Wer alles Alte bewahrt, verbaut sich den Raum für Entwicklungen. Wer alles wegwirft, beraubt sich seiner individuellen Geschichte. Sich von Altem zu trennen, etwas zu bewahren oder Neues auszuprobieren – das sind Überlegungen, mit denen sich Musikerinnen und Musiker bei einer Musikproduktion wahrscheinlich häufig beschäftigen.
Beispiel-Song „Annas Kater Onkel Piet“: eine Kompromisslösung zwischen sehr alten und neueren Elementen – sowohl in der Komposition des Drumparts als auch in der Mischung aus analoger und digitaler Tontechnik zur Produktion eines Musiktitels.Audio „Annas Kater Onkel Piet“
Rhythmus–Synthese aus New Orleans Parade Drumming und Rock’n’Roll
Ein spannendes Musik-Thema ist die Fusion von sehr alten Spielweisen mit neuerer Musik. Im Vergleich zur traditionellen Spielweise der Drums einer New Orleans Parade mit ihrer über einhundertzwanzig Jahre langen Tradition ist Rock’n’Roll modern. Auch für die Musikrichtung Hip-Hop kann die Parade-Rhythmik der Straßenumzüge aus New Orleans eine Fundgrube sein. (1)
Die Herausforderung liegt darin, die Parade-Drums mit ihren losen Presswirbeln und der leicht swingenden Basstrommel nach heutigen Hörgewohnheiten „steady“ wiederzugeben und dennoch den Charakter eines Parade-Grooves zu erhalten.
Da der Drummer der „Motorboats“ (Verzeihung Archie!) nicht über die motorischen Fähigkeiten eines Earl Palmer zum melodischen Bassdrum Spiel verfügt und das ohnehin schon stark strapazierte Budget keinen Studio Drummer erlaubt, wurde der Part der Bassdrum von einem Computer übernommen.
Bassdrum aus der Maschine
Notenbild der 4-taktigen Bassdrum Figur des BeispielsongsAudio der einzelnen Spur der Bassdrum. Es kommt einem Tabubruch gleich, den hier regelmäßig vertretenen Grundsatz „keine Computer“ zu brechen. Die komplexe 4-taktige Figur einer Second Line Basstrommel-Figur stammt aus der „klingenden Notation mit leichtem Swingfaktor“ der Noten, die in das Notenschreibprogramm zuvor eingegeben worden.
Die digital erzeugte Bassdrum und die getretene Hi-Hat wurden vom Computer auf eine alte Mono-Bandmaschine überspielt und anschließend wieder auf den Aufnahme-Computer zurückgespielt. Damit der Sound der Bassdrum aus dem Computer etwas „menschlicher“ klingt, wurde die Basstrommel mit dem Spiel einer echten Trommel gedoppelt. Das Ergebnis diente als Grundlage für das „handgemachte“ Spiel der Snare Drum, der Bassgitarre und aller weiteren Ereignisse.
MarschSnare Drum
Im nächsten Schritt wurde die Snare Drum Figur auf eine weitere Spur synchron zur Bassdrum getrommelt.
Notenbild zur 2-taktigen Figur der Snare Drum
Audio zur Snare Drum
Der vollständige Basis-Groove von „Annas Kater Onkel Piet“
Notenbild des Basis Grooves
Audio zum Basis Grooves
Analoge Technik und digitale Technik vereint
Trotz der inzwischen unübersehbar zahlreichen Tools zur digitalen Soundgestaltung hat es beim Aufnehmen mit einem Computer Sinn, analoge Komponenten und ältere Aufnahmetechniken in den Beginn einer Produktionskette zu integrieren. Sie prägen den Sound und das Flair.
Die Auswahl und Positionierung von Mikrofonen, der Gitarrenverstärker und der Einsatz analoger Effektgeräte ermöglichen es, der Aufnahme einen individuellen Touch zu verleihen.
Digitale Tonmischung Sobald alle Gesangsstimmen und Instrumente Spur für Spur aufgenommen sind, kann es sich lohnen, einen Profi zu beauftragen, der dem „Machwerk“ mit aktuellen Mitteln – einer Digital Audio Workstation (DAW) – den letzten Schliff verleiht.
Der Screenshot zeigt die Tonbearbeitung der Bassgitarre des Beispiel-Songs. Die Nachbildung historischer Geräte der Tontechnik und deren Integration in eine Digital Audio Workstation (DAW) eröffnet die Möglichkeit die Effekte sündhaft teurer Hardware digital zu simulieren.
Für den Beispiel-Song „Annas Kater Onkel Piet“ hat das der Musikproduzent und Schlagzeuger Christoph Buhse übernommen. Er setzte das Programm „Logic“ ein und verwendete Plugins, die alte Studiotechnik simulieren. So auch ein Tool, das den Mono-Kompressor „1176“ aus den 60er Jahren von Universal Audio emuliert.
Analoges Mastertape Sind digitale Abmischungen und das digitale Mastering gelungen, kann anschließend und abschließend analoge Technik auf einfache Weise eingesetzt werden. Man nimmt das zuvor digital gemixte Ergebnis einfach mit einer Bandmaschine „hoch ausgesteuert“ vom Computer auf.
Tonband-Master des Beispielsongs, aufgenommen mit einem Stereo-Heimtonbandgerät Revox A77.
Zum Abschluss ein Zitat passend zum Thema „Altes und Neues“. Es stammt von Ray Davies aus dem Song The Village Green Preservation Society von den Kinks.
Preserving the old ways from being abused Protecting the new ways for me and for you What more can we do
In diesem Sinne: Ich wünsche viel Freude beim Experimentieren, Ausprobieren und dem Mischen von Altem und Neuem.
Christian W. Eggers – 29. November 2024 – christian@stompology.org (letzte Aktualisierung dieses Beitrags am 2. Dezember 2024)
Der Text „Annas Kater Onkel Piet“ ist hier als Download abrufbar. Dank an Christoph Buhse (Füssen) für das kritische Hören und die Tonmischung und Dank an Gregor Hinz (Kiel) für die zeichnerische Umsetzung im Video zu „Annas Kater Onkel Piet“.
Die Möglichkeit, eine Perle der Audiotechnik der 50er Jahre in Funktion erleben zu dürfen, besteht nicht häufig. Der Kieler Entwickler von Röhrenverstärkern Peter Wolff hat ein Telefunken Ela V504 Röhren-Mischpult vollständig instand gesetzt und für einen Test im stompology.org Mini-Studio zur Verfügung gestellt.
Die untere Reihe der Drehknöpfe dient zur Pegeleinstellung der 5 Kanäle. Die mittlere Reihe zeigt die beiden Klangsteller und rechts daneben einen Wahlschalter für die Hochpegelquellen Tonbandgerät, Radio und Plattenspieler. Die oberen drei Einsteller sind für die Stärke der Summe aller 5 Kanäle bestimmt. Die Regler 2 und 3 haben dann eine Funktion, wenn die gemischten Signale der genutzten Kanäle an weitere Geräte als nur an ein einziges Bandgerät abgegeben werden.
Der Schaltplan des Telefunken Mischpults V504
Das kompakte Röhrenmischpult Ela V504 wurde von 1953 bis 1959 als Reisemischpult und Kleinstudiogerät angeboten. In der Funkschau 1958 / Heft 22, Seite 525 wurde das Gerät als ein „kommerzielles Reise-Mischpult“ vorgestellt. Mit seinen 12 kg und seiner Kompaktheit ist das Mischpult im Holzkoffergehäuse mühelos zu transportieren. Der Preis des Mischpults betrug damals 1.090 DM.
Aktuelle Relevanz des Oldtimers
Das Gerät ist nicht allein für Sammler alter Studiotechnik interessant. Verwendung findet das Telefunken Ela V504 als Röhrenvorverstärker für Mikrofone in Kombination mit digitaler Aufnahmetechnik. So befindet sich dieses Modell auch im Fundus zweier Verleihunternehmen professioneller Studiotechnik.
Aufbau der Test-Aufnahme
Für unseren Test zur Aufnahme eines Drumsets haben wir das Mischpult so verwendet, wie es damals gedacht war: nicht als Mikrofon-Vorverstärker, sondern als Mono-Mischpult, dessen Ausgang unmittelbar mit einer Mono-Bandmaschine, hier ein Telefunken M24 von 1958, verbunden wurde.
Das Telefunken Ela V504 ist mit Großtuchel-Buchsen für die Mikrofon-Eingänge versehen. Damit die Kompatibilität mit neueren Mikrofonen besteht, wurden vier Mikrofon-Adapter „Großtuchel auf XLR“ angefertigt.
Eingang 1 und Eingang 2 sind vom Hersteller des Mischpults für dynamische Mikrofone vorgesehen (Verstärkung 66 bis 70 dB), die Eingänge 3 und 4 (Verstärkung bis 53 dB) sollen für Kondensator-Mikrofone nutzbar sein.
Die Rückseite des Telefunken Ela V504. Neben Mikrofonen können auch Hochpegelquellen, Plattenspieler (mit eigenem Entzerrer) und Bandgeräte angeschlossen werden. Rechts im Bild sind die vier Mikrofonbuchsen zu sehen.
Von den vier Eingängen für Mikrofone wurden im Test drei verwendet. Für die Schlagzeug-Probe-Aufnahme wurden Eingang 2 für die Abnahme der Bass Drum und Eingang 1 für die Abnahme von Hi-Hat und Snare Drum genutzt.
Ein Overhead-Mikrofon mit einer Halleffekt-Beimischung mittels einer Grundig-Hallspirale wurde mit Eingang 3 verbunden. Der Eingang 4 für ein weiteres Mikrofon und der Eingang 5 für Einspielungen von Bandgerät, Plattenspieler und Radio blieben ungenutzt.
Die Bass Drum wurde mit einem Beyer M410 am Resonanzfell abgenommen. Zwischen Snare Drum und Hi-Hat wurde ein Sennheiser MD421 platziert und ein einfaches Kondensatormikrofon neueren Datums mit der Aufschrift Neewer diente als Overhead.
Das Mischen
Das Mischen der unterschiedlichen Signale mit ihren gewünschten Lautstärken erfolgt über die Einsteller der einzelnen Eingänge. Die beiden Klangsteller für Höhen und Tiefen wirken auf alle 5 Kanäle. Es bedarf also etwas Fingerspitzengefühl bei der Aussteuerung und der „Soundfindung“.
Wichtig wird damit auch die Auswahl und die zur Aufnahme passende Platzierung von Mikrofonen. Denn hiermit lässt sich schon vieles erreichen, ohne dass viel an den Reglern „gekurbelt“ werden muss.
Den Aussteuerungs-Pegel zeigt grob ein „magischer Fächer“ an. Ein kleiner eingebauter Monitor-Lautsprecher dient zur ersten „Abhöre“. Sehr viel genauer überprüfen lässt sich das Ergebnis der Mischung mit einem hochohmigen Kopfhörer, der direkt am Mischpult angeschlossen werden kann und der den eingebauten Lautsprecher nach Verbindung „automatisch“ abschaltet. Hiermit können Übersteuerungen am einfachsten erkannt werden.
Die Aufnahme – Jazz Besen Snare Drum, Hi-Hat und Bass Drum
Für die Aufnahme wurde ein kurzer Schlagzeugpart für Bass Drum, gewischte Besen auf der Snare und Hi-Hat gespielt. Nach zwei ersten Test-Aufnahmen und leichten Korrekturen der Mikrofonaufstellungen am Set war es dann endlich soweit: 1-2-3-4-1-2-3-GO!
Zu hören ist eine Schlagfolge bestehend aus Bass Drum, leise mit den Jazz Besen gewischter Snare Drum und einer auf den Zeiten Zwei und Vier getretenen Hi-Hat.
Die Audio-Datei ist völlig unbearbeitet damit der Klangeindruck nicht verfälscht wird. Digital zu hören ist das, was das Bandgerät an die Aufnahmesoftware wiedergegeben hat. Ohne irgendwelche nachträglichen anlogen und digitalen Korrekturen. Aufgenommen wurde das Schlagzeug in einem stark gedämmten kleinen Raum.
Video-Impressionen zur Nutzung des Ela V504
Fazit zum Telefunken Ela V504 Mischpult
Verdammt! Wären Archie Ancora & His Motorboats doch nun endlich mal in der Lage einen kommerziellen Erfolg zu landen. Dann würden wir auch tiefer in die Tasche greifen können und dieses Mischpult sofort erwerben.
Das „Reise-Mischpult“ Ela V504 ist tatsächlich eine Reise-Mischpult. Es nimmt einen auf eine Reise in die frühe Zeit der Audioproduktion mit.
Den von vielen Musikern und Musikerinnen gewünschten „warmen“ Klang produziert das Mischpult ganz selbstverständlich aus seiner Natur heraus. Man bekommt ohne „Rumtricksen“ einen 1:1 Eindruck von der Qualität der Aufnahmetechnik der 50er Jahre.
Es war ein riesiges Vergnügen mit dem robusten und übersichtlichen Gerät als Tontechniker-Laie eine „echte“ Röhren-Testaufnahme machen zu dürfen.
Christian W. Eggers – 20. Oktober 2024 – christian@stompology.org – (letzte Aktualisierung dieses Beitrags am 21. Oktober 2024)
Im österreichischen Fieberbrunn hat es sich ein junges Team zur Aufgabe gemacht, die Werke internationaler Künstlerinnen und Künstler nach Bestellung auf Vinyl zu bannen. Im Interview mit stompology.org berichtet Mitinhaber des dr.dub vinyl recording serviceMarkus Waltl über das Pressen von Schallplatten im Zeitalter des Musik-Streamings.
Der dr.dub recording service verfügt inzwischen über vier Studios zur Herstellung von Vinyl Tonträgern
stompology: Markus, zunächst herzlichen Dank für die spontane Zusage für dieses Interview.
Im Jahr 2010, also zum Gründungsjahr des dr.dub vinyl recording service, wurden in Deutschland lediglich noch fünfhunderttausend Langspiel-Schallplatten verkauft. Demgegenüber stand laut Wikipedia der Verkauf von knapp 99 Millionen CDs in Deutschland. Heute ist die Vinyl-Schallplatte wieder angesagt. So soll der Umsatz durch den Verkauf von Schallplatten den der CDs im Jahr 2022 sogar übertroffen haben.
Wie seid Ihr damals auf die Idee gekommen ausgerechnet Schallplattenpressungen als Dienstleister anzubieten?
Markus: Das mit 2010 ist so nicht ganz richtig – Dr.Dub gibt’s schon seit 2003. Angefangen hat das alles mit einer „Saufidee“ von den Gründern Mex & Nik. Nik hatte einen Hintergrund im Reggae/Soundsystem Bereich, in denen oftmals „Dubplates“ verwendet werden. Eine Dubplate ist eine Lackfolie, die nur einmal bzw. in sehr geringen Stückzahlen hergestellt wird. Daher auch der Name „Dr. Dub“.
2018 haben wir (Andy & Markus) dann Dr. Dub übernommen und ausgebaut. Mittlerweile kann man eine Platte mit Coverdruck, Labeldruck und Picturedisc im Onlineshop umfassend selbst gestalten.
Das Team: Andy Eppensteiner, Markus Waltl, Hannes Eubling und Benni Ortner
stompology: Wo und wie habt Ihr Euch das Wissen und Können zur Schallplattenherstellung angeeignet?
Markus: Eine wirkliche Ausbildung gibt’s für die Herstellung bzw. den Schnitt von Platten nicht (mehr). Vieles davon basiert auf altem, teilweise verloren gegangenem Wissen, welches man sich selbst wieder erarbeiten muss.
Bei der Übergabe 2018 haben uns die beiden Gründer umfassend eingeschult, aber vieles muss man einfach selbst herausfinden. Andy hat einen Hintergrund als Elektrotechnikingenieur und auch (ich) Markus bin mit Musik und Elektrotechnik aufgewachsen. 2020 ist noch Hannes zu unserem Team hinzugestoßen – er war mit Andy in der Vergangenheit in einer Band.
Am wichtigsten sind ein analytisches Gehör und der Wille, dauernd etwas Neues zu lernen. Andere hilfreiche Formate sind z. B. das Forum lathetrolls.com, in dem sich „Lathe Freaks“ weltweit über das Cutten von Schallplatten austauschen.
Wir versuchen immer, dass die Platte möglichst nah ans Ausgangsmaterial herankommt aber trotzdem wird eine Platte immer ihren eigenen Charakter haben. Und das ist auch gut so!
stompology: Ich kenne CDs, die nicht gut klingen, aber auch Schallplattenpressungen, die grausam klingen. Was macht für Dich und Dein Team eine gelungene Vinyl-Pressung aus?
Markus:Das Wichtigste für eine gelungene Pressung ist das Ausgangsmaterial. Man muss beim Mastern auf die physikalischen Limits einer Schallplatte achtgeben. Material, welches durchgehend am Limiter (Stichwort: Loudnesswar) ansteht, wird auf Schallplatte meist nicht gut klingen. Grundsätzlich ist es so, dass die Gegebenheiten einer Platte das Material immer verändern.
Wir versuchen immer, dass die Platte möglichst nah ans Ausgangsmaterial herankommt aber trotzdem wird eine Platte immer ihren eigenen Charakter haben. Und das ist auch gut so!
stompology: Ihr bekommt ja zunächst Songs als Datensatz. Wie stark müsst Ihr dieses Daten bearbeiten, damit sie auf Platte gut klingen?
Markus: Im Optimalfall müssen wir fast nichts bearbeiten – das ist aber selten. Tools, die wir oftmals nutzen, umfassen Monofilter (Stereokorrelation, vor allem im Bassbereich muss im Auge behalten werden), De-Essing bei Zischlauten von Stimmen und Kompression/Equalizing und spezielle Filter, welche für das Vinylmastering ideal sind.
Das Ganze passiert teilweise in der DAW (DAW steht für Digital Audio Workstation; Anmerkung der Redaktion), aber viel auch mithilfe unserer externen Geräte in der Signalkette „Outboard“. Je nach Plattenformat, RPM und Spiellänge einer Plattenseite müssen auch die Songs mit dem entsprechenden Pegel geschnitten werden. Starke Pegelausschläge im Ausgangsmaterial müssen dabei auch immer berücksichtigt werden und ggf. angepasst werden, damit der passende Rillenabstand eingehalten wird.
Ein ganz wichtiger Bestandteil beim Disc-Recording ist außerdem, dass im Vorverstärker des Schneidkopfes die RIAA Schneid-Kennlinie angewendet wird (eine genormte EQ Kurve), damit die Frequenzen physikalisch so effizient wie möglich in der Rille untergebracht werden können. Deshalb benötigt man beim Abspielen auch wieder einen Phono-Vorverstärker.
stompology: Was ist aus Deiner Sicht bei der digitalen Vorarbeit einer Künstlerin oder eines Künstlers das Wichtigste, damit die Aufnahme auch als Schallplatte gut klingt?
Markus: Wie soeben erwähnt, macht es Sinn, wenn das Material nicht auf maximale Loudness gedrillt wird, sondern noch Dynamikumfang beibehält. Was auch Probleme macht, sind zu starke Stereoeffekte/Phasing unter ca. 300hz, sowie unausgeglichene exzessive Höhenanteile (z. B. Cymbals, S-Laute).
Der Anteil von Frequenzen ab ca. 12khz-15khz sollte nach oben hin abnehmen und nicht zunehmen (Low Pass). Songs mit vielen Höhenanteilen oder viel „Lärm“ gehören an den Anfang der Platte. Je weiter man ins Innere kommt desto stärker hörbar werden Verzerrungen, da die Rille mit abnehmendem Durchmesser der Platte immer mehr „gestaucht“ wird und eine verlustfreie Abtastung vom Tonabnehmer schwieriger wird. Hochwertige Tonabnehmer/Nadelschliffe sind da überlegen und gleichen diesen Nachteil oft gut aus, aber es soll ja möglichst auf jedem Turntable gut klingen!
Auch Band hat genau wie Vinyl seine Grenzen, welche aber für das menschliche Gehör als sehr angenehm empfunden werden.
stompology: Ich hatte Euch zwei meiner Songs zur Pressung geschickt (Erfahrungsbericht). Diese Songs hatte ich vor der endgültigen Digitalisierung mit einer Bandmaschine gemastert. Die Idee war dabei den Sound „analoger“ zu machen. Esoterischer Quatsch oder „eine gute Idee!“?
Markus: Auch ein Magnetband hat Limits und Bandsättigung, daher kann es durchaus Sinn machen, vor dem digitalen Mastering noch analog zu mastern, da man dann auch bereits in die „Schranken“ des analog Möglichen geleitet wird.
Auch Band hat genau wie Vinyl seine Grenzen, welche aber für das menschliche Gehör als sehr angenehm empfunden werden. Analoge Geräte fügen zusätzlich eine „Färbung“ des Klangs hinzu, die oftmals sehr harmonisch klingen kann. Wenn es natürlich um die klinische Reinheit und Klangtreue geht, ist jeder Eingriff mit analogen Geräten destruktiv. Aber dann kann man auch direkt CDs oder digitale High-Res Dateien hören.
Video des dr.dub recording service zur Anfertigung einer Schallplatte
stompology: Ich besitze eine original Single von Bill Haley „Rock Around the Clock“. Wenn ich sie heute höre, dann klingt sie im Sound und im Mono-Mix immer noch so frisch wie es damals und in allen darauffolgenden Jahrzehnten klang. Welches Geheimnis mag dahinterstecken?
Markus: Platten haben gegenüber anderen analogen Formaten wie Kompaktkassetten den Vorteil, dass ihr Verschleiß geringer ist, wenn man sie richtig behandelt. Sie bestehen aus dickem PVC und können bei guter Lagerung ewig halten, während Kassetten aus dünnem, magnetisiertem Kunststoff bestehen, der weniger langlebig ist.
Eine Platte ist ein einfaches, bewegungsloses Objekt ohne komplizierte Teile oder Elektronik, was die Wahrscheinlichkeit von Schäden verringert.
Solange das Rillenmuster intakt ist, bleibt sie funktionsfähig. Im Gegensatz dazu unterliegt der Tonabnehmer einem gewissen Verschleiß, da die Nadel und der Gummi im Nadelträger im Laufe der Jahre abnutzen.
stompology: Warum glaubst du werden im Jahr 2024 noch Schallplatten gehört?
Markus:Eine Schallplatte ist natürlich im Zeitalter von Streaming usw. sehr viel umständlicher und schwieriger in der Handhabung und auch viel kostenintensiver.
Der Aufwand zahlt sich aber unserer Meinung nach aus, da man eine Schallplatte wirklich selbst besitzt und die Audiodateien nicht auf einem Server einer großen Corporation liegen. Zusätzlich hört man viel bewusster und aufmerksamer zu, wenn man ein Album auf den Plattenteller legt und sich die Zeit nimmt, dieses als Ganzes durchzuhören.
In unserer schnelllebigen, medienüberfluteten Welt ist es selten geworden dass man sich eine Stunde für eine Sache Zeit nimmt. Da ist eine Platte ähnlich wie ein gutes Buch und ein gutes Gegenmittel gegen unsere immer kürzer werdenden Aufmerksamkeitsspannen.
stompology: Auf Eurer Website ist zu sehen, dass wirklich aus fast allen Musikgenres Aufträge zur Pressung kommen. Also, von Nostalgikern bis hin zum Rave-Festival DJ. Welche Musikrichtungen machen Dir persönlich Spaß und hörst Du privat auch Schallplatten? Oder ist man froh, wenn nach Feierabend endlich mal Ruhe ist?
Markus: Wir besitzen alle privat auch Platten, die wir gerne hören. Unser zweiter Mitarbeiter Benni hat zuhause eine Plattensammlung von ca. 8000 Stück von Abba bis Zappa. Allgemein sind wir hier in den Dr.Dub Studios am ehesten im Rock/Blues/Psychedelicrock/Stonerrock-Bereich angesiedelt. Aber auch viele Electronic, Trip-Hop und Reggae Alben stehen herum.
stompology: Vielen Dank für dieses ausführliche und informative Gespräch! Ich wünsche Dir und Deinem Team weiterhin Freude an Eurer Arbeit und viele interessante Momente beim Herstellen der „magischen Scheiben“.
Das Interview wurde schriftlich geführt. Die Fragen stellte Christian W. Eggers – 11. Oktober 2024 – christian@stompology.org- (letzte Aktualisierung am 17. Oktober 2024). Die Fotos in diesem Beitrag wurden vom dr.dub recording service zur Verfügung gestellt.
In diesem Beitrag geht es um die Erfahrung eigene Songs auf einen Vinyl-Tonträger pressen zu lassen.
Ein Gedanke vorab
Warum eigentlich im Zeitalter der digitalen Musikproduktionen und der Online-Distribution von Kunst jeder Art noch eine Schallplatte pressen lassen? Wahrscheinlich muss man ein Dichter sein um das ausdrücken zu können, was sich der Vernunft schwer erschließt.
To The Bone
„The needle pierced just like a nail As she rocks me to the bone Knocks me to the bone“
Mit diesem Zitat aus dem Song „To The Bone“ von den Kinks über das Gefühl beim Auflegen und Hören einer „Scheibe“ soll dann auch an dieser Stelle der Diskussion um das „Für und Wider“ der Vinyl-Pressungen genüge getan sein. It knocks you to the bone! Andere lässt es kalt. Auch in Ordnung.
Beide Songs wurden ursprünglich digital aufgenommen, anschließend mit einer Bandmaschine gemastert, danach erneut digitalisiert und dann, ohne weitere Eingriffe, im Wav-Format zur endgültigen Pressung an einen Hersteller von Schallplatten online übermittelt.
Tontechnische Anforderungen
Bei den digitalen Aufnahmen der zwei für Vinyl ausgesuchten Songs wurde so vorgegangen, dass sie sich für die technischen Besonderheiten der Wiedergabe über einen Schallplatte eignen. Hilfreiche Tipps hierfür sind in Fachartikeln und den Hinweisen der Presswerke zu finden.
In unserem Beispiel wurden weitgehend die Hinweise des Tontechnikers Nick Mavridis beachtet. Der Artikel 12 Fehler, die beim Mixing für Vinyl gemacht werden kann auf bonedo.de gelesen werden. Ein Interview mit dem dr.dub recording service auch über die technischen Voraussetzungen zur Herstellung von Schallplatten ist hier zu lesen.
Schallplatten Hersteller finden
Sucht man über das Internet Hersteller für Schallplatten auch in kleinen Auflagen und sogar für Einzelanfertigungen, wird man überraschend schnell fündig. Es gibt inzwischen mehrere Anbieter mit umfangreichen Angeboten.
Archie und die Jungs haben sich für den österreichischen Plattenhersteller Dr. Dub entschieden. Einzelanfertigung, unkomplizierte und übersichtliche Online-Bestellung sowie eine beeindruckende Referenzliste waren für die Wahl ausschlaggebend. Der Preis für die Einzelanfertigung lag bei rund fünfzig Euro inklusive Versand.
Ja, das ist eine Schallplatte!
Auspacken, der Geruch, auflegen, Teller starten, die Nadel absenken und gespannt warten auf den ersten Ton. Wie kann man eigentlich das „Erlebnis Schallplatte“ über das Internet vermitteln?
Ok, aber hier ist die digitalisierte A-Seite der Platte, der Regenbogenboogie, zu hören.
Audio „Regenbogenboogie“ erstellt von der Vinyl-Pressung
Gegenüber der digitalen Aufnahme sowie dem Tonband-Master dieser Aufnahme kommen mit dem Abspielen der Platte zwangsläufig andere mitbestimmende Faktoren für den Klang der Aufnahme in das Spiel. Nämlich die Hardware zum Abspielen und Hören der Schallplatte: Schallplattenspieler und Vorverstärker für die Wiedergabe von Schallplatten.
Die hier zu hörende WAV-Datei wurde nicht zur Digitalisierung mit der im Aufmacherbild zu sehenden nostalgischen „Kreissäge“ aus den großen Zeiten der Kieler Unterhaltungselektronik abgespielt. Das wäre wahrscheinlich deutlich in Richtung Lo-Fi gegangen und hätte die „Scheibe“ beschädigt.
Beim Hören der zur Bannung auf Vinyl übermittelten Dateien ist es mir nicht möglich mit meinen Ohren und meiner „Abhöre“ klangliche Unterschiede gegenüber dem Abspielen des Songs der Platte über den Plattenspieler festzustellen.
Fazit zum Test
So ein physischer Tonträger macht Spaß. Die Handhabung des rotierenden Hardware-Gedöns ist die Attraktion für Nostalgiker wie Archie Ancora mit seinem 50er Jahre Sound. Schön ist es auch „etwas in der Hand“ halten zu können. Ähnlich eines Fotoabzugs eines bisher digital bestehenden Bildes.
Das Klangbild entspricht exakt dem der eingereichten Datei. Aber: es knistert und rauscht schon ein wenig. Das ist hörbar; insbesondere vor dem Einsetzen des Intros und nach dem letzten Ton der Songs. So soll es sein! Ich wäre schwer enttäuscht gewesen, wenn nicht.
Christian W. Eggers – 8. Oktober 2024 – christian@stompology.org – (letzte Aktualisierung dieses Beitrags am 11. Oktober 2024)