Altes und Neues vereinen – Verbindung von Historischem und Gegenwart bei der Musikproduktion

Wer alles Alte bewahrt, verbaut sich den Raum für Entwicklungen. Wer alles wegwirft, beraubt sich seiner individuellen Geschichte. Sich von Altem zu trennen, etwas zu bewahren oder Neues auszuprobieren – das sind Überlegungen, mit denen sich Musikerinnen und Musiker bei einer Musikproduktion wahrscheinlich häufig beschäftigen.

Beispiel-Song „Annas Kater Onkel Piet“: eine Kompromisslösung zwischen sehr alten und neueren Elementen – sowohl in der Komposition des Drumparts als auch in der Mischung aus analoger und digitaler Tontechnik zur Produktion eines Musiktitels.
Audio „Annas Kater Onkel Piet“

RhythmusSynthese aus New Orleans Parade Drumming und Rock’n’Roll

Ein spannendes Musik-Thema ist die Fusion von sehr alten Spielweisen mit neuerer Musik. Im Vergleich zur traditionellen Spielweise der Drums einer New Orleans Parade mit ihrer über einhundertzwanzig Jahre langen Tradition ist Rock’n’Roll modern. Auch für die Musikrichtung Hip-Hop kann die Parade-Rhythmik der Straßenumzüge aus New Orleans eine Fundgrube sein. (1)

Die Herausforderung liegt darin, die Parade-Drums mit ihren losen Presswirbeln und der leicht swingenden Basstrommel nach heutigen Hörgewohnheiten „steady“ wiederzugeben und dennoch den Charakter eines Parade-Grooves zu erhalten.

Da der Drummer der „Motorboats“ (Verzeihung Archie!) nicht über die motorischen Fähigkeiten eines Earl Palmer zum melodischen Bassdrum Spiel verfügt und das ohnehin schon stark strapazierte Budget keinen Studio Drummer erlaubt, wurde der Part der Bassdrum von einem Computer übernommen. 

Bassdrum aus der Maschine

Notenbild der 4-taktigen Bassdrum Figur des Beispielsongs
Audio der einzelnen Spur der Bassdrum. Es kommt einem Tabubruch gleich, den hier regelmäßig vertretenen Grundsatz „keine Computer“ zu brechen. Die komplexe 4-taktige Figur einer Second Line Basstrommel-Figur stammt aus der „klingenden Notation mit leichtem Swingfaktor“ der Noten, die in das Notenschreibprogramm zuvor eingegeben worden.

Die digital erzeugte Bassdrum und die getretene Hi-Hat wurden vom Computer auf eine alte Mono-Bandmaschine überspielt und anschließend wieder auf den Aufnahme-Computer zurückgespielt. Damit der Sound der Bassdrum aus dem Computer etwas „menschlicher“ klingt, wurde die Basstrommel mit dem Spiel einer echten Trommel gedoppelt. Das Ergebnis diente als Grundlage für das „handgemachte“ Spiel der Snare Drum, der Bassgitarre und aller weiteren Ereignisse.

Marsch Snare Drum

Im nächsten Schritt wurde die Snare Drum Figur auf eine weitere Spur synchron zur Bassdrum getrommelt.

Notenbild zur 2-taktigen Figur der Snare Drum
Audio zur Snare Drum

Der vollständige Basis-Groove von „Annas Kater Onkel Piet“

Notenbild des Basis Grooves

Audio zum Basis Grooves

Analoge Technik und digitale Technik vereint


Trotz der inzwischen unübersehbar zahlreichen Tools zur digitalen Soundgestaltung hat es beim Aufnehmen mit einem Computer Sinn, analoge Komponenten und ältere Aufnahmetechniken in den Beginn einer Produktionskette zu integrieren. Sie prägen den Sound und das Flair.

Die Auswahl und Positionierung von Mikrofonen, der Gitarrenverstärker und der Einsatz analoger Effektgeräte ermöglichen es, der Aufnahme einen individuellen Touch zu verleihen.

Digitale Tonmischung
Sobald alle Gesangsstimmen und Instrumente Spur für Spur aufgenommen sind, kann es sich lohnen, einen Profi zu beauftragen, der dem „Machwerk“ mit aktuellen Mitteln – einer Digital Audio Workstation (DAW) – den letzten Schliff verleiht.

Der Screenshot zeigt die Tonbearbeitung der Bassgitarre des Beispiel-Songs. Die Nachbildung historischer Geräte der Tontechnik und deren Integration in eine Digital Audio Workstation (DAW) eröffnet die Möglichkeit die Effekte sündhaft teurer Hardware digital zu simulieren.

Für den Beispiel-Song „Annas Kater Onkel Piet“ hat das der Musikproduzent und Schlagzeuger Christoph Buhse übernommen. Er setzte das Programm „Logic“ ein und verwendete Plugins, die alte Studiotechnik simulieren. So auch ein Tool, das den Mono-Kompressor „1176“ aus den 60er Jahren von Universal Audio emuliert.

Analoges Mastertape
Sind digitale Abmischungen und das digitale Mastering gelungen, kann anschließend und abschließend analoge Technik auf einfache Weise eingesetzt werden. Man nimmt das zuvor digital gemixte Ergebnis einfach mit einer Bandmaschine „hoch ausgesteuert“ vom Computer auf.

Tonband-Master des Beispielsongs, aufgenommen mit einem Stereo-Heimtonbandgerät Revox A77.

Zum Abschluss ein Zitat passend zum Thema „Altes und Neues“. Es stammt von Ray Davies aus dem Song The Village Green Preservation Society von den Kinks.

Preserving the old ways from being abused
Protecting the new ways for me and for you
What more can we do

In diesem Sinne: Ich wünsche viel Freude beim Experimentieren, Ausprobieren und dem Mischen von Altem und Neuem.

Christian W. Eggers – 29. November 2024 – christian@stompology.org (letzte Aktualisierung dieses Beitrags am 2. Dezember 2024)

(1) Johnny Vidacovich erklärt mit Begeisterung und begeisternd New Orleans Second Line Drumming

Der Text „Annas Kater Onkel Piet“ ist hier als Download abrufbar. Dank an Christoph Buhse (Füssen) für das kritische Hören und die Tonmischung und Dank an Gregor Hinz (Kiel) für die zeichnerische Umsetzung im Video zu „Annas Kater Onkel Piet“.

Ein Gedanke zu “Altes und Neues vereinen – Verbindung von Historischem und Gegenwart bei der Musikproduktion

  1. Also wir mögen Onkel Piet! Er ist fast so süß wie Archie selbst!

    Und Onkel Piet sieht ein bisschen so aus wie Grumpy Cat. Wie niedlich ist das denn bitte?!

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