Beat für diese Schlagfolge her? Sie stammt aus einer seriösen Quelle, dessen Autor die Einsicht hatte, dass Clayton Fillyau einen typischen James Brown Beat erfand. (1)

So gewürdigt, nimmt die Sache einen guten Ausgang.

Auch wenn sich kaum jemand an Clayton Fillyau erinnert, er keinen Eintrag bei Wikipedia hat, die Suchmaschine von Drummerworld kein Ergebnis anzeigt und die Record-Label den Namen Fillyau auf den Covern, wenn überhaupt, in bizarren Variationen der Schreibweise bei maximal 6 Punkt Schriftgröße reproduziert haben.

Der fotoscheue und bescheidene Mr. Fillyau hat mit „seinem“ Funky-Beat die Musik der Gegenwart über den Hip-Hop bis zum Techno wie kein anderer Schlagzeuger der späten 50er und frühen 60er Jahre beeinflusst.

Christian W. Eggers – christian@stompology.org – 23. März 2024 (letzte Aktualisierung dieses Artikels am 24. März 2024)

Bildnachweis: James Brown im Konzert, Autorenname: Heinrich Klaffs – originally posted to Flickr as James Brown Live 1702730029, via Wikimedia, Lizenz: CC BY-SA 2.0 Original-Bildunterschrift des Autors: Geballte Energie: James Brown, Februar 1973, Musikhalle Hamburg

Fußnote: (1) Aukes, Antoon; Second Line – 100 Years Of New Orleans Drumming, Seite 67, (C. L. Barnhouse)

Swingender Spielmannszug – Teil 3 New Orleans Brassband Snare Drum

Die dritte und letzte Folge zum swingenden Spielmannszug befasst sich mit der Spielweise der Snare Drum. In der vorangegangenen Folge 1 ist zu erfahren, welche Voraussetzungen Swing hervorbringen. Die Folge 2 beschäftigt sich mit dem Zusammenspiel von Becken und Basstrommel im Stil der New Orleans Brassbands. Mit dieser dritten Folge der Artikelserie ist zu erfahren, wie die Snare Drum in das rhythmische Fundament der Basstrommel und der Becken integriert werden kann.

Spieltechnik – Rollen und Traditional Grip

Trommlerinnen und Trommlern der Spielmannszüge kennen natürlich die Stick-Haltung, die als Traditional Grip bezeichnet wird.

Der Traditionel Grip ist nicht schwerer zu erlernen als der Matched Grip. Schwer ist aber das Umlernen, wenn über Jahre mit dem Matched Grip gespielt wurde. Seinen Ursprung hat die „alte Haltung“ in der Militärmusik, bei der diese Haltung durch die schräge und seitliche Position der Trommel am Körper erzwungen war. Der Traditional Grip fördert die Unabhängigkeit der linken Hand von der rechten und er erleichtert ein sehr leises Spiel, was bei Ghost Notes (sehr leisen Schlägen) besonders von Vorteil ist.
Eine kleine Änderung des „traditionellen Griffs“ ist dennoch hilfreich. Das Rollen wird erleichtert, wenn der Stick „verkehrt herum“ gehalten wird.Das typische „Rollen“ der New Orleans Brassbands entsteht auf der Snare-Drum. Dabei werden die Sticks nur leicht gehalten und das „dicke Ende“ erzeugt fast von alleine ohne besonderen Druck den „Press-Wirbel“.

Rollen statt pressen

Mit „Rollen“ ist hier der im Unterricht häufig als Presswirbel bezeichnete Tremolo-Effekt gemeint. Im Gegensatz zur Spielweise der Spielmannszüge wird öfter das schwere Ende des Sticks zum Rollen im New Orleans Stil verwendet.

Der Grund dafür liegt in der sehr lockern Haltung des Sticks. Diese, sozusagen entmilitarisierte Spielweise, lässt den Stick durch sein Eigengewicht beim Auftreffen auf die Snare Drum ohne viel Druck locker federn.

Die Noten zeigen eine einfache Schlagfolge für die Snare Drum. Fonetische Merkhilfe: „Do-Raarr – Do-Raarr – Do-Raarr – Dam-be – DAB-Ba“.
Die Notation für das Zusammenspiel von Becken und Basstrommel. Die einzelnen Takte dieser Figur können selbstverständlich auch in der Reihenfolge ausgetauscht werden. Wichtig ist das Hervorheben der Zählzeit 4 als Bezugspunkt dieser Rhythmik. Dieser Akzent auf der Zählzeit Vier erfolgt in jedem zweiten Takt. Entfällt er, verliert der Groove seinen Schwung und Mitmusikerinnen und Mitmusiker verlieren die Orientierung.

Die selben Schlagfolgen hier nun endlich im Zusammenspiel mit Becken und Basstrommel.

Einen Song im Brassband Stil komponieren

Zusammenfassung

Die Schritte der Wandlung der europäischen, traditionellen Spielweise der Infanterie-Märsche in eine swingende Musik-Parade im Stil der New Orleans Brassbands bestehen in

  • dem Spielen in einer triolischen Rhythmik im Two Beat mit dem Bezugspunkt der Zählzeit 4,
  • der Hervorhebung von Offbeats (Synkopen) auf der 2-Und sowie
  • der körperlichen Bewegung der Parade in weichen und wiegenden Schritten.

Quellen der Inspiration

Zum Abschluss dieser Artikelserie noch ein Hinweis zum Auffinden von authentischen Spielweisen der New Orleans Brassbands. Das in San Francisco 1996 gegründete gemeinnützige Projekt Internet Archive ermöglicht die umfassende Suche nach traditionellen Spielweisen der New Orleans Brassbands.

Ich wünsche sehr viel Inspiration und Freude beim Spielen und Experimentieren mit dieser voller Reichtum steckenden Spielweise der New Orleans Brassbands.

Ganz besonders würde ich mich freuen, wenn Musikerinnen und Musiker eines Spielmannszugs das hier Erfahrene ausprobieren und mir vielleicht ihre eigenen Erfahrungen schreiben mögen.

Christian W. Eggers – 17. März 2024 – christian@stompology.org – (letzte Aktualisierung dieses Artikels am 15. Mai 2024)

PS: Archie Ancora And The Motorboats, die Stompology-Hausband, haben angedroht einen Song auf der Basis des hier vorgestellten Grooves aufzunehmen. Bisher scheitert die Sache aber am Drummer, der noch nicht so ganz routiniert mit dieser Rhythmik umgehen kann.