Kann man eigentlich mit dem Spielmannszug in der Swing-Rhythmik spielen? Vor dieser Frage einer Leserin gab es bei dem Versuch der Umsetzung der Idee „swingender Spielmannszug“ ein heilloses Chaos. Das erinnert ein wenig an die Filmszene aus der Glenn Miller Story, in der der berühmte Bandleader als zum Kriegsdienst eingezogener Soldat einen Infanterie-Marsch zum St. Louis Blues March verwandelt.
Wie auch ein traditioneller Spielmannszug das Swingen lernen kann, davon handelt diese Artikelserie in drei Teilen. In diesem ersten Teil geht es um die theoretischen Voraussetzungen zum Swingen im Stil einer New Orleans Brassband.
Der zweite Teil und der dritte Teil beschäftigten sich mit der Einübung und Umsetzung des „swingenden Spielmannszugs“.
Und hier ist er! Der „Brassband Two Beat Groove“ um den es im folgenden geht.
Lernen von den New Orleans Brassbands
Berühmt für swingende Paraden sind die New Orleans Brassbands. Noch heute ist die oben gehörte Form der rhythmischen Gestaltung in den Straßenparaden der New Orleans Brass Bands erhalten.
Hier ist ein Hörbeispiel einer vollständigen Brassband. In diesem Video ist auch zu sehen, wie die Trommeln und die Becken gespielt werden. Sie sind das Fundament auf dem der Rest der Band swingt.

Zwei grundlegende Spielweisen – Binär und Ternär-Triolisch
Um Missverständnissen vorzubeugen, ist es bedeutsam zu wissen, dass die Rhythmik der New Orleans Brassbands im Wesentlichen auf zwei unterschiedlichen Spielweisen basiert. Diese bestehen ursprünglich in einer mehr lateinamerikanischen Ausrichtung und daneben in der stärker an ursprünglich afrikanische Rhythmen angelehnten Spielweise.

Während der „lateinamerikanische Zweig“ meist nicht swingend gespielt wird (binäre Rhythmik), swingt die afrikanische Ausrichtung der Rhythmik in einer „gedehnten Zeit“ auf der Grundlage eines 6/8-Gefühls.
Diese Spielweise wird auch als „triolische Rhythmik“ bezeichnet. Sie geht aus der ternären Rhythmik hervor. Ein Artikel zum vertiefenden Verständnis der ternären und triolischen Spielweisen ist hier zu finden: Erklärung der binären, ternären und triolischen Rhythmik
Die drei notwendigen Bedingungen für „swingende Spielmannszüge“
Drei Änderungen der traditionell europäischen rhythmischen Auffassung und der Darbietung des Spielmannszugs sind Voraussetzung, damit die Parade swingt.
Die Schritte der Wandlung der europäischen, traditionellen Spielweise in eine swingende Musik-Parade im Stil der New Orleans Brassbands bestehen in
- dem Spielen in einer mehr ternären („triolischen“) Rhythmik im Two Beat sowie
- der Hervorhebung von Offbeats (Synkopen),
- der körperlichen Bewegung der Parade zu weichen und wiegenden Schritten.
Tanzen statt Marschieren
Die Choreografie des Spielmannszugs, soll sie nicht in einem ständigen Konflikt mit der swingenden Musik stehen, muss sich zwangläufig ändern. Die Gangart, die Swing hervorbringt und unterstützt, wäre zumindest nach militärischen Maßstäben schon ein wenig subversiv. Nämlich mehr wiegend und weicher als die Schritte des militärischen Marschierens. Vielleicht schon ein Tanz. Eine schöne Vorstellung!
Literaturhinweise
- Eines der umfassendsten und leicht verständlichen Lehrbücher über New Orleans Drumming sowie zum Verständnis von Swing wurde von Antoon Aukes aus den Niederlanden verfasst. Mit jedem Satz und jeder Note (inklusive CD) spürt man seine Begeisterung für das Spiel der New Orleans Brassbands. Das ist wirklich ansteckend. „Second Line – 100 Years Of New Orleans Drumming“, Antoon Aukes (C. L. Barnhouse)
- Zum Verständnis der Unterscheidungen zwischen ternär, triolisch und binär: Erklärung der binären, ternären und triolischen Rhythmik
- Zum Verständnis der Begriffe Onbeat, Offbeat und Two Beat: Bausteine eines Grooves – Unterteilungen und Mikrotiming
Im zweiten Teil und im dritten Teil dieser Serie zum swingenden Spielmannszug geht es um das spezielle Einüben und die Umsetzung der Theorie in die Praxis heimischer Spielmannszüge. (2)
Vielen Dank für das Dranbleiben!
Christian W. Eggers – 21. Februar 2024 – christian@stompology.org – (letzte Aktualisierung dieses Artikels am 18. März 2024)
Fußnoten
- (1) Eine zutreffende Erklärung und für die Praxis Orientierung gebende Definition für den Begriff Synkopen aus der amerikanischen Jazz-Wissenschaft.
- (2) Der dritte Teil zu diesem Artikel erscheinen voraussichtlich Mitte März 2024.
Bildnachweise
- Titel-Foto (Teaser): Christian W. Eggers
- Artikel-Foto New Orleans Drummer: Drummers at jazz funeral for Danny Barker, New Orleans. Includes Louis Cottrell, (great-grandson of New Orleans‘ innovative drumming pioneer, Louis Cottrell Sr. and grandson of New Orleans clarinetist Louis Cottrell Jr.) of the Young Tuxedo Brass Band, far right; Louis „Bicycle Lewie“ Lederman of the Down & Dirty Brass band, second from right. Photo by Infrogmation; Quelle: Wikimedia Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5/
- Artikel-Foto Samba: Lee Pigott / unsplash.com; Titel des Bildes: Menschen, die tagsüber Bechertrommeln spielen; Bildautor bei unsplash: https://unsplash.com/de/@pappigo, das Bild wurde in Graustufen umgewandelt
