„Es wird schon gut gehen! Cowabunga!“

„Es wird schon gut gehen! Cowabunga!“

Die Möglichkeit, eine Perle der Audiotechnik der 50er Jahre in Funktion erleben zu dürfen, besteht nicht häufig. Der Kieler Entwickler von Röhrenverstärkern Peter Wolff hat ein Telefunken Ela V504 Röhren-Mischpult vollständig instand gesetzt und für einen Test im stompology.org Mini-Studio zur Verfügung gestellt.

Das kompakte Röhrenmischpult Ela V504 wurde von 1953 bis 1959 als Reisemischpult und Kleinstudiogerät angeboten. In der Funkschau 1958 / Heft 22, Seite 525 wurde das Gerät als ein „kommerzielles Reise-Mischpult“ vorgestellt. Mit seinen 12 kg und seiner Kompaktheit ist das Mischpult im Holzkoffergehäuse mühelos zu transportieren. Der Preis des Mischpults betrug damals 1.090 DM.
Das Gerät ist nicht allein für Sammler alter Studiotechnik interessant. Verwendung findet das Telefunken Ela V504 als Röhrenvorverstärker für Mikrofone in Kombination mit digitaler Aufnahmetechnik. So befindet sich dieses Modell auch im Fundus zweier Verleihunternehmen professioneller Studiotechnik.
Für unseren Test zur Aufnahme eines Drumsets haben wir das Mischpult so verwendet, wie es damals gedacht war: nicht als Mikrofon-Vorverstärker, sondern als Mono-Mischpult, dessen Ausgang unmittelbar mit einer Mono-Bandmaschine, hier ein Telefunken M24 von 1958, verbunden wurde.

Eingang 1 und Eingang 2 sind vom Hersteller des Mischpults für dynamische Mikrofone vorgesehen (Verstärkung 66 bis 70 dB), die Eingänge 3 und 4 (Verstärkung bis 53 dB) sollen für Kondensator-Mikrofone nutzbar sein.

Von den vier Eingängen für Mikrofone wurden im Test drei verwendet. Für die Schlagzeug-Probe-Aufnahme wurden Eingang 2 für die Abnahme der Bass Drum und Eingang 1 für die Abnahme von Hi-Hat und Snare Drum genutzt.
Ein Overhead-Mikrofon mit einer Halleffekt-Beimischung mittels einer Grundig-Hallspirale wurde mit Eingang 3 verbunden. Der Eingang 4 für ein weiteres Mikrofon und der Eingang 5 für Einspielungen von Bandgerät, Plattenspieler und Radio blieben ungenutzt.

Das Mischen der unterschiedlichen Signale mit ihren gewünschten Lautstärken erfolgt über die Einsteller der einzelnen Eingänge. Die beiden Klangsteller für Höhen und Tiefen wirken auf alle 5 Kanäle. Es bedarf also etwas Fingerspitzengefühl bei der Aussteuerung und der „Soundfindung“.
Wichtig wird damit auch die Auswahl und die zur Aufnahme passende Platzierung von Mikrofonen. Denn hiermit lässt sich schon vieles erreichen, ohne dass viel an den Reglern „gekurbelt“ werden muss.

Den Aussteuerungs-Pegel zeigt grob ein „magischer Fächer“ an. Ein kleiner eingebauter Monitor-Lautsprecher dient zur ersten „Abhöre“. Sehr viel genauer überprüfen lässt sich das Ergebnis der Mischung mit einem hochohmigen Kopfhörer, der direkt am Mischpult angeschlossen werden kann und der den eingebauten Lautsprecher nach Verbindung „automatisch“ abschaltet. Hiermit können Übersteuerungen am einfachsten erkannt werden.
Für die Aufnahme wurde ein kurzer Schlagzeugpart für Bass Drum, gewischte Besen auf der Snare und Hi-Hat gespielt. Nach zwei ersten Test-Aufnahmen und leichten Korrekturen der Mikrofonaufstellungen am Set war es dann endlich soweit: 1-2-3-4-1-2-3-GO!
Die Audio-Datei ist völlig unbearbeitet damit der Klangeindruck nicht verfälscht wird. Digital zu hören ist das, was das Bandgerät an die Aufnahmesoftware wiedergegeben hat. Ohne irgendwelche nachträglichen anlogen und digitalen Korrekturen. Aufgenommen wurde das Schlagzeug in einem stark gedämmten kleinen Raum.
Verdammt! Wären Archie Ancora & His Motorboats doch nun endlich mal in der Lage einen kommerziellen Erfolg zu landen. Dann würden wir auch tiefer in die Tasche greifen können und dieses Mischpult sofort erwerben.
Das „Reise-Mischpult“ Ela V504 ist tatsächlich eine Reise-Mischpult. Es nimmt einen auf eine Reise in die frühe Zeit der Audioproduktion mit.
Den von vielen Musikern und Musikerinnen gewünschten „warmen“ Klang produziert das Mischpult ganz selbstverständlich aus seiner Natur heraus. Man bekommt ohne „Rumtricksen“ einen 1:1 Eindruck von der Qualität der Aufnahmetechnik der 50er Jahre.
Es war ein riesiges Vergnügen mit dem robusten und übersichtlichen Gerät als Tontechniker-Laie eine „echte“ Röhren-Testaufnahme machen zu dürfen.
Christian W. Eggers – 20. Oktober 2024 – christian@stompology.org – (letzte Aktualisierung dieses Beitrags am 21. Oktober 2024)
Im österreichischen Fieberbrunn hat es sich ein junges Team zur Aufgabe gemacht, die Werke internationaler Künstlerinnen und Künstler nach Bestellung auf Vinyl zu bannen. Im Interview mit stompology.org berichtet Mitinhaber des dr.dub vinyl recording service Markus Waltl über das Pressen von Schallplatten im Zeitalter des Musik-Streamings.

stompology: Markus, zunächst herzlichen Dank für die spontane Zusage für dieses Interview.
Im Jahr 2010, also zum Gründungsjahr des dr.dub vinyl recording service, wurden in Deutschland lediglich noch fünfhunderttausend Langspiel-Schallplatten verkauft. Demgegenüber stand laut Wikipedia der Verkauf von knapp 99 Millionen CDs in Deutschland. Heute ist die Vinyl-Schallplatte wieder angesagt. So soll der Umsatz durch den Verkauf von Schallplatten den der CDs im Jahr 2022 sogar übertroffen haben.
Wie seid Ihr damals auf die Idee gekommen ausgerechnet Schallplattenpressungen als Dienstleister anzubieten?
Markus: Das mit 2010 ist so nicht ganz richtig – Dr.Dub gibt’s schon seit 2003. Angefangen hat das alles mit einer „Saufidee“ von den Gründern Mex & Nik. Nik hatte einen Hintergrund im Reggae/Soundsystem Bereich, in denen oftmals „Dubplates“ verwendet werden. Eine Dubplate ist eine Lackfolie, die nur einmal bzw. in sehr geringen Stückzahlen hergestellt wird. Daher auch der Name „Dr. Dub“.
2018 haben wir (Andy & Markus) dann Dr. Dub übernommen und ausgebaut. Mittlerweile kann man eine Platte mit Coverdruck, Labeldruck und Picturedisc im Onlineshop umfassend selbst gestalten.

stompology: Wo und wie habt Ihr Euch das Wissen und Können zur Schallplattenherstellung angeeignet?
Markus: Eine wirkliche Ausbildung gibt’s für die Herstellung bzw. den Schnitt von Platten nicht (mehr). Vieles davon basiert auf altem, teilweise verloren gegangenem Wissen, welches man sich selbst wieder erarbeiten muss.
Bei der Übergabe 2018 haben uns die beiden Gründer umfassend eingeschult, aber vieles muss man einfach selbst herausfinden. Andy hat einen Hintergrund als Elektrotechnikingenieur und auch (ich) Markus bin mit Musik und Elektrotechnik aufgewachsen. 2020 ist noch Hannes zu unserem Team hinzugestoßen – er war mit Andy in der Vergangenheit in einer Band.
Am wichtigsten sind ein analytisches Gehör und der Wille, dauernd etwas Neues zu lernen. Andere hilfreiche Formate sind z. B. das Forum lathetrolls.com, in dem sich „Lathe Freaks“ weltweit über das Cutten von Schallplatten austauschen.
Wir versuchen immer, dass die Platte möglichst nah ans Ausgangsmaterial herankommt aber trotzdem wird eine Platte immer ihren eigenen Charakter haben. Und das ist auch gut so!
stompology: Ich kenne CDs, die nicht gut klingen, aber auch Schallplattenpressungen, die grausam klingen. Was macht für Dich und Dein Team eine gelungene Vinyl-Pressung aus?
Markus: Das Wichtigste für eine gelungene Pressung ist das Ausgangsmaterial. Man muss beim Mastern auf die physikalischen Limits einer Schallplatte achtgeben. Material, welches durchgehend am Limiter (Stichwort: Loudnesswar) ansteht, wird auf Schallplatte meist nicht gut klingen. Grundsätzlich ist es so, dass die Gegebenheiten einer Platte das Material immer verändern.
Wir versuchen immer, dass die Platte möglichst nah ans Ausgangsmaterial herankommt aber trotzdem wird eine Platte immer ihren eigenen Charakter haben. Und das ist auch gut so!
stompology: Ihr bekommt ja zunächst Songs als Datensatz. Wie stark müsst Ihr dieses Daten bearbeiten, damit sie auf Platte gut klingen?
Markus: Im Optimalfall müssen wir fast nichts bearbeiten – das ist aber selten. Tools, die wir oftmals nutzen, umfassen Monofilter (Stereokorrelation, vor allem im Bassbereich muss im Auge behalten werden), De-Essing bei Zischlauten von Stimmen und Kompression/Equalizing und spezielle Filter, welche für das Vinylmastering ideal sind.
Das Ganze passiert teilweise in der DAW (DAW steht für Digital Audio Workstation; Anmerkung der Redaktion), aber viel auch mithilfe unserer externen Geräte in der Signalkette „Outboard“. Je nach Plattenformat, RPM und Spiellänge einer Plattenseite müssen auch die Songs mit dem entsprechenden Pegel geschnitten werden. Starke Pegelausschläge im Ausgangsmaterial müssen dabei auch immer berücksichtigt werden und ggf. angepasst werden, damit der passende Rillenabstand eingehalten wird.
Ein ganz wichtiger Bestandteil beim Disc-Recording ist außerdem, dass im Vorverstärker des Schneidkopfes die RIAA Schneid-Kennlinie angewendet wird (eine genormte EQ Kurve), damit die Frequenzen physikalisch so effizient wie möglich in der Rille untergebracht werden können. Deshalb benötigt man beim Abspielen auch wieder einen Phono-Vorverstärker.

stompology: Was ist aus Deiner Sicht bei der digitalen Vorarbeit einer Künstlerin oder eines Künstlers das Wichtigste, damit die Aufnahme auch als Schallplatte gut klingt?
Markus: Wie soeben erwähnt, macht es Sinn, wenn das Material nicht auf maximale Loudness gedrillt wird, sondern noch Dynamikumfang beibehält. Was auch Probleme macht, sind zu starke Stereoeffekte/Phasing unter ca. 300hz, sowie unausgeglichene exzessive Höhenanteile (z. B. Cymbals, S-Laute).
Der Anteil von Frequenzen ab ca. 12khz-15khz sollte nach oben hin abnehmen und nicht zunehmen (Low Pass). Songs mit vielen Höhenanteilen oder viel „Lärm“ gehören an den Anfang der Platte. Je weiter man ins Innere kommt desto stärker hörbar werden Verzerrungen, da die Rille mit abnehmendem Durchmesser der Platte immer mehr „gestaucht“ wird und eine verlustfreie Abtastung vom Tonabnehmer schwieriger wird. Hochwertige Tonabnehmer/Nadelschliffe sind da überlegen und gleichen diesen Nachteil oft gut aus, aber es soll ja möglichst auf jedem Turntable gut klingen!
Auch Band hat genau wie Vinyl seine Grenzen, welche aber für das menschliche Gehör als sehr angenehm empfunden werden.
stompology: Ich hatte Euch zwei meiner Songs zur Pressung geschickt (Erfahrungsbericht). Diese Songs hatte ich vor der endgültigen Digitalisierung mit einer Bandmaschine gemastert. Die Idee war dabei den Sound „analoger“ zu machen. Esoterischer Quatsch oder „eine gute Idee!“?
Markus: Auch ein Magnetband hat Limits und Bandsättigung, daher kann es durchaus Sinn machen, vor dem digitalen Mastering noch analog zu mastern, da man dann auch bereits in die „Schranken“ des analog Möglichen geleitet wird.
Auch Band hat genau wie Vinyl seine Grenzen, welche aber für das menschliche Gehör als sehr angenehm empfunden werden. Analoge Geräte fügen zusätzlich eine „Färbung“ des Klangs hinzu, die oftmals sehr harmonisch klingen kann.
Wenn es natürlich um die klinische Reinheit und Klangtreue geht, ist jeder Eingriff mit analogen Geräten destruktiv. Aber dann kann man auch direkt CDs oder digitale High-Res Dateien hören.
stompology: Ich besitze eine original Single von Bill Haley „Rock Around the Clock“. Wenn ich sie heute höre, dann klingt sie im Sound und im Mono-Mix immer noch so frisch wie es damals und in allen darauffolgenden Jahrzehnten klang. Welches Geheimnis mag dahinterstecken?
Markus: Platten haben gegenüber anderen analogen Formaten wie Kompaktkassetten den Vorteil, dass ihr Verschleiß geringer ist, wenn man sie richtig behandelt. Sie bestehen aus dickem PVC und können bei guter Lagerung ewig halten, während Kassetten aus dünnem, magnetisiertem Kunststoff bestehen, der weniger langlebig ist.
Eine Platte ist ein einfaches, bewegungsloses Objekt ohne komplizierte Teile oder Elektronik, was die Wahrscheinlichkeit von Schäden verringert.
Solange das Rillenmuster intakt ist, bleibt sie funktionsfähig. Im Gegensatz dazu unterliegt der Tonabnehmer einem gewissen Verschleiß, da die Nadel und der Gummi im Nadelträger im Laufe der Jahre abnutzen.
stompology: Warum glaubst du werden im Jahr 2024 noch Schallplatten gehört?
Markus: Eine Schallplatte ist natürlich im Zeitalter von Streaming usw. sehr viel umständlicher und schwieriger in der Handhabung und auch viel kostenintensiver.
Der Aufwand zahlt sich aber unserer Meinung nach aus, da man eine Schallplatte wirklich selbst besitzt und die Audiodateien nicht auf einem Server einer großen Corporation liegen. Zusätzlich hört man viel bewusster und aufmerksamer zu, wenn man ein Album auf den Plattenteller legt und sich die Zeit nimmt, dieses als Ganzes durchzuhören.
In unserer schnelllebigen, medienüberfluteten Welt ist es selten geworden dass man sich eine Stunde für eine Sache Zeit nimmt. Da ist eine Platte ähnlich wie ein gutes Buch und ein gutes Gegenmittel gegen unsere immer kürzer werdenden Aufmerksamkeitsspannen.
stompology: Auf Eurer Website ist zu sehen, dass wirklich aus fast allen Musikgenres Aufträge zur Pressung kommen. Also, von Nostalgikern bis hin zum Rave-Festival DJ. Welche Musikrichtungen machen Dir persönlich Spaß und hörst Du privat auch Schallplatten? Oder ist man froh, wenn nach Feierabend endlich mal Ruhe ist?
Markus: Wir besitzen alle privat auch Platten, die wir gerne hören. Unser zweiter Mitarbeiter Benni hat zuhause eine Plattensammlung von ca. 8000 Stück von Abba bis Zappa. Allgemein sind wir hier in den Dr.Dub Studios am ehesten im Rock/Blues/Psychedelicrock/Stonerrock-Bereich angesiedelt. Aber auch viele Electronic, Trip-Hop und Reggae Alben stehen herum.
stompology: Vielen Dank für dieses ausführliche und informative Gespräch! Ich wünsche Dir und Deinem Team weiterhin Freude an Eurer Arbeit und viele interessante Momente beim Herstellen der „magischen Scheiben“.
Das Interview wurde schriftlich geführt. Die Fragen stellte Christian W. Eggers – 11. Oktober 2024 – christian@stompology.org- (letzte Aktualisierung am 17. Oktober 2024). Die Fotos in diesem Beitrag wurden vom dr.dub recording service zur Verfügung gestellt.
In diesem Beitrag geht es um die Erfahrung eigene Songs auf einen Vinyl-Tonträger pressen zu lassen.
Warum eigentlich im Zeitalter der digitalen Musikproduktionen und der Online-Distribution von Kunst jeder Art noch eine Schallplatte pressen lassen? Wahrscheinlich muss man ein Dichter sein um das ausdrücken zu können, was sich der Vernunft schwer erschließt.
To The Bone
„The needle pierced just like a nail
As she rocks me to the bone
Knocks me to the bone“
Mit diesem Zitat aus dem Song „To The Bone“ von den Kinks über das Gefühl beim Auflegen und Hören einer „Scheibe“ soll dann auch an dieser Stelle der Diskussion um das „Für und Wider“ der Vinyl-Pressungen genüge getan sein. It knocks you to the bone! Andere lässt es kalt. Auch in Ordnung.
Die stompology.org Hausband, Archie Ancora & His Motorboats, hat zwei Songs für den Test ausgewählt. Den Regenbogenboogie und den Song Beschäftigt mit Nichtstun.
Beide Songs wurden ursprünglich digital aufgenommen, anschließend mit einer Bandmaschine gemastert, danach erneut digitalisiert und dann, ohne weitere Eingriffe, im Wav-Format zur endgültigen Pressung an einen Hersteller von Schallplatten online übermittelt.
Bei den digitalen Aufnahmen der zwei für Vinyl ausgesuchten Songs wurde so vorgegangen, dass sie sich für die technischen Besonderheiten der Wiedergabe über einen Schallplatte eignen. Hilfreiche Tipps hierfür sind in Fachartikeln und den Hinweisen der Presswerke zu finden.
In unserem Beispiel wurden weitgehend die Hinweise des Tontechnikers Nick Mavridis beachtet. Der Artikel 12 Fehler, die beim Mixing für Vinyl gemacht werden kann auf bonedo.de gelesen werden. Ein Interview mit dem dr.dub recording service auch über die technischen Voraussetzungen zur Herstellung von Schallplatten ist hier zu lesen.
Sucht man über das Internet Hersteller für Schallplatten auch in kleinen Auflagen und sogar für Einzelanfertigungen, wird man überraschend schnell fündig. Es gibt inzwischen mehrere Anbieter mit umfangreichen Angeboten.
Archie und die Jungs haben sich für den österreichischen Plattenhersteller Dr. Dub entschieden. Einzelanfertigung, unkomplizierte und übersichtliche Online-Bestellung sowie eine beeindruckende Referenzliste waren für die Wahl ausschlaggebend. Der Preis für die Einzelanfertigung lag bei rund fünfzig Euro inklusive Versand.

Auspacken, der Geruch, auflegen, Teller starten, die Nadel absenken und gespannt warten auf den ersten Ton. Wie kann man eigentlich das „Erlebnis Schallplatte“ über das Internet vermitteln?
Ok, aber hier ist die digitalisierte A-Seite der Platte, der Regenbogenboogie, zu hören.
Gegenüber der digitalen Aufnahme sowie dem Tonband-Master dieser Aufnahme kommen mit dem Abspielen der Platte zwangsläufig andere mitbestimmende Faktoren für den Klang der Aufnahme in das Spiel. Nämlich die Hardware zum Abspielen und Hören der Schallplatte: Schallplattenspieler und Vorverstärker für die Wiedergabe von Schallplatten.
Die hier zu hörende WAV-Datei wurde nicht zur Digitalisierung mit der im Aufmacherbild zu sehenden nostalgischen „Kreissäge“ aus den großen Zeiten der Kieler Unterhaltungselektronik abgespielt. Das wäre wahrscheinlich deutlich in Richtung Lo-Fi gegangen und hätte die „Scheibe“ beschädigt.

Zum Einsatz kamen daher ein Technics SL-1210 MK2 Plattenspieler und ein RIAA-Tonabnehmerverstärker EELA Audio RIAA Preamp EA 804.
Beim Hören der zur Bannung auf Vinyl übermittelten Dateien ist es mir nicht möglich mit meinen Ohren und meiner „Abhöre“ klangliche Unterschiede gegenüber dem Abspielen des Songs der Platte über den Plattenspieler festzustellen.
So ein physischer Tonträger macht Spaß. Die Handhabung des rotierenden Hardware-Gedöns ist die Attraktion für Nostalgiker wie Archie Ancora mit seinem 50er Jahre Sound. Schön ist es auch „etwas in der Hand“ halten zu können. Ähnlich eines Fotoabzugs eines bisher digital bestehenden Bildes.
Das Klangbild entspricht exakt dem der eingereichten Datei. Aber: es knistert und rauscht schon ein wenig. Das ist hörbar; insbesondere vor dem Einsetzen des Intros und nach dem letzten Ton der Songs. So soll es sein! Ich wäre schwer enttäuscht gewesen, wenn nicht.
Christian W. Eggers – 8. Oktober 2024 – christian@stompology.org – (letzte Aktualisierung dieses Beitrags am 11. Oktober 2024)
Kürzlich hat unser Interpret Archie Ancora sein Machwerk „Regenbogenboogie“ in einem Forum für Homerecording und Hobby-Komponistinnen und Komponisten zur Diskussion freigegeben. Mutig!
Zweifel wurden daran geäußert, dass es sich tatsächlich um einen eigenen Song aus Archies Feder handelt und dieser Song nicht „aus einer 50er Jahre Schatztruhe ausgegraben“ wurde. Ein nett verpacktes Kompliment und genug Anlass darüber zu berichten, wie Songs der stompology.org Hausband Archie Ancora & His Motorboats entstehen. Ich warne alle Leserinnen und Leser. Es wird persönlich.

Archies Mama war überwiegend eine ziemlich schlecht gelaunte Dame. Daran änderte auch die frohe Botschaft der Schwangerschaft mit dem werdenden Archie nichts.
Nur wenn sie Swing hörte, am liebsten Glenn Miller, dann war sie gehobener Stimmung. Es wummert ein Swing Beat und da sind plötzlich Endorphine, die das werdende Baby, ob es will oder nicht will, aufnimmt. Bombenstimmung im Bauch! Archie wurde „geimpft“ für den swingenden Big Band Sound und die albernen Schlager der 50er Jahre aus der Grundig Musiktruhe.
Wann kommt eigentlich der Geist über Komponistinnen und Komponisten? Bei Archie nie. Gäbe es so etwas wie den „göttlichen Funken“, dann zeigt sich dieser zum Beispiel in dem Besuch eines Zahnarztes. Genauer: in einer Lesezirkel-Zeitschrift aus dem Wartezimmer.

Man blättert etwas lustlos durch die Promi-Berichterstattung und „Bum!“.
Da steht eine Zwischenüberschrift in einem Interview mit einer Schauspielerin. Die Zeile wird im Layout hervorgehoben: „Ich bin zurzeit mit Nichtstun beschäftigt.“ Da ist er, der „göttliche Funke“.
Froh den Arztbesuch ohne größere Strapazen überstanden zu haben geht es im gemächlichen Spaziergängertempo nach Hause. Das swingt und ist schön blöd: „Bin so beschäftigt mit Nichtstun, bin so busy mit ausruhen“. Fertig. Jedenfalls bis hier hin.
Nachdem sich die Atmosphäre der entspannten, leichten Muse mit der Zeile aufgedrängt hat, beginnt die Arbeit. Die ist nichts für schwache Nerven.
Sind schon die eigenen Ambivalenzen von „geht gut bis Oberdoppelmist“ schwer auszuhalten, sind die Reaktionen der nächsten Mitmenschen auf die ersten Töne so eine Sache zwischen Leben und Tod einer Idee.
An dieser Stelle gilt es auch einmal den Dank auszusprechen für freundliche Ermutigungen der zwei Personen, denen ich meine Einfälle zum ersten Probehören übersende. Auch wenn beim ersten und wiederholten Hören zwischen den Kopfhörermuscheln bestimmt öfter die Augenbrauen hochgezogen werden und sich dann bestenfalls eine nachsichtige Milde à la „lass ihn mal, der Junge spielt mal wieder rum“ ausbreitet.
Das was man schon im Kopf fertig hört, ist ein Versprechen. Wären da nicht die Grenzen fehlender musikalischer Ausbildung und unzureichenden Spielfertigkeiten die einen auf den Boden der Tatsachen halten, wäre das Versprechen schnell eingelöst.
Es sind Entscheidungen zu treffen. Songform, Arrangement und Text mit den singbaren Silben kommen nicht automatisch. Versuch und Irrtum auf der Basis von alten Rezepten aus dem Kochbuch der „Mucker“ ist ein abenteuerliches Handwerk.
Bleibe ich bei dem Bild „Kochen“, dann weiß ich, dass Aromastoffe aus der Packung nur ein schales „es schmeckt wie“ und nie ein „das ist es-Gefühl“ auslösen. Also, Finger weg von Konvenienz, Bohnen aus der Dose und künstlichen Aromen aus der Magie-Flasche.
Nun bin ich aber kein Paul Bocuse am Herd. Auch die aus dem Dilettantismus und einem unerschütterlichen Selbstbewusstsein geborene Genialität des ersten westdeutschen Fernsehkochs Clemens Wilmenrod mit seinem Toast Hawaii ist mir nicht gegeben. Was nun?
Einfache Kost mit wenigen Zutaten, die nicht als mehr erscheinen sollen, als das was sie sind. Auch ein Butterbrot kann schmecken.

In einem Radio-Interview wurde der Musiker Ray Davies (The Kinks) nach einem Rezept für den perfekten Song befragt. In typischer Selbstironie des britischen Gentlemans beantworte Ray Davies die Frage sinngemäß so:
Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Kind und kommen auf eine Party von Erwachsenen. Nun wollen Sie die Erwachsenen für drei Minuten unterhalten und deren uneingeschränkte Aufmerksamkeit erhalten. Nach einem furiosen Einstieg kommen Sie schnell zum Thema. Damit die Gäste nicht merken, dass Sie eigentlich immer das gleiche spielen, bauen Sie eine kurze Variation ein. Nun kommen Sie zurück zum Thema und bevor es langweilig wird rasch zum Schluss.
Vielleicht hat Ray Davies mit Lola genau so einen perfekten Song komponiert. Es ist alles schon dagewesen und man kann das Rad wahrscheinlich nicht neu erfinden. Nur ein wenig an der Bauweise und dem Design arbeiten.
Die „eigene Note“ kommt von allein. Auch sie ist meist schon lange da. Man muss einfach nur herausbekommen wer man ist und nicht wer man sein möchte. Der Rest ergibt sich.
In diesem Sinne hier das neueste Werk des gesammelten Blödsinns und der leichten Muse von Archie Ancora & His Motorboats: „Beschäftigt mit Nichtstun“.
Christian W. Eggers – 19. September 2024 – christian@stompology.org – (letzte Aktualisierung dieses Artikels am 20. September 2024)