Über das Komponieren – Alles ist schon da!

Kürzlich hat unser Interpret Archie Ancora sein Machwerk Regenbogenboogie in einem Forum für Homerecording und Hobby-Komponistinnen und Komponisten zur Diskussion freigegeben. Mutig!

Zweifel wurden daran geäußert, dass es sich tatsächlich um einen eigenen Song aus Archies Feder handelt und dieser Song nicht „aus einer 50er Jahre Schatztruhe ausgegraben“ wurde. Ein nett verpacktes Kompliment und genug Anlass darüber zu berichten, wie Songs der stompology.org Hausband Archie Ancora & His Motorboats entstehen. Ich warne alle Leserinnen und Leser. Es wird persönlich.

Einflüsse – Bombenstimmung im Bauch

Archies Mama war überwiegend eine ziemlich schlecht gelaunte Dame. Daran änderte auch die frohe Botschaft der Schwangerschaft mit dem werdenden Archie nichts.

Nur wenn sie Swing hörte, am liebsten Glenn Miller, dann war sie gehobener Stimmung. Es wummert ein Swing Beat und da sind plötzlich Endorphine, die das werdende Baby, ob es will oder nicht will, aufnimmt. Bombenstimmung im Bauch! Archie wurde „geimpft“ für den swingenden Big Band Sound und die albernen Schlager der 50er Jahre aus der Grundig Musiktruhe.

Einfälle und der Zahnarzt

Wann kommt eigentlich der Geist über Komponistinnen und Komponisten? Bei Archie nie. Gäbe es so etwas wie den „göttlichen Funken“, dann zeigt sich dieser zum Beispiel in dem Besuch eines Zahnarztes. Genauer: in einer Lesezirkel-Zeitschrift aus dem Wartezimmer.

Der Song „Beschäftigt mit Nichtstun“ im Wave Format

Man blättert etwas lustlos durch die Promi-Berichterstattung und „Bum!“.

Da steht eine Zwischenüberschrift in einem Interview mit einer Schauspielerin. Die Zeile wird im Layout hervorgehoben: „Ich bin zurzeit mit Nichtstun beschäftigt.“ Da ist er, der „göttliche Funke“.

Die Zeile ist die Idee

Froh den Arztbesuch ohne größere Strapazen überstanden zu haben geht es im gemächlichen Spaziergängertempo nach Hause. Das swingt und ist schön blöd: „Bin so beschäftigt mit Nichtstun, bin so busy mit ausruhen“. Fertig. Jedenfalls bis hier hin.

Wird das was oder wird das peinlich?

Nachdem sich die Atmosphäre der entspannten, leichten Muse mit der Zeile aufgedrängt hat, beginnt die Arbeit. Die ist nichts für schwache Nerven.

Sind schon die eigenen Ambivalenzen von „geht gut bis Oberdoppelmist“ schwer auszuhalten, sind die Reaktionen der nächsten Mitmenschen  auf die ersten Töne so eine Sache zwischen Leben und Tod einer Idee.

An dieser Stelle gilt es auch einmal den Dank auszusprechen für freundliche Ermutigungen der zwei Personen, denen ich meine Einfälle zum ersten Probehören übersende. Auch wenn beim ersten und wiederholten Hören zwischen den Kopfhörermuscheln bestimmt öfter die Augenbrauen hochgezogen werden und sich dann bestenfalls eine nachsichtige Milde à la „lass ihn mal, der Junge spielt mal wieder rum“ ausbreitet.

Das Versprechen, das Handwerk und der Toast Hawaii

Das was man schon im Kopf fertig hört, ist ein Versprechen. Wären da nicht die Grenzen fehlender musikalischer Ausbildung und unzureichenden Spielfertigkeiten die einen auf den Boden der Tatsachen halten, wäre das Versprechen schnell eingelöst.

Es sind Entscheidungen zu treffen. Songform, Arrangement und Text mit den singbaren Silben kommen nicht automatisch. Versuch und Irrtum auf der Basis von alten Rezepten aus dem Kochbuch der „Mucker“ ist ein abenteuerliches Handwerk.

Bleibe ich bei dem Bild „Kochen“, dann weiß ich, dass Aromastoffe aus der Packung nur ein schales  „es schmeckt wie“ und nie ein „das ist es-Gefühl“ auslösen. Also, Finger weg von Konvenienz, Bohnen aus der Dose und künstlichen Aromen aus der Magie-Flasche.

Nun bin ich aber kein Paul Bocuse am Herd. Auch die aus dem Dilettantismus und einem unerschütterlichen Selbstbewusstsein geborene Genialität des ersten westdeutschen Fernsehkochs Clemens Wilmenrod mit seinem Toast Hawaii ist mir nicht gegeben. Was nun?

Einfache Kost mit wenigen Zutaten, die nicht als mehr erscheinen sollen, als das was sie sind. Auch ein Butterbrot kann schmecken.

Ray Davies

Das Rezept des Herrn Davies

In einem Radio-Interview wurde der Musiker Ray Davies (The Kinks) nach einem Rezept für den perfekten Song befragt. In typischer Selbstironie des britischen Gentlemans beantworte Ray Davies die Frage sinngemäß so:

Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Kind und kommen auf eine Party von Erwachsenen. Nun wollen Sie die Erwachsenen für drei Minuten unterhalten und deren uneingeschränkte Aufmerksamkeit erhalten. Nach einem furiosen Einstieg kommen Sie schnell zum Thema. Damit die Gäste nicht merken, dass Sie eigentlich immer das gleiche spielen, bauen Sie eine kurze Variation ein. Nun kommen Sie zurück zum Thema und bevor es langweilig wird rasch zum Schluss.

Der Rest ergibt sich

Vielleicht hat Ray Davies mit Lola genau so einen perfekten Song komponiert. Es ist alles schon dagewesen und man kann das Rad wahrscheinlich nicht neu erfinden. Nur ein wenig an der Bauweise und dem Design arbeiten.

Die „eigene Note“ kommt von allein. Auch sie ist meist schon lange da. Man muss einfach nur herausbekommen wer man ist und nicht wer man sein möchte. Der Rest ergibt sich.

In diesem Sinne hier das neueste Werk des gesammelten Blödsinns und der leichten Muse von Archie Ancora & His Motorboats: „Beschäftigt mit Nichtstun“.

Christian W. Eggers – 19. September 2024 – christian@stompology.org – (letzte Aktualisierung dieses Artikels am 20. September 2024) 

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