Wie man ein altes Röhrentonbandgerät aus dem Dornröschenschlaf erweckt

Ein Drama in drei Akten von Klaus Diemer

Akt 1 – Vorgeschichte

Ein Freund von mir hatte ein Grundig TK 30 erworben, ein Röhrentonbandgerät aus den 50er Jahren. Zunächst ging bei ihm alles gut. Das Band lief an und der Sound war klar und kräftig.

Die Aufnahmen hatten jedoch sehr betonte Höhen. Aber bevor weitere Tests folgen konnten, kam plötzlich nur ein ganz leiser Ton aus dem Lautsprecher, dafür wurde ein markanter Brumm hörbar und zwar unabhängig von der Stellung des Lautstärkereglers, also auch bei Stellung „Null“.

Das Tonbandgerät aus dm Jahre 1958. Ein Grundig TK 30

Mechanisch war dagegen alles so weit OK. Das Band konnte ohne weiteres vor- und zurückgespult werden, auch der normale Bandlauf funktionierte ohne Probleme. Aber was nutzt die beste Mechanik, wenn aus dem Lautsprecher nur ein ganz leiser Ton kommt, dazu von einem deutlich vernehmbaren Brumm überlagert?

So fasste mein Freund den Entschluss, mir das Tonbandgerät zur weiteren Prüfung zu übersenden. Keine einfache Sache, denn das Gerät wiegt fast 20 Kilo. So ging eine ehemalige Weinkiste mit der kostbaren Fracht aus dem hohen Norden in den tiefen Süden auf die Reise. Genauer gesagt von Kiel in Schleswig-Holstein nach Bad Füssing in Niederbayern. Die gute alte Post schaffte es tatsächlich, das schwere Paket innerhalb kürzester Zeit zum Zielort zu bringen.

Optisch gab es nichts zu mäkeln

Nach dem Auspacken ging es zunächst einmal an die erste optische und technische Prüfung. Optisch gab es nichts zu mäkeln. Für sein Alter sah das Gerät wirklich tadellos aus. Keine Verschmutzungen, keine Brüche, Kratzer, Dellen oder Ähnliches, alles war einfach spitzenmäßig.

Das Grundig TK 30 hat weder Kratzer noch rostige Stellen

Dieser erste Eindruck trübte sich dann allerdings schnell, nachdem ich den Einschalter betätigt hatte. Die Maschine lief zwar gut an, es war auch ein Licht zu sehen, aber dann kam dieser unsägliche Brumm. Um nicht mehr Beschädigungen zu riskieren, schaltete ich das Gerät erst einmal aus und machte mich an die Besichtigung der Innereien.

Akt 2 – Besichtigung und Erneuerungen

Das schwere Metallchassis des TK 30 ist in ein massives Holzgehäuse eingebaut. Es ist mit vier Muttern auf feststehenden Schrauben, die in Gummifüße eingelassen sind, montiert. Der Lautsprecher ist über ein zweiadriges Kabel über einen abziehbaren Stecker mit dem Chassis verbunden. Nach Herausziehen des Steckers lässt sich das Chassis nach Lösen der Muttern leicht nach oben herausheben.

Der Autor weist eindringlich darauf hin, dass bei den Arbeiten an Röhrengeräten wegen der hohen Spannungen äußerste Vorsicht geboten ist. Dies gilt zwar für alle Geräte, in deren Gehäuse ein Netztrafo eingebaut ist, aber im Gegensatz zu transistorisierten Geräten liegen bei Schaltungen mit Röhren an vielen Stellen hohe Gleichspannungen an. Diese können mittelbar oder unmittelbar zu Schäden führen, bis hin zu einem tödlichen Schlag.

Wie erwartet waren im Innern des Gerätes eine Menge alter Bauteile verbaut. Wobei hiermit nicht nur das Lebensalter, sondern der technische Stand der verbauten Teile gemeint ist.

Schweizer Kracher und Malzbonbons

Als erstes fielen die Kondensatoren auf. Da gab es zunächst einmal die „Malzbonbons“, die schwarz-braunen, schön geformten Kondensatoren, die wegen ihrer Ähnlichkeit mit den früher beliebten Malzbonbons diese Bezeichnung haben. Und dann waren auch gleich die Papierkondensatoren zu erkennen, die wegen ihrer Ähnlichkeit mit Feuerwerkskörpern „Schweizer Kracher“ genannt wurden.

Diese Kondensatoren haben mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nach all den Jahren keine Funktion mehr. Und dann gab es noch die kleinen Styroflex–Kondensatoren, die auch schon bessere Zeiten erlebt hatten.

So zeigte sich das Gerät mit den Malzbonbons (ganz rechts im Bild) und „Schweizer Krachern“

Und hier nach Einbau der Folienkondensatoren

Hier sieht man deutlich, dass die alten Anschlussdrähte wiederverwendet wurden

Alle vorgenannten Kondensatoren können durch moderne Folienkondensatoren mit entsprechender Spannungsfestigkeit ersetzt werden. Dies gestaltet sich problemlos, weil diese Bauteile leicht zu bekommen sind und ohne Schwierigkeiten eingelötet werden können.

Es bietet sich an, die alten Kondensatoren so abzuzwicken, dass die Anschlussdrähte noch vorhanden sind. So lassen sich die neuen Kondensatoren, die im allgemeinen kürzere Anschlussdrähte haben, einfacher anlöten. Polaritäten sind nicht zu beachten, wohl aber die richtigen Kapazitätswerte und Spannungsfestigkeit. Mit Bauteilen einer Spannungsfestigkeit bis 1000 V ist man auf der sicheren Seite, 630 V oder 500 V sind aber in den meisten Fällen auch einsetzbar.

Als nächstes wurden die Elkos geprüft. Dies lässt sich recht zuverlässig mit einem ESR-Meter bewerkstelligen. Wenn der gemessene Widerstand nur wenige Ohm beträgt, kann man davon ausgehen, dass der Elko noch in Ordnung ist. Es schadet aber auch nicht, diese alten Elkos ebenfalls generell zu ersetzen. Auch hier sollte die Spannungsfestigkeit und natürlich die richtige Polung beachtet werden!

Dann ging es an die Widerstände. Dies ist ein langwieriger Prozess, weil die Widerstände zur Messung mit einem Ohmmeter an einer Seite abgelötet bzw. abgezwickt und nach der Messung wieder angelötet werden müssen.

Als letztes kam die Diode im Kreis des magischen Bandes EM 84 auf den Prüfstand. Diese hatte einen Schluss und sollte durch einen modernen Typ 1N4148 ersetzt werden. Problematisch erschien der Wechsel, weil man an diese Diode nur sehr schwer herankam. Mit etwas Geschick und Fummelei sollte der Tausch aber möglich sein, ohne die gesamte, oberhalb der Diode befindlichen Mechanik, abzubauen.

Akt 3 – Fehlersuche und Reparaturen

Nun kam der spannende Moment. Nach Austausch aller vorgenannten Teile wurde das Gerät eingeschaltet und… der Brumm war nach wie vor vorhanden und der Ton wie vorher nur sehr leise.

Zum Verständnis des weiteren Vorgehens muss man sich die Röhrentechnik vor Augen halten. Eine Röhre hat eine Kathode, ein oder mehrere Gitter und eine Anode. Im vorliegenden Fall ging es um die Endröhre, also die Verstärkerröhre der Endstufe, eine EL 84. Meistens hat der Koppelkondensator zum Steuergitter der NF-Endröhre einen zu hohen Leckstrom. Dadurch verändert sich der Arbeitspunkt der Endröhre. Das führt nicht nur zu Verzerrungen und zu einer Überlastung der Endröhre durch zu hohen Anodenstrom. Durch den zu hohen Anodenstrom ist das Netzteil überlastet und der Brummanteil höher. Diesem Koppelkondensator gehörte deshalb meine Aufmerksamkeit. Ausgetauscht und… der Ton war wieder da, allerdings noch nicht ganz brummfrei. Und was noch schlimmer war als der Brumm: der Ton war stark verzerrt. Diese Verzerrung schwoll mit zunehmender Lautstärke an, irgendetwas brachte die Stufe zum Schwingen.

Jetzt war ein weiterer Blick in das Schaltbild angesagt. Die Endstufe ist gegengekoppelt. Dabei wird die Phase der Gegenkopplung mit steigender Frequenz gedreht. Wenn die Verstärkung größer als eins ist, kommt es zum Schwingen der Stufe. Also muss dort, wo die Phase soweit gedreht ist, dass es schwingen kann, die Verstärkung kleiner eins sein. Hierfür sorgt der zwischen der Anode und dem Steuergitter liegende Kondensator mit 470pF, indem er den wirksamen Widerstand des Elkos mit 8µF soweit reduziert, dass die Verstärkung kleiner eins ist.

Die ausgebauten Kondensatoren

Nach Ersetzen des Styroflexkondensators 470pF waren die Verzerrungen beseitigt. Der Ton war klar und kräftig, aber ab und zu gab es kleinere Aussetzer. Dies ist bei älteren Geräten nicht unüblich, weil die Lötstellen auch nicht mehr die besten sind. Dies ist die am häufigsten vorkommende Ursache für Wackelkontakte. Daher hatte ich an verschiedenen Drähten der Potentiometer für die Lautstärke und dem Klangregler vorsichtig gezogen und schon war der berüchtigte Wackelkontakt da. Hier kam der Lötkolben abermals zum Einsatz. Die Kontakte wurden nachgelötet (vorher wurde das Gerät vom Netz genommen!) und schon war dieser Fehler auch beseitigt.

Die Aufnahme funktionierte auch, aber die Höhen fehlten etwas

Die Aufnahme funktionierte auch, aber die Höhen fehlten etwas. Daher hatte ich den Wiedergabekopf ausgebaut und näher besichtigt. Der Kopf sah zwar noch einigermaßen gut aus, hatte aber einen stumpfen Belag.

Nun kam meine Spezialmethode ins Spiel. Es gibt Schwämme mit einem silbrigen Belag, der etwa einer Körnung von 1200 entspricht. Damit kann man mit etwas Spiritus den Tonkopf feinschleifen, wobei man den Kopf auf der Silberfläche mit ganz leichtem Druck gleichmäßig hin- und her bewegt und dabei der Krümmung des Kopfes folgt. Also so, wie eine Kirchenglocke hin und her schwingt. So konnte ich den Belag entfernen und das Ergebnis war ein hochglänzender Kopfspiegel.

Nach Einbau war eine brillante Aufnahme vernehmbar, mit schönen Höhen und satten Tiefen. Leider gab es immer noch ein leichtes Brummen, wobei ich eine Brummschleife vermutete. Also den Netzstecker um 180° gedreht und auch dieser Brumm war verschwunden.

Nach mehreren Tagen Arbeit, Tests und Suchen war das Problem schließlich gelöst und das Gerät konnte wieder zusammengebaut und auf die Reise in den hohen Norden geschickt werden.

Klaus Diemer – 16. März 2022 – (letzte Aktualisierung dieses Artikels am 20. März 2022)

Der Autor dieses Beitrags, Klaus Diemer, ist leidenschaftlicher Tonbandgeräte-Fan und betreibt als Hobby ein Portal für die Reparatur und Wartung von Geräten der Reihe UHER Report 4000 – 4400 und UHER Report Monitor 4000 – 4400. Die Website von Klaus Diemer: https://www.tonbandservice.de/

Veröffentlicht von Christian W. Eggers

Drummer aus Kiel in Schleswig-Holstein. "Drummer machen Fehler, die meistens laut sind."

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