Buchbesprechung: Sam Phillips – Der Mann, der den Rock’n’Roll erfand

Dieses ist keine formale Buchbesprechung. Ich schreibe über dieses Buch so, als würde ich die Eindrücke einfach, so wie der Schnabel gewachsen ist, einem Freund oder einer Freundin mittteilen.

Das Leben eines Menschen ist am Ende wie ein altes Haus. Blickt man durch die Fenster, sieht man Türen. Weit genug geöffnet, führen sie in verschiedene Räume. Kleine, großzügige, in Kammern und vergessene Rumpelkammern. Je weiter man schaut, seinen Blick auf Details richtet, umso verwirrender erscheint das Gebäude zunächst zu sein.

Als (Hobby-) Musiker und Bewunderer der frühen packenden Sun-Aufnahmen interessiert mich besonders die Frage „Wie hat Sam Phillips das gemacht“?

Es waren, im Gegensatz zu den damals schon etablierten Labels der Großstädte, überwiegend Amateure mit Instrumenten, denen machnachmal Saiten fehlten, die in das kleine Sun Studio in Memphis kamen. Und das Studio war lange nicht in der Lage, mit der teuren Technik der großen Labels mithalten zu können.

Sam Phillips soll der vorgeschlagene Untertitel seiner Biografie nicht gefallen haben. Er sah sich nicht als Erfinder des Rocken Rolls, sondern als der, der ihn in „seinen“ Künstlern gefunden hatte.

Vielleicht war es die besondere Gabe des jungen Sam Phillips, zuhören zu können. Und ein tief verwurzelter  Respekt vor der einzigartigen Eigenheit eines Menschen, von der Phillips überzeugt war, dass wirklich jeder über sie verfügt. Man müsse sie nur zu Tage bringen und dem Künstler Mut machen, sie herauszulassen.

Laut Autor der Biografie war Sam Phillips die Perfektion suspekt; sie ängstigte ihn geradezu. Was er wollte, war etwas „Echtes“, wie er schon früh betonte.

Klar, man kann, um bei dem Bild mit dem Gebäude zu bleiben, die Türen für einen Blick auf die technische Innovation des Slap-Back-Echos richten. Es ist nicht falsch, wenn häufig auch die Art der Soundgestaltung als ein Faktor der Überzeugungskraft der Sun-Aufnahmen hervorgehoben wird. So einfach ist es jedoch nicht. Waren doch Sun-Aufnahmen in bis dahin konventioneller Aufnahmetechnik ohne technische Tricks ebenso ergreifend.  

Laut Autor der Biografie war Sam Phillips die Perfektion suspekt; sie ängstigte ihn geradezu. Was er wollte, war etwas „Echtes“, wie er schon früh betonte.

Musik aufzunehmen nach einem Rezept, dessen Ergebnis es schon zigmal gab, war für ihn uninteressant. Und sollte die Aufnahme den Geschmack der Radiostationen nicht treffen, dann hatte man zwar Geld in den Sand gesetzt aber die Musiker und er selbst jede Menge Spaß beim Aufnehmen gehabt.

In seinen späteren Jahren, so der Autor der Biografie, neigte Sam Phillips zu ausschweifenden und pathetischen  Monologen über „die Seele der Musik“. Ohne „Pinkelpausen“. Wären da nicht die frühen Aufnahmen als ein Beleg für die Geburt der musikalischen Seele jedes einzelnen Künstlers (auch der weniger bekannten Künstler) des Labels, dann würden diese Reden lediglich Zeugnisse einer wichtigtuerischen Egozentrik sein.

Daten zum Buch – Titel: Sam Phillips – Der Mann, der den Rock’n’Roll erfand – Wie ein Mann Howlin‘ Wolf, Ike Turner, Jerry Lee Lewsi, Johnny Cash und Elvis Presley entdeckte, und sein winziges Label SUN RECORDS aus Memphis die Welt auf den Kopf stellte! Erscheinungsdatum 31. Oktober 2019,Sprache: deutsch, Seitenanzahl 636, Autor Peter Guralnick, Übersetzung Michael Widemann, Illustrationen durchgehend schwarz-weiß bebildert, Verlag/Hersteller Cosoc Grand Palace, Originaltitel Sam Philipps – The man who invented RocknRoll, Originalsprache englisch, Produktart gebunden, Gewicht 1230 g, Größe (L/B/H) 178/246/39 mm, ISBN 9783982101606. Preis ca. 34,00 Euro.

Sam Phillips habe den Autor mehrfach ermahnt „die verdammte Wahrheit“ über Sun Records und ihn selbst zu schreiben. Er solle das zumindest versuchen. Das scheint dem Autor Peter Guralnick gelungen zu sein.

Ich weiß nicht, ob ich Sam Phillips nach dem Lesen des über 600 Seiten starken Werks eigentlich gemocht hätte. Die vielen Rumpelkammern sind zuweilen befremdlich und anstrengend. Viel Licht bringt auch viel Schatten, so heißt es oft.

Die Biografie ist mit ihren äußerst akribischen Quellenangaben und häufig langen Fußnotentexten keine leichte Kost.

Was mir als Leser besonders Spaß gemacht hat, war das parallele Hören der im Text mit ihren Entstehungsgeschichten erwähnten Songs. Darüber hinaus ist das eine Lehrstunde über die Zufälligkeiten, die über Erfolg und Misserfolg im Musikgeschäft entscheiden.

Was ist hängen geblieben von dem Besuch des „Gebäudes Sam Phillips“, nachdem Türen und Fenster wieder verschlossen sind?

Alles andere als die Eigenheit, mit allen Stärken und ungewöhnlichen Eigenwilligkeiten eines Künstlers, einer Künstlerin zu fördern, ist für einen Produzenten auf der Suche nach „dem Echten“ langweilig. Die größte Aufgabe ist nicht das „Recorden“ und Herumfummeln an immer wieder neuen technischen Trends der Aufnahmetechnik, sondern die Geburtshilfe der „musikalischen Seele“ des Individuums.

Was für ein Anspruch!  So einen Produzenten wünschen sich wahrscheinlich zahlreiche Musiker und Musikerinnen.

Christian W. Eggers – christian@stompology.org – 15. Januar 2026 (letzte Aktualisierung dieses Artikels am 15. Januar 2026)

Hinterlasse einen Kommentar